Rauschen im Blätterwald

So langsam dringen mehr und mehr Informationen an die Öffentlichkeit. Ich werde immer öfter mit den Worten „Was ist denn da draußen im Wald los?“ angesprochen. Kurioserweise habe ich das Gefühl, dass ich nicht so richtig vom Leder ziehen sollte. Irgendwie scheue ich die Konfrontation. Ist ja auch blöd, wenn man sich mit der Verwaltung seiner eigenen Kleinstadt anlegen will.

Das mit dem Verkauf des Grundstückes aus dem Stadtwald und der Umwandlung in eine Erdbeerplantage ist sicher nur ein dummes Missverständnis. Kein Mensch kann daran wirklich Interesse haben! Heutzutage schon gar nicht. Die Natur und deren Erhalt gehen bekanntlich vor! Das sagt doch der gesunde Menschenverstand, denke ich mir. (Heute kann ich nur darüber lachen, wie naiv ich damals war.)

Nach meinem Auftritt beim Stadtentwicklungsausschuss bleibt es jedoch immer noch recht still von offizieller Seite. Bis sich dann auf einmal die Presse zu Wort meldet.

Dienstag, 21. Februar

In der Internet-Ausgabe unserer Wulfenforter Stadtzeitung kann man lesen, dass sich die Stadtverordneten am kommenden Mittwoch treffen. Da ist auch ein Link auf die Tagesordnung zu finden. Dort steht als einer der Tagesordnungspunkte im nichtöffentlichen Teil „Grundstücksangelegenheiten“. Ich weiß inzwischen nur zu gut, dass man unter dieser Bezeichnung der Versammlung den Teil findet, bei der die Öffentlichkeit nichts zu sagen hat und auch nicht einmal zu gegen sein darf. Mit Grundstücksangelegenheiten ist, so hat man mir zugeflüstert, der Verkauf der Baumschule Heidenholz gemeint.

Zugeflüstert ist gut. Ich habe kein Ahnung wie oft ich in den nächsten Wochen noch sagen werde, dass ich diese und jene Information habe, sie aber nicht verwenden kann, weil ich die Quelle nicht nennen darf. Dabei sehe ich ja ein, dass man Auskünfte aus dem nichtöffentlichen Teil nicht so einfach ausplaudern darf. Aber irgendwie herrscht in unserer Stadt doch auch wohl ein recht befremdliches Klima. Mehrere Stadtverordnete erzählen mir im Laufe der Zeit, dass Bürgermeister Felsentramp ihnen mit einer Anzeige gedroht hat, wenn sie aus dem nichtöffentlichen Teil plaudern. Ich finde das komisch. Wir sind hier ein ziemlich kleines Örtchen, da kommt früher oder später sowie alles ans Licht. Auch, dass der Herr Beyer vom Liegenschaftsamt mit dem Plantagenbesitzer verwandt ist.

Dass ich das schon einigermaßen verwerflich finde, soll ich auch nicht öffentlich herausposaunen, rät man mir. Ob der Bürgermeister mich dann auch verklagen würde? Zum Glück habe ich ja eine Rechtschutzversicherung, denke ich und bin meinem Mann dankbar, dass er nicht zugestimmt hat, diese zu kündigen. Bis vor einiger Zeit war ich vollkommen davon überzeugt, dass das wirklich rausgeschmissenes Geld ist. Ich sitze hier fast den ganzen Tag im Wald und schreibe Bücher über Liebe und so. Mein Mann ist auch nicht gerade ein streitbarer Mensch. Wozu brauchen wir dann eine Rechtschutzversicherung, hatte ich mir bisher gedacht. Nach den ganzen Erzählungen über Anzeigen und Verklagen, weil man unangenehme Wahrheiten ans Licht bringt, bin ich froh, dass ich mich nicht durchgesetzt habe. Falls mir in Zukunft mal wieder jemand das Schweigen anrät, damit ich nicht vor Gericht lande, könnte ich ja entgegnen, dass ich eine gute Rechtsschutzversicherung habe. Ehrlich gesagt hätte ich nicht geglaubt, dass ich das wirklich einmal so aussprechen würde. Werde ich. Und nicht nur einmal.

Am gleichen Tag erscheint auch noch ein Artikel in unserer lokalen Presse. Der trägt die Überschrift „Protest gegen Verkauf der Baumschule“. Darunter wird den Lesern mitgeteilt, dass die Wulfenforter Stadtverordneten am Mittwoch nicht-öffentlich entscheiden, ob die ehemalige Baumschule Heidenholz verkauft wird. Der Betreiber der Erdbeerplantage wolle auf zehn Hektar Gelände weitere Anbauflächen schaffen. Doch dagegen würde sich Widerstand regen und die Zustimmung des Stadtparlaments sei auch noch nicht gewiss.

Wow, denke ich, das sind aber mal klare Worte. Ich lese weiter und entdecke sogar meinen Namen. Und etwas über die Interessengemeinschaft Heidenholz. Ich finde, wir kommen ganz gut weg in dem Artikel. Ich werde sogar zitiert. Mehrmals. Teile meines Konzeptes werden vorgestellt und der ganze Tenor geht in die Richtung, dass ein Verkauf unnötig ist, weil die Stadt genug Geld im Stadtsäckel hat.

Ich habe mein Konzept inzwischen per Mail in der halben Welt verteilt und natürlich auch die Presse nicht vergessen. Es ist mir mittlerweile vollkommen egal, was mit meinen Ideen geschieht. Ich kann mich immer nur wiederholen, dass ich den Wald retten will. Um Ideen bin ich sowieso nicht verlegen, die wachsen bei mir im Kopf, wie Unkraut nach dem Regen. Bäume dagegen brauchen ewig, bis sie groß sind.

Einen Tag später, als die denkwürdige Stadtverordnetenversammlung anberaumt ist, freue ich mich, dass auch die Online-Ausgabe der Wulfenforter Stadtzeitung noch einmal das Thema aufgreift. Auch hier lautet die Überschrift „Protest gegen Verkauf der Baumschule“. Wenn die Stadtverordneten das lesen, dann können sie gar nichts anderes tun, als den Kaufantrag abschmettern, denke ich mir. Noch bin ich naiv und vertrauensselig. Das bleibt nicht so. Versprochen.

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(Fast) allein gegen den Rest der Welt

Dienstag, der 7.2.

Der große Termin ist da! Heute sollen wir oder eigentlich soll ich DAS KONZEPT vorstellen. Die ganze letzte Woche habe ich daher an einer PowerPoint Präsentation gebastelt. Zum Glück hat meine eine Nachbarin mehr Ahnung von der Konzepterstellung als eine Romaneschreiberin. Ohne die hätte ich ganz schön alt ausgesehen. So kann ich meine Ausführungen sogar mit Zahlen über geplante Einnahmen unterlegen.  Meine Stärke ist es emotionale Worte zu finden. Gefühle, Liebe und ein bisschen Herzschmerz sind mein Tummelplatz. Dummerweise kommt sowas bei den meisten Männern nicht so gut oder überhaupt nicht an. Und bei diesen Männern, die hier im Stadtentwicklungsauschuss unserer Kleinstadt sitzen, wird das kaum anders sein. Das verrät mir schon der erste Blick auf die Anwesenden.

Den Vorsitz hat ein Herr Fersenbein. Der schaut schon so unfreundlich daher, dass es wohl abschreckend wirken soll. Unser Bürgermeister ist nicht anwesend. Dafür sein Stellvertreter, der Herr Dr. Freundlich. Ich weiß wirklich immer noch nicht, ob sein Name Programm ist. Aber zumindest lächelt er beim Guten-Abend-Sagen. Die meisten der Anwesenden kenne ich nicht. Darüber ärgere ich mich schon ein bisschen. Das kommt davon, wenn man ständig nur im Wald steckt oder auf der Tastatur herumhämmert, denke ich mir. Zur mir gewogenen Fraktion zähle ich Frau Sänger und Frau Näher. Herr Geradeaus ist nicht da. Den hätte ich auch gern zur Verstärkung haben wollen. Dann ist da noch einer der Handwerker, die schon mal an unserem alten Häuschen gewerkelt hat. Vielleicht ist er mir auch wohl gesonnen. Schließlich bin ich seine Kundin. Aber wer weiß schon, wo er noch alles gearbeitet hat.

Naja, auf alle Fälle sind Mann und die Nachbarn anwesend. Die werden mir sicher seelisch und moralisch den Rücken stärken. Immerhin werde ich sie während meines Vortrages ansehen und  an ihrem Mienenspiel erkennen, ob ich meine Sache einigermaßen gut mache. Ich kann, als ich das denke, noch nicht ahnen, wie falsch ich liege. Das scheint übrigens mein neuestes Hobby zu sein; etwas Positives zu erwarten, was dann keineswegs eintritt.

Die Versammlung beginnt und Herr Fersenbein weist erst einmal darauf hin, dass heute Abend Fußball ist und sich alle möglichst kurz halten sollen. Ich finde das ziemlich seltsam. Es war mir vorher nicht klar, dass ein Fußballspiel wichtiger ist als die Frage, wie und wohin sich unser Städtchen Wulfenfort entwickeln soll.

Frau Näher stellt gleich zum Anfang den Antrag, dass die einzelnen Parteien, denn der Mensch von der Plantage ist, auch hier, ihre Konzepte im nicht öffentlichen Teil vortragen. Darum hatte ich sie gebeten, denn unsere Ideensammlung enthält einige Punkte, die sich die Gegenseite gut und gerne merken könnte. Irgendwie hat sie da wohl einen Verfahrensfehler gemacht, denn Herr Fersenbein fährt sie sofort an, das das jetzt nicht die richtige Stelle wäre. Dabei hätte ich tatsächlich gedacht, dass sowas an den Anfang einer Versammlung gehört. Aber gut. Sie bringt den Antrag also später noch einmal ein und ich werde gefragt, ob das denn wirklich nötig sei. Weil ich das momentan so empfinde, bestehe ich darauf und bekomme bei der Abstimmung über diesen Punkt sogar Recht. Das finde ich gut. Und wieder war das falsch gedacht. Es wäre echt besser gewesen, wenn die Zeitung damals über meine Ideen berichtet hätte. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.

Wenn man im nichtöffentlichen Teil etwas darlegen soll, dann bedeutet das aber auch, dass man ganz zum Schluss dran ist. Das halte ich für gar nicht so schlimm, denn es ist interessant, wie Politik so im Kleinen gemacht wird. Da gibt es schon recht seltsame Sachen. Die arme Frau Sänger will etwas zu Gehör bringen und wird von Herrn Fersenbein, der mir immer unsympathischer wird, regelrecht angetrieben. Sie überschlägt sich beim Sprechen fast und trotzdem drückt seine Körpersprache mehr als deutlich aus, dass ihn ihre Ausführungen nerven. Es fehlt nur noch, dass er sagt, sie soll schneller zum Ende kommen.

Danach werden weiter Sachen besprochen. Unter Anderem erhält auch ein Mensch, der ein Projekt für ein neues Wohngebiet vorstellt, das Wort. Das ergreift er voller Ruhe und ohne unter Zeitdruck zu stehen. Ist ja auch richtig so. Zu einem ordentlichen Vortrag gehören entsprechende Pausen, um die vielen Informationen sacken zu lassen. Komischer Weise ist das jetzt auf einmal voll in Ordnung. Also hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Hoffentlich bin ich nachher nicht zu aufgeregt und rassle alles im Stück herunter. Egal wie, diesen Menschen hat man jedenfalls nicht mit dem Hinweis auf das heute noch stattfindende Fußballspiel angetrieben. So will ich das auch haben. Mir persönlich ist Fußball eh egal und ich nehme mir vor, mich nicht hetzen zu lassen.

Dann ist endlich unser Tagesordnungspunkt dran. Alle anderen müssen den Saal verlassen. Auch die Nachbarn. Soweit zur moralischen Unterstützung, die ich mir erhoffte. Das Argument, dass wir inzwischen eine Interessengemeinschaft sind, zählt nicht. Was zählt, ist die Kommunalverfassung. Das ist übrigens auch ein Thema, welches mich in den nächsten Monaten nicht wenig beschäftigen wird. Wie dem auch sei; Herr Dr. Freundlich weist darauf hin, dass man vorher hätte beantragen sollen, wenn mehrere Leute im nichtöffentlichen Teil bleiben wollen. Ich bin ein bisschen sauer, denn woher sollen wir denn sowas wissen. Und überhaupt, so argumentiert er,  würde die Einladung für den heutigen Abend nur für mich gelten.

Da geht sie hin meine moralische Unterstützung. Sie muss vor der Tür warten. Ich stöpsle einstweilen meinen Laptop an den vorhanden Beamer. Währenddessen fordert mich Herr Fersenbein nicht gerade sehr höflich auf, dass ich mich zuerst einmal vorstellen solle, schließlich würde er mich nicht kennen. In Gedanken brubble ich zurück, denn ich kenne ihn ja auch nicht. Und das was ich bisher mitbekommen habe, das reicht mir. Aber ich antworte höflich, so empfinde ich jedenfalls, dieses ich das mit meinem Vortrag erledige.

Ich bin ganz schön aufgeregt und spreche natürlich zum Anfang zu schnell. Dabei bin ich es gewohnt vor vielen Leuten zu stehen. Aber die kommen im Allgemeinen zu mir, weil sie mir zuhören wollen und mich irgendwie auch wenigstens ein bisschen mögen. Das ist hier heute anders. Egal, da muss ich jetzt durch denke ich mir und versuche meine Nervosität zu dämpfen. Je länger ich rede, desto besser gelingt mir das. Nach der Einführung lande ich beim Wald, seinen Nutzen für uns alle und die Einwohner von Wulfenfort speziell. Das ist mein Thema! Ich erzähle über Waldbaden, über die neuesten Erkenntnisse aus Japan und wie wir das hier anwenden könnten. Und ich merke, wie ich immer sicherer werde. Allerdings darf ich nicht zu Herrn Fersenbein blicken. Dessen Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt. Bei Herrn Dr. Freundlich habe ich ab und zu das Gefühl, der würde vielleicht gern nicken, aber er darf wohl nicht.

Jedoch habe ich mich gleich zum Anfang erst einmal über ihn geärgert. Ich fange mit meinem Vortrag an und der läuft hin und her und sogar aus dem Raum heraus. Als er das zweite Mal aufsteht, bin ich schon versucht etwas zu sagen. Ich bin hier eingeladen worden, um meine Sachen vorzutragen und finde das ziemlich unhöflich, wenn er so tut, als geht ihn das Konzept nichts an. Während ich noch überlege, wie ich das formuliere, setzt er sich wieder und ich konzentriere mich weiter auf meine Ausführungen.

Dummerweise sitzen Frau Sänger und Frau Näher so, dass ich ihnen nicht in die Augen schauen kann. Da kann ich mir also weder Zuspruch noch Bestätigung holen. Meine Nachbarn hat man vor die Tür gesetzt und ich stehe hier ganz allein. Trotzdem denke ich nicht daran mich unterkriegen zu lassen. Schließlich bin ich überzeugt, dass die Ideen, die hinter dem Ganzen stecken und jetzt endlich auch ein Gesamtpaket bilden, wirklich etwas Gutes sind. Angefangen hat es damit, dass ich eigentlich nur den Wald retten wollte. Mittlerweile steckt in der Angelegenheit so viel Herzblut von mir, dass ich das Projekt jetzt auch gern verwirklichen würde. Immerhin entdecke ich das eine oder andere Nicken von den Leuten, die ich nicht kenne. Das ist doch schon erst einmal ein Anfang.

Als ich fertig bin, stellt einer der Anwesenden eine Frage, die für mich wirklich einen Knackpunkt darstellt. Er möchte wissen, warum der zuständige Förster den derzeitigen Bewuchs auf einem großen Teil der Fläche als minderwertig und nicht erhaltenswert einstuft. Wenn ich nur wüsste, weswegen das so im Raum steht?

Auf jeden Fall hat er damit bei mir in ein Wespennest gestochen. Schließlich bin ich Försterstochter und habe oft genug mit meinem Vater über solche Sachen diskutiert. Also erkläre ich im Brustton der Überzeugung, dass die meisten der heutigen Förster den Wald oft nur als Wirtschaftsobjekt sehen. Sie rechnen in Festmetern, die Geld bringen, in Brennholz, welches sich verkaufen lässt und hätten am liebsten nur solche Bäume, die man auf einer Auktion verkaufen kann. Alles andere ist ihnen egal. Oder muss ihnen egal sein. Aber das Letzte denke ich nur. Sicher tue ich mit meinem Statement unserem Förster Unrecht, aber ich habe das Gefühl, dass ich ab und zu mal über die Stränge schlagen muss, um mein Ziel zu erreichen.

Es kommen noch zwei oder drei Fragen, aber der Herr Fersenbein will ja zum Fußball und zeigt das auch deutlich. Ich packe zusammen und man bittet mich meine Ausführungen an die Stadt zu schicken. Es kommt gut an, dass ich mich bereit erkläre, das Ganze als PDF zu mailen. Was sollen sie den mit den Folien der PowerPoint-Präsentation? Das bedeutet für mich natürlich wieder eine Menge Mehrarbeit, denn ich werde die Notizen ausformulieren müssen. Egal. Wir besprechen, dass ich spätestens zum Ende der Woche alles fertig habe, damit man dann mein Konzept an das Protokoll der heutigen Sitzung hängen kann.

Dann verlasse ich den Saal. Der Andere ist dran. Der Erdbeer-Mensch hat keinen Laptop mit und ich kann auch keinen dicken Ordner entdecken. Ich würde ihn gern unsympathisch finden, aber das ist er nicht. Irgendwie tut es mir daher sogar leid, dass wir ihm so viel Stress machen. Und jetzt würde ich doch zu gern wissen, was er vorträgt. Aber wir sind ja inzwischen im nichtöffentlichen Teil gelandet. Da bin ich ja jetzt selber schuld. Vor der Tür warten mein Mann und die Nachbarn. Nun ist die Interessengemeinschaft Heidenholz wieder komplett. Wir versichern uns, dass wir getan haben, was wir konnten und machen uns auf den Heimweg

Zu Hause angekommen, muss ich erst einmal eine Flasche Wein köpfen. Ich brauch jetzt dringend etwas zu Stärkung. Das Ganze zerrt ziemlich an den Nerven. Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Abend so mitnimmt. Dagegen sind die Emotionen in meinen Liebesromanen ja blanker Kinderkram. Vielleicht sollte ich solche Erfahrungen da auch mal mit einbauen? Das macht die Geschichten womöglich etwas tiefgründiger. Aber wollen meine Leserinnen sowas überhaupt? Ich weiß überhaupt nichts mehr!

Ich weiß nur eines: Ursprünglich wollte ich doch nur den Wald retten. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die halbe Stadtverwaltung gegen mich habe.

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Von Albträumen, Telefongesprächen und Stimmungsschwankungen

Ich stehe auf einer großen Bühne und schaue in den Saal unter mir. Da sitzen viele Leute mit abweisenden Gesichtern. Ich habe das Gefühl, dass ich sie kenne, weiß aber nicht woher. Plötzlich bemerke ich, dass ich ja gar kein Buch in den Händen halte. Was ist denn das für eine komische Lesung? Ich kann doch nicht aus meinen Romanen vorlesen, wenn ich gar kein Exemplar mitgebracht habe. Mir wird siedend heiß. Ich will etwas sagen. Aber ich kann nicht sprechen. Auf einmal fangen alle an zu lachen und werfen mit Tannenzapfen nach mir. Sie verwandeln sich vor meinen Füßen in Erdbeeren, die zu wachsen scheinen. Es werden immer mehr und ich beginne, langsam darin zu versinken.

Schweißgebadet wache ich auf. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Was für ein Albtraum!

Ich hoffe, dass das nicht die nächsten Nächte so weiter geht. Und das alles nur, weil ich am Freitag, den Brief erhalten habe, der mich zum Stadtentwicklungsausschuss einlädt. Dort darf ich mein Nutzungskonzept für die alte Baumschule Heidenholz vorstellen.  Ich mag gar nicht daran denken, denn ich grusele mich echt davor. Schreiben, Vorlesen, Reden – das ist alles kein Problem für mich. Zugegebenermaßen, wenn ich davon ausgehe, dass mein Publikum mir wohlgesonnen ist. Diese verfluchte Harmoniesucht! Vielleicht hätte ich doch lieber Krimis verfassen sollen. Da wäre ich zumindest im Umgang mit „dem Bösen“ geschult. Aber nein, ich musste mir ja ein Genre für meine Storys aussuchen, bei dem man ein Happy End erwartet. Ob die Geschichte mit dem Wald retten so ausgeht, das bezweifle ich mal wieder stark.

Mein Problem ist auch, dass ich denke, dass ich den Leuten dort Zahlen vorlegen muss. Sie wollen sicher wissen, ob ich die fällige Pacht auch aufbringen kann, wenn sie mir das Gelände überlassen. Ich habe tausend Ideen, aber die müssen auch etwas einbringen.  Bisher habe ich nur alles zusammengetragen, was man machen könnte. Partner dafür habe ich auch im Sinn, aber noch keine Gespräche mit denen geführt. Das war ja nicht nötig, denn das Thema stand ja bisher noch nicht so wirklich auf meiner persönlichen Tagesordnung. Vor einem halben Jahr war die Fläche, für die ich jetzt ein Konzept erstellen soll, nur eine wage Wunschvorstellung. So nach dem Motto: „Ach ist es hier schön. Da könnte man das und dies und jenes tun. Aber da brauche ich mir jetzt keine konkreten Gedanken machen. Hier sitzt der Verein Pusteblume und baut Gemüse für die Tafel an. Das ist so. Und wird sicher auch so bleiben.“

Und dann kam alles ganz anders. Ich hätte nie im Traum daran gedacht, dass die Stadt Wulfenfort dieses Gelände einmal verkaufen würde. Verkaufen? Grund und Boden? Wer macht denn sowas ohne Zwang?

Kaufen will ich ja sowieso nicht. Ich finde, das spricht für mein Vorhaben. Die Stadt behält ihr Eigentum und bekommt zwar keine große Summe Geld auf einmal, aber dafür regelmäßige Beträge. Außerdem möchte ich, dass die Leute von der Pusteblume weiterhin ihr Gemüse für die Tafel anbauen.  Das wäre ein weiterer Pluspunkt, denke ich mir.

Jetzt muss ich bloß noch nachweisen, wie ich die Pacht aufbringen werde. Darum nehme ich mir meine Ideensammlung vor. Dummerweise habe ich gerade mal etwas mehr als eine Woche Zeit, um alles abzuklären. Sobald ich auf diese Versammlung konkrete Sachen vortrage, dann sollten die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, doch wenigstens was davon wissen. Also mache ich eine Liste, auf der ich notiere, wen ich alles dringend anrufen muss.

Zum Glück bin ich ein Listenfanatiker. Ich erstelle mir eine Tabelle mit drei Spalten. Links kommt hin mit wem ich reden will. Daneben schreibe ich worum es geht. Und die rechte Spalte bleibt erst mal für die Antwort, die hoffentlich positiv ausfällt, frei.

Das sieht doch schon erst einmal gut aus! Voller Elan greife ich zum Telefon. Wenn ich ehrlich bin, stehen oben auf meiner Zusammenstellung, die Leute, von denen ich denke, dass sie meine Ideen gut finden. Wer will denn schon gleich am Anfang auf Einwände oder gar Ablehnung stoßen? Das wäre ja sowas von deprimierend.

Diese Vorgehensweise war an und für sich nicht schlecht ausgedacht. Aber das echte Leben hält sich nicht an meine Vorstellungen. (Vielleicht denke ich deshalb so gern eigene Geschichten aus.)

Gleich der erste Anruf wird ein Flopp. Nicht direkt, aber ein Erfolg wird es auch nicht. Leider geht die Standesbeamtete nicht ans Telefon. Die war damals so begeistert, als wir die Zeremonie zu unserer Hochzeit im Wald abgehalten haben. Sie würde bestimmt gern ab und zu mal draußen arbeiten. Eine Trauung im Freien ist doch, wenn das Wetter hält, immer etwas ganz besonders. Das könnte man gleich mit dem Pflanzen eines Baumes verbinden, male ich mir die Sache breit aus.

Beim zweiten Anruf habe ich mehr Glück. Ich habe einen mir bekannten Imker am Telefon und frage ihn, wie es mit „XYZ Waldhonig“ wäre? Der findet die Idee zu meinem Glück klasse und liefert mir auch gleich noch ein Argument für den Vortrag. Auf so einer Monokultur, wie es eine Erdbeerplantage ist, stehen ja oft auch Bienenstöcke. Aber der Honig enthält durch den Einsatz von Düngemittel und Pestiziden chemische Stoffe. Honig aus dem Wald dagegen ist relativ naturbelassen. Das scheint mir einleuchtend.

Mit neuem Mut wende ich mich meiner Aufstellung zu und telefoniere weiter. Es läuft durchaus ziemlich gut. Als ich mir zwischen zwei Gesprächen das Gesicht reibe, merke ich, dass mir vor Aufregung ganz heiß geworden ist. Ich schaue in den Spiegel: Tatsächlich, ich glühe. So geht es mir sonst nur beim Schreiben, wenn ich gerade einen richtig guten Lauf habe. Das macht mir Mut.

Ich rufe auch noch einmal beim Verein Pusteblume an und informiere sie über die Einladung. Ich frage sie, ob sie noch irgendwelche Ideen hätten, die sie nicht verwirklichen konnten. Etwas direkt Neues, was nicht auf meiner Liste steht, können sie mir auch nicht erzählen. Außerdem sind sie so unglücklich, dass die Stadt sie unbedingt auf das ungeliebte und unpassende Ausweichgelände umsetzen will, dass sie kaum noch an etwas anderes denken können. Sie tun mir leid, aber ich könnte ihnen erst helfen, wenn ich das Gelände pachten darf.

Also weiter.

Es geht mir die nächsten Tage ständig nur um dieses Konzept. Für nichts anderes habe ich mehr Platz in meinen Kopf. Zum Glück widerholt sich der Albtraum mit den Erdbeeren nicht. Nachts schlafe ich wie ein Stein. Tagsüber stehe ich unter Hochspannung. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Ich telefoniere, SMSe und Maile, was das Zeug hält.

Im Nachbarort gibt es einen Husky-Verein, der mit seinen Schlittenhunden Fahrten anbietet. Die würden auch hier herkommen und rund um das Gelände kutschieren. Der Landfrauenverein könnte sich vorstellen, auch mal auf dem Heidenholz-Areal etwas zu machen. Allerdings halten die sich etwas bedeckt. Ich kann es ja irgendwie auch verstehen. Landfrauen sind unter anderem auch für ihre Kochkünste und  speziell die Marmeladen bekannt. Und die werden halt oft aus Erdbeeren gemacht. In dieser Hinsicht finden sie so eine Erdbeerplantage sicher auch ganz nett.

Ich muss damit leben, dass nicht alle von meinen Ideen begeistert sind. Von manchen Leuten, bei denen ich mich per Mail melde, bekomme ich nicht einmal eine Antwort. Das ist nun mal so, denke ich mir und wühle mich auf der Suche nach Unterstützern weiter durchs Internet.

Als ich eine Vorlage suche, wie so ein Konzept eigentlich offiziell auszusehen hat, stoße ich auf einen Bericht eines Landschaftsarchitekten, der da lautet „Freiraumplanerischer Umgang mit Bestandsbäumen am Beispiel des Waldparks in Potsdam“. Da sind einige ansprechende Formulierungen drin, die ich mit notiere. Außerdem steht da ein Satz der mich aufmerken lässt: „ihre vegetationskundliche und faunistische Entwicklung (wird) von der Uni Potsdam wissenschaftlich untersucht.“ Das wäre ja mal ein Partner! Mittlerweile verliere wohl ich jede Zurückhaltung und schreibe gleich mal eine Mail an die Universität. Ich suche mir als Adressaten den Referatsleiter für Forschungsangelegenheiten, -förderung, Forschungsberichterstattung und Kooperationsverträge heraus. Wie wichtig es ist, sich gleich an die richtige Leute zu wenden, werde ich später noch feststellen.

Jedenfalls versuche ich, diesen Menschen mit folgenden Argumenten zu ködern. „Im Allgemeinen werden die Baumschulen, wenn sie aufgegeben werden, dem Erdboden gleich gemacht. Der Bestand hier in Wulfenfort steht in den ursprünglichen Quartieren seit beinahe 30 Jahren. Wäre das nicht eine interessante Forschungsaufgabe? Wann kann man schon mal nachvollziehen wie sich so ein geordneter Bestand entwickelt, wenn er sich selbst überlassen wird?“ Dabei vergesse ich in meiner Begeisterung wieder einmal ganz, dass solche Forschungsprojekte lange im Voraus geplant und genehmigt werden müssen. Darauf wird man mich später in einem netten Schreiben hinweisen. Aber im Moment greife ich nach jedem Strohhalm.

Als ich nahezu alle meine Ideen unterfüttert habe, mache ich mich mit meinen Aufzeichnungen auf den Weg zu meiner Nachbarin. Die kennt sich Antragsstellungen, Konzepten und Projekten viel besser aus als so eine Frau, die hauptsächlich Liebesromane schreibt. Ich bin sowas von froh, dass sie mir hilft, zu dem Ganzen jetzt auch noch konkrete Zahlen hinzuzufügen.  Daraus mache ich dann später eine PowerPoint-Präsentation mit vielen einprägsamen Bildern. Die kommt richtig gut – denke ich mir.

Am Ende bin ich richtig stolz auf meine Arbeit. Wenn ich etwas zu entscheiden hätte, würde ich mir den Zuschlag geben. Was ich da so ausführe ist schlüssig, rund und kommt allen interessierten Bürgern von Wulfenfort in der einen oder anderen Art zu Gute. Die verwilderte Waldfläche bleibt erhalten und kann als Schulungs- und Erholungsort genutzt werden. Es gibt eine Menge von interessanten Kursangeboten und Seminaren. Der Verein Pusteblume baut weiter sein Gemüse an und die weniger begüterten Menschen können sich bei der Tafel mit frischen Lebensmitteln versorgen. Für mich ist das stimmig. Und mein Hauptanliegen ist auch voll abgedeckt. Ich will doch in erster Linie den Wald retten. Und jetzt habe ich endlich mal ein ein gutes Gefühl.

Das bleibt jedoch nur solange, bis ich Mail mit dem Inhalt erhalte, dass in der letzten Hauptausschusssitzung der Vorschlag unterbreitet wurde, dass der  TOP Verkauf Baumschule Heidenholz in den Stadtentwicklungsausschuss verwiesen wurde.

Es dauert eine Weile bis mir dämmert, dass mit TOP der Tagesordnungspunkt gemeint ist. Also nicht top wie topfit oder topwichtig oder so. Das mit dem Stadtentwicklungsausschuss ist mir inzwischen bekannt, denn ich habe ja eine Einladung zu dieser Veranstaltung bekommen. Was mich aber irgendwie erschreckt ist die Information, dass das Thema dort ausführlich mit mir und dem anderen Interessenten diskutiert werden soll. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Es gibt ja noch den zweiten Bewerber, wegen dem das eigentlich alles stattfindet.  Wir sollen gegeneinander antreten? Sicher macht das für die Stadtverordneten Sinn. Aber ich finde es gruslig. Ein Battle um den Wald? Keine Ahnung, warum mir sofort dieser englische Begriff einfällt. Um mich abzulenken, google ich erst einmal, was es mit dieser Bezeichnung für einen Wettstreit auf sich hat. Na prima: Die Schlacht bei Hastings 1066 endete mit der Niederlage der Angelsachsen. Hatte ich erwähnt, dass ich ursprünglich aus Sachsen komme? Daher beruhigt mich diese Information ganz und gar nicht.

Zumal es in der Mail im schönsten Amtsdeutsch heißt: „Sie werden also beide die Gelegenheit haben, Ihre Vorhaben und Projekte vorzustellen. Anschließend liegt es dann in der Entscheidungskompetenz der Stadtverordneten wie das Verfahren weiter geführt wird.“

Meine Hochstimmung ist verflogen. Umso mehr, als ich erfahre, dass mein einer Nachbar auch bei der Hauptausschusssitzung war und dort recht unbequeme Fragen zum Thema gestellt hat. Die aber wurden von unserem Bürgermeister Felsentramp entweder zurückgewiesen oder sind unbeantwortet geblieben.

Ich bin mir meiner Sache auf einmal gar nicht mehr so sicher.

wohin

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Vom Schweigen im Walde

Samstag, der 21.Januar
Das neue Jahr geht ins Land. Nichts passiert. Im wahrsten Sinne des Wortes ist „Schweigen im Walde“ angesagt. Fakt ist: Ich habe ewig nichts mehr „von der Sache“ gehört. Allerdings sprechen mich die Leute in der Stadt ständig an und fragen, was nun mit dem Wald wird. Ich kann nur mit den Schultern zucken und auf den Artikel in der Stadtzeitung verweisen, indem stand, dass das Grundstück nun nicht verkauft wird. Mehr weiß ich nicht und finde das langsam immer komischer.

Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle und darum finde ich es ganz in Ordnung, dass bei einer dieser ergebnislosen Unterhaltungen mein Gegenüber das Handy zückt und einen befreundeten Stadtverordneten anruft. Der Angerufene wundert sich, dass man mich noch nicht informiert hätte. Angeblich wäre mein Projekt nicht ausgegoren und hätte keinen Einfluss auf die Verkaufsentscheidungen.

Jetzt bin ich an der Reihe mich zu wundern. Welches Projekt? Ich habe damals auf dem Liegenschaftsamt nur meine Aufzeichnungen aus meinem Projektbuch zur Verfügung gestellt, weil der arme Sachbearbeiter nicht so schnell mitschreiben konnte. Das waren reine Brainstorming-Notizen. Weit entfernt von etwas, was man Projekt hätte nennen können. Na jedenfalls, so der Abschlusstenor am anderen Ende der Leitung:  Ich wäre doch eingeladen, um meine Absichten hieb- und stichfest in zirka zwei Wochen vor dem Stadtentwicklungsausschuss vorzustellen.

Irgendwie wird mir nach dieser Information ganz komisch. Ich habe keine Einladung, keine Nachricht, kein Garnichts. Praktisch hat es sich so angehört als wolle man eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung von mir. Warum eigentlich? Wenn ich die Pacht aufbringe und den Wald nicht ruiniere, dann kann es ihnen doch an und für sich egal sein.

Ich nehme mir den Zeitungsartikel vom Dezember noch einmal vor. Dort steht: Eine anderweitige Vergabe ohne wirtschaftlich nachvollziehbares Konzept ist ebenfalls mit vielen Fragezeichen versehen. Ach du liebes bisschen!

Was soll ich denn jetzt machen? Abwarten, ob das wirklich so ist? Ein Riesenprojekt erarbeiten, von dem ich nicht mal weiß, ob ich es vorstellen soll, darf oder muss? In meiner Verzweiflung informiere ich erst mal die Interessengemeinschaft über die gemeinsame WhatsApp-Gruppe. Die Anderen haben auch nichts gehört. Wir stellen fest, dass wir dringend miteinander reden müssen.

Dienstag, der 24.1.
Die ganze Sache lässt mir keine Ruhe. Irgendwie muss ich noch was in Erfahrung bringen. Soll ich da nun was vorlegen oder nicht? Ich rufe also Frau Schuster vom Verein Pusteblume an. Die frage ich, ob sie etwas Genaueres wissen würde, und beklage mich, dass man mich so ohne Informationen sitzen lässt.

Sie weiß auch nichts, sagt sie. Das Einzige, was man ihr mitgeteilt hat, ist das sie in diesem Jahr noch den kleinen Teil des Geländes mit ihrem Verein bewirtschaften darf, auf dem sie Gemüse für die Tafel anbaut. Sie sagt, dass sie mit meinen Nachbarn gesprochen hätte, aber die wüssten auch nichts. Das ist mir klar, denn wir stehen ständig in Verbindung. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihre Worte glauben soll. Sie wiederholt mehrmals, dass sie keine Ahnung hat, was werden wird. Ist das echter Kummer oder will sie mich von diesem Umstand überzeugen?

Was dann noch kommt, lässt mich doch ein bisschen erröten. Ich befürchte, ich habe ihr mit meinem Misstrauen Unrecht getan. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, der die ganze Sache an die Nerven geht. Frau Schuster erzählt mir, dass in der letzten Woche eingebrochen wurde. Ausgerechtet die Batterie vom Traktor wurde gestohlen. Freischneider und Rasenmäher hat man liegen gelassen. Sie brauchen den Traktor aber, um den kleinen Acker zu bestellen, auf dem sie das Gemüse anbauen. Geld für eine neue Batterie haben sie natürlich nicht. Wie denn auch? So ein Verein ist doch völlig abhängig von dem, was man ihnen zukommen lässt. In ein Projekt, das man umsiedeln will, da wird man doch kein Geld mehr hineinstecken, vermute ich.
Und was dann kommt, ist ein richtig dicker Hund. Man hat sie doch tatsächlich gefragt, ob sie denn keine Angst hätten, wenn es mal brennt. Schließlich seien die Elektronanlagen noch aus DDR-Zeiten. Ich muss schlucken. Wenn der Wald Feuer fängt, dann sind wir hier alle in Gefahr. Ist das eine Drohung? Mir wird richtig übel bei diesem Gedanken.

Als Försterstochter bin ich mit Geschichten über verehrende Waldbrände aufgewachsen. Ich habe vor allen Elementen Respekt. Besonders aber vor dem Feuer. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn es hier mal brennen sollte. Frau Schuster beteuert mir, dass in der Zeit in der sie dort wirtschaften, nicht ein einziges Mal eine Sicherung herausgesprungen wäre. Der Schornsteinfeger käme regelmäßig zum Kontrollieren des Ofens und hätte noch nie etwas bemängelt. Warum also solle ein Feuer in den Gebäuden ausbrechen? Auf ihre Nachfrage, ob das Gelände denn versichert sei, hätte man ihr bei der Stadt geantwortet, dass man ja nicht alles versichern könne, weil man nicht so viel Geld habe.

Nach dem Ende des Gesprächs ist mir immer noch eine ganze Weile schlecht und ich frage mich, ob wir in Sizilien leben.

Irgendwie kann ich jetzt nicht an meinem aktuellen Liebesroman weiterschreiben, sondern ich brauche Informationen. Also rufe ich Frau Sänger von den Stadtverordneten an. Das hätte ich mir allerdings sparen können. Sie sagt mir nur, dass „die Sache“ in der letzten nichtöffentlichen Stadtverordnetenversammlung diskutiert wurde. Dann lässt sie sich noch zu der Aussage nötigen, dass kontrovers diskutiert wurde. Mehr sagt sie nicht, weil nichtöffentlich heißt, dass es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Und das wäre bei Grundstücksangelegenheiten immer so. Zugegeben, sie ist höflich. Allerdings auch bestimmt. Und ganz gleich, auf welchem Wege ich es versuche, sie lässt sich keine weiteren Informationen entlocken.

Dafür lasse ich so nebenbei fallen, dass ich dieses ganze Prozedere ziemlich spannend finde und sicher einen Roman daraus machen werde. Leider kann ich ihr Gesicht nicht sehen, weil wir ja telefonieren. Ich glaube aber, dass sie überlegt, welche Rolle sie darin spielen wird.

Egal. Als ich den Hörer auflege, frage ich mich, ob ich jetzt gedroht habe. War das jetzt nicht auch ein bisschen Mafia? Was macht das alles mit mir? Ich wollte doch eigentlich nur den Wald retten und bekomme jetzt schon Paranoia.

Ich versuche es noch bei anderen Stadtverordneten. Aber da geht keiner ans Telefon. Also schreibe ich Mails mit dem Betreff: Ehemalige Baumschule Heidenholz und wende mich an Leute, von denen ich denke, dass sie auf meiner Seite stehen könnten. Da steht sinngemäß folgendes drin: Sehr geehrte Stadtverordnete, gibt es irgendeine Entwicklung in der obigen Sache? Ich sitze hier im Wald und erfahre nichts.

Und wieder bleibt mit nichts anderes als Abzuwarten. Was für eine blöde Situation. Irgendwie will ich das alles hinter mich bringen. Ich habe eigentlich andere Pläne für mein Leben, als mich mit den seltsamen Auswüchsen der Demokratie in unserer Kleinstadt herumzuplagen.

Trotzdem komme ich auf komische Gedanken. Hat nicht Goethe schon gesagt: Wie im Großen, so im Kleinen? Von wegen! Der Altmeister war es diesmal nicht. Man kann ja Johann Wolfgang nicht alles in die Schuhe schieben. Diese Erkenntnis oder wie man es auch nennen will, ist viel älter. Die Aussage gehört zu den kosmischen Gesetzen belehrt mich Google, als ich danach suche. Ob das wirklich zutrifft, frage ich mich mit leichtem Entsetzen. Was hier in unserem kleinen Wulfendorf passiert, ist das denn nichts weiter als der Spiegel der Weltpolitik? Gerade regt sich die ganze Welt über dieses Typen auf, der in den USA Präsident geworden ist. Wenn diese Gesetzmäßigkeit funktioniert, dann wäre das Geschehen bei uns nur eine kleinstädtische Reflexion davon, was in Amerika passiert. Ich glaube, da will ich lieber nicht darüber nachdenken.

Am Abend flattert wenigstens noch eine Antwort in mein Mail-Postfach:

Sehr geehrte Frau Schreiber,
ich habe noch keine weiteren Informationen zum aktuellen Stand bezüglich der zukünftigen Nutzung ehemalige Baumschule Heidenholz. Die nächste Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses ist am Dienstag in zwei Wochen. Falls das Thema für diese Sitzung auf der Tagesordnung steht, melde ich mich vorab bei Ihnen, um den Sachverhalt nochmals zu besprechen.

Besser als gar nichts denke ich mir, bedanke mich und leite diese Info schnurstracks an die Nachbarn weiter.

Samstag, der 28. Januar
Nun ist es doch passiert. Ich habe ein amtliches Schreiben von der Stadtverwaltung bekommen. Das ist mit den Worten Einladung zum Stadtentwicklungsausschuss überschreiben. Dort kann man lesen: „Sehr geehrte Frau Schreiber, hiermit lade ich Sie zur 13. Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses der Stadtverordnetenversammlung Wulfenfort recht herzlich ein. Es folgen Datum, Uhrzeit und Ort. Der letzte Satz lautet. Ich bitte Sie, Ihr Nutzungskonzept für das Gelände der ehemaligen Baumschule Heidenholz vorzustellen.

Unterschrieben hat das Ganze ein Herr Meier. Seines Zeichens Fachgebietsleiter Bauwesen. Der Name sagt mir gar nichts. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich ihn auch heute noch nicht zuordnen. Aber den „Chef von Janze“, wie der Berliner sagen würde, den kenne ich wenigstens vom Sehen. Der Leiter des  gesamten Geschäftsbereiches, welcher  Stadtentwicklung, Bauwesen, Wirtschaft, Ordnung und Verkehr umfasst, macht einen recht netten Eindruck. Herr Dr. Freundlich scheint mir ganz umgänglich zu sein. Jedenfalls ist er oft in der Zeitung und lächelt viel. Wahrscheinlich ist sein Name Programm.

Ich kann ja nicht wissen, dass ich mit meiner Einschätzung wieder einmal voll daneben liege. Aber mir bleibt auch gar keine Zeit, mir großartige Gedanken über eventuelle Gegner oder Verbündete zu machen. Wenn ich auf meinen Kalender sehe, dann wird mir heiß und kalt. Ich habe gerade einmal zehn Tage Zeit um aus meinen Ideen, Visionen und Einfällen ein ordentliches Konzept zu machen.

Nebel

Bildquellenangabe:        Regina Kaute  / pixelio.de

Kein Ende in Sicht

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Ich mag diese Zeit sehr, denn es ist eine gute Gelegenheit Resümee zu ziehen und angefangene Projekte zum Abschluss zu bringen. Natürlich ist das auch nicht ganz uneigennützig, denn ich habe die Hoffnung das, das mein eines oder anderes Buchprojekt seinen Weg auf den Gabentisch der Käufer findet. Egal wie, es hat sich jedenfalls eingebürgert um diese Zeit meine begonnen Arbeiten abzuschließen, und mich ganz dem Weihnachtsgeschäft zu widmen.

In diesem Jahr wir allerdings nichts daraus. Mein Projekt „Wald retten“ ist weit entfernt davon, ein Ende zu finden. Und ein glücklicher Ausgang ist schon gar nicht abzusehen. Das Leben zeigt mir mal wieder ganz genau, dass Liebesromane mit Happy End wohl doch nur Märchen für Erwachsene sind.

Wenn ich meine Mails aus dem vergangenen Monat so durchlese, dann bin ich schon erstaunt, mit wem ich so alles kommuniziert habe.

Der BUND schreibt mir: „Tun Sie weiter, was Sie bereits getan haben: sich in diesen (politischen) Prozess einmischen – sofern noch Einflussmöglichkeiten bestehen (was wohl zutrifft). Wie immer möglichst frühzeitig, nicht allein, sondern mit weiteren UnterstützerInnen. Und: sprechen Sie wegen der Natur- und Artenschutzbelange bitte auch die Untere Naturschutzbehörde an. Ich vermute, der lokale BUND wird in dieser Sache leider nicht aktiv werden können, aber Sie können gerne direkt fragen, unsere Gruppen sind eigenständig und ehrenamtlich aktiv und leicht [hier folgt ein Link mit der Internetadresse] zu finden.“ Anschließende werde ich noch um eine Spende gebeten.

Natürlich weiß ich, dass dieser Spendenaufruf ein übliches Anhängsel ist, aber trotzdem ärgere ich mich. Erstens spende ich schon ab und zu für bestimmte Aktionen. Gut, das wissen sie in der Geschäftsstelle nicht. Was ich aber echt doof finde, ist der Zusammenhang mit dem vorangegangenen Schreiben. Das hat für mich den Touch von: Wir können dir nicht helfen, aber gib und mal was rüber. Kommt bei mir nicht gut an. Aber vielleicht bin ich auch inzwischen übersensibel.

Womit sie aber Recht haben ist, dass ich unbedingt weitere Mitstreiter brauche. Nur wir wenigen Nachbar sind wohl  nicht in der Lage, wirklich was zu bewirken. Allerdings macht mir der Plan, mit der ganzen Affäre massiv an die Öffentlichkeit zu gehen, reichlich Bauchschmerzen. Verflixte Harmoniesucht. Ich muss mich Wohl oder Übel mit dem Gedanken anfreunden, dass ich für dieses Projekt nicht nur wohlwollenden Beifall erhalten werde.

Es beruhigt mich ein bisschen, dass ich von einigen Wulfenforter Stadtverordneten zustimmende Mails bekommen habe. Man wird sich der Sache annehmen, heißt es da. Das klingt gut und beruhigt mich etwas. Zumindest habe ich noch keinen Drohbrief abbekommen. Das ist doch schon erst mal ein Anfang. Vielleicht muss ich das doch nicht alles allein durchstehen. So kommt es, dass ich mich frohen Mutes an die Arbeit mache, wenigstens die anderen angefangenen Pläne zum Jahresabschluss zu bringen. Dabei fällt mir der Ausspruch „Noch ist Polen nicht verloren!“ ein. Wo kommt das bloß her? Klingt irgendwie sehr nach Nazi-Zeit. Ich google und entdecke entzückt, dass es sich um den Titel einer Komödie und auch um Auftakt der polnischen Nationalhymne handelt. Na dann können wir das doch erst einmal so stehen lassen, denke ich mir.

Allerdings wird meine leichte Hochstimmung nicht lange anhalten.

Freitag, 2. Dezember
Ich habe lange nichts von irgendwelchen offiziellen Stellen und Seiten gehört. Im Gegensatz dazu sprechen mich die Leute inzwischen auf der Straße an, um sich nach der Baumschule Heidenholz zu erkundigen. Alle mit denen ich rede, sind der Meinung, dass es so nicht geht und der Wald in seiner Gesamtheit erhalten bleiben sollte. Das tut mir echt gut und bestärkt mich natürlich. Trotz aller Zustimmung bleibt da immer noch ein ungutes Gefühl. Was nützt es, wenn die Menschen in der Stadt nur mir ihre Meinung sagen. Die Entscheidung über den Verkauf wird woanders getroffen. Wie viel Einfluss haben wir als Bürger auf solche Vorgänge?  Immerhin regiert Geld ja bekanntermaßen die Welt. Aber es muss doch noch was anderes geben! Was nützen die großen Gefühle in meinen Romanen, wenn das Leben ganz anders aussieht!  Daher werde nicht ich den Kopf in den Sand stecken und  einfach aufgeben. Schließlich bekommt man von allen Seiten durch Coaches und Trainer gesagt, dass man positiv denken soll und negative Gedanken auch dieserart Ergebnisse anziehen. Das sind schöne Worte, aber daran zu glauben, fällt mir nicht ganz leicht. Auf keinen Fall, wenn ich eine Mail wie diese bekomme.

Da kann ich unter der Überschrift: „ Stellungnahme der Unteren Wasserbehörde zu Ihren Bedenken zum Verkauf der Fläche -ehemalige Baumschule Heidenholz“ folgendes lesen:
„Der Antrag zur Erweiterung des Gartenbaubetriebes wurde von der UWB sorgfältig geprüft. Es wurde festgestellt, dass eine Beeinträchtigung des Wasserschutzgebietes Wulfenfort ausgeschlossen werden kann. Weiterhin wird die UWB wiederkehrende Kontrollen durchführen und überprüfen, ob die Wasserschutzgebietsverordnung und die Auflagen zur Erweiterung des Gartenbaubetriebes eingehalten werden.“

Na prima! Ein konventioneller Gartenbaubetreib im Trinkwasserschutzgebiet III und die Untere Wasserbehörde hat nichts weiter dazu zu sagen, als dass sie Kontrollen durchführen werden. Hallo? Haben die denn keinen Garten und wissen nicht, wieviel Dünger Erdbeeren brauchen? Ich fasse es nicht! Und kein Wort von dem vorhandenen Biotop. Wahrscheinlich existiert es für die Leute, die Entscheidungen am Schreibtisch treffen, gar nicht. Mein kleines bisschen Hoffnung hat mich gerade verlassen. Stattdessen sehe ich vor meinem inneren Auge, wie der waldfressende Harvester die Bäume fällt und alle Tiere voller Panik um ihr Leben flüchten. Was machen eigentlich die, die nicht oder nicht so schnell wegkönnen? Das will ich mir lieber nicht vorstellen.

Samstag, der 3.Dezember
Faktisch bin ich echt sauer, dass sich die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald so ganz und gar aus dem Geschehen heraushält. Wer, wenn nicht die, ist dafür zuständig, dass der Wald erhalten bleibt? Aber wann immer ich da nachfrage, da winden sich die Angesprochenen wie die Aale. Wahrscheinlich sind da wieder irgendwelche Abhängigkeiten vorhanden, von denen keine Ahnung habe. Man betreibt hier ja schließlich so eine Art Naturschutzstation mit ABM-Kräften und ist wohl auf das Wohlwollen der Stadt angewiesen. Und da haben wir zu DDR-Zeiten gedacht: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.“ Ich finde, in die Gegenwart passt das noch viel besser.

Zurück zur Schutzgemeinschaft. Die veranstaltet einen kleinen Weihnachtsmarkt. Weil ich auch einige Märchen geschrieben habe, bin ich vor Jahren einmal auf die Idee gekommen, die als Hexe verkleidet vorzulesen. Das mache ich auch jetzt noch mal ab und zu, denn ich habe echt Spaß daran. Als man mich fragt, ob ich auch diesmal wieder zum Weihnachtstreiben die Märchenhexe gebe, willige ich freudig ein. Ich erhalte natürlich keinen Cent dafür, aber es ist witzig und ich denke mir, dass es nun vielleicht für etwas anderes gut sein könnte.

Also mische ich mich in meiner Verkleidung unter die Menschen und erzähle Unfug. Selbstverständlich lese ich Märchen vor und gebe kluge Sachen über die Bäume und den Wald von mir. Ehrlich gesagt, ärgert es mich schon, dass fast jedes Kind weiß wie ein Leopard aussieht, aber keine Ahnung von der hiesigen Tierwelt hat. Dank der unseligen Bambi-Geschichte glauben die meisten der Kids ja, dass das Reh ein Kind vom Hirsch ist. Ich finde diese Story so dermaßen daneben! Ein Reh ist ein Reh und ein Hirsch ist ein Hirsch. Basta!

Nach dem Vorlesen wusele ich zwischen den Menschen umher, erschrecke die Kinder und bewundere die anwesenden Hunde. Dabei komme ich natürlich auch mit einigen Leuten ins Gespräch. Selbstredend bleibt das Thema Baumschule nicht unerwähnt. Ich erhalte Zustimmung für mein Anliegen und oft wird auch über die Klüngelei in der Stadtverwaltung gemeckert. Allerdings weiß ich ja nur zu gut, dass solche Sympathiebekundungen letztendlich nichts bewirken. Eines ist jedoch interessant: Jemand flüstert mir zu, dass mir die Stadt ein Ausgleichsangebot als Pachtfläche machen will.

Haben die denn gar nichts verstanden? Ich will doch nicht auf Teufel komm raus irgendwas pachten. Ich will doch nur den Wald retten! Kann sich denn keiner vorstellen, dass man etwas aus Überzeugung und Leidenschaft macht und nicht um des Geldes willen? Schließlich bin ich ja heute auch „nur so“ hier und erhalte kein Honorar. Da kommt mir der Bürgermeister mit seiner Frau gerade recht. Ich hüpfe um die zwei herum, schenke ihnen eine Walnuss und drohe ihnen mit dem krummen Hexenfinger. Dabei flüstere ich mit krächzender Altweiberstimme: „Seid vorsichtig im Wald.“
Sie schauen beide etwas irritiert. Das hebt meine Stimmung, die gerade auf dem Nullpunkt war, doch wieder etwas an.

Und weil mir in diesem Moment jemand einen Flyer über die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in die Hand drückt, denke ich nun doch darüber nach, bei diesem Verein Mitglied zu werden. Vielleicht kann ich dann erkennen, warum die sich so vehement aus der ganzen Sache heraushalten. Wer soll denn den Wald retten, wenn nicht Leute, die sich unter diesem Namen zusammenfinden? Na gut, ich bin mal lieber ehrlich, weshalb ich bisher um diese Truppe einen großen Bogen gemacht habe. Der Vorsitzende und ich hatten in früheren Zeiten einige Differenzen, charmant ausgedrückt. Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass wir mal an einem Strang ziehen. Zwei Gründe sprechen nunmehr dafür, dass ich meine Ressentiments beiseitelege. Ich brauche dringen Verbündete und bin inzwischen bereit fast nach jedem Strohhalm zu greifen. Und, was bald noch wichtiger für mein Ego ist: Man hat vor kurzem einen neuen Vorstand gewählt. Auf die Versicherung hin, jetzt würde alles anderes werden, gebe ich am Montag meinen Mitgliedsantrag ab.

Ich kann ja nicht wissen, dass die Aktion ziemlich umsonst ist.

Winterbaum

Bildquellenangabe:        ds  / pixelio.de

Die Sache beginnt, Kreise zu ziehen

Donnerstag, der 17. 11.

Ich will am frühen Morgen gerade wie üblich mit dem Hund los, da kommt eine Abordnung des Vereins Pusteblume, der momentan die Flächen der Baumschule Heidenholz bewirtschaftet. Sie  wollen mit mir reden, verkünden sie und auch, dass es ihnen jetzt reicht. Ich schaue ziemliche verdutzt drein, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Meine Augen werden allerdings immer größer, als ich so nach und nach realisiere, was man mir da so erzählt. Eigentlich hatte man die Leute aus dem Verein von Seite der Stadtverwaltung zum Stillschweigen verpflichtet. Sie haben zumindest empfunden, dass man ihnen regelrecht den Mund verboten hat, sich über die Vorgänge rund um das Thema Heidenholz zu äußern. Weil derzeit aber die ganze Sache irgendwie ins Rollen und an die Öffentlichkeit gekommen ist, wollen sie auch nicht mehr schweigen. Bei dieser Vorrede kommen mir zwei recht unterschiedliche Gedanken. Einerseits amüsiere ich mich wieder einmal darüber, dass Wulfenfort eine Kleinstadt ist. Bei uns bleibt halt nichts lange verborgen. Anderseits sage ich mir: Es ist ganz schön mutig von den Dreien, hier bei mir aufzukreuzen und mir zu erzählen, was da inzwischen so alles abgegangen ist.

Und dann fange ich an zu staunen. Manche Geschichten brauchen trotz der sonst üblichen raschen Verbreitungsgeschwindigkeit von Neuigkeiten, wohl doch etwas länger als von mir gedacht, ehe sie ans Tageslicht kommen.

Erste Verhandlungen beziehungsweise Ortsbesichtigungen auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule Heidenholz haben schon am Anfang des Jahres stattgefunden. Den Leuten von der Pusteblume hat man zuerst immer erzählt, dass es nicht mit ihrem Verein zu tun hätte. Als die Sache jedoch dann konkreter wurde, hat man sie angehalten, nichts über eventuelle Begehungen und Besprechungen verlauten zu lassen. Weil es jetzt aber kein Geheimnis mehr ist, da ich irgendwie ziemlichen Wirbel verursacht habe, wollen sie nun auch nicht länger stillhalten. Sie würden gern mit mir gemeinsam an einem Strang zu ziehen und einen endgültigen Verkauf verhindern. Keine Ahnung, woher sie inzwischen genau wissen, dass ein Teil meines Konzeptes drauf beruht, dass sie weiterhin auf der Fläche ihr Gemüse für die Tafel anbauen sollen. Sie versichern mir jedenfalls, wenn sie auf dem Gelände bleiben können, sind sie bereit auch etwas dafür zu tun.

Ich halte das Ganze, wie schon erwähnt,  für recht mutig und freue mich über ihre Unterstützung. Allerdings sage ich ihnen nicht, dass unsere Aussichten gar nicht so rosig sind. Ich deute an, dass wir vielleicht eine Interessengemeinschaft Heidenholz gründen wollen. Das finden sie toll und würden da auch mitmachen. Wir schütteln uns die Hände und verabreden, dass wir uns gegenseitig über wichtige Neuigkeiten informieren wollen.

Wenige Stunden später erzählt mir dann eine Bekannte, die selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb hat, dass der Absatz bei der Erdbeerernte von dem Herrn, der sich in unserem Heidenholz breitmachen will, in diesem Jahr gar nicht so gut gewesen wäre. Inzwischen läuft die Informationsverbreitung in der Stadt doch wohl recht gut, denke ich mir. Und ich komme wieder einmal ins Grübeln. Wenn die Geschäfte nicht so laufen wie gewünscht, warum will man denn dann noch mehr investieren und Wald für Plantage opfern? Aber vielleicht lohnt sich so eine Unternehmung erst im großen Stil? Mir fällt Karls Erdbeerhof, der seinen Sitz in der Nähe von Rostock hat, ein. Will man hier in unserem geruhsamen Städtchen einen ähnlichen Rummel abziehen? Ich weiß es nicht.

Samstag, 26.11.

Unsere regionale Zeitung schreibt einen erstaunlich offenen Artikel über die ganze Sache. Und das in der Samstags-Ausgabe. Die wird hier von den meisten Leuten doch recht ausführlich gelesen. Mittendrin steht sogar ein Zitat aus meiner Mail, die ich an alle versendet habe, die vielleicht irgendeinen Einfluss auf die Angelegenheit haben könnten.

„Bitte sorgen Sie dafür, dass das einzigartige Refugium der ehemaligen Baumschule als ökologische Nische erhalten wird.“ Mara Schreiber in ihrem Appell an die Stadtverordneten.

Wow, ich bin beeindruckt. Kann ich möglicherweise doch mehr, als nur Liebesromane verfassen? Wie nützlich Schreiben in jedweder Form sein kann, werde ich jedenfalls in den nächsten Monaten noch mehrmals erfahren.

Der letzte Satz in besagtem Zeitungsartikel lässt mich wieder einmal hoffen, dass ich nicht auf verlorenem Posten stehe. Er lautet: „„Es ist noch alles offen“, betonte hingegen Beyer. Die Stadtverordneten werden erneut beraten.“

Wenn schon der Chef des Liegenschaftsamtes erklärt, dass noch gar nichts entschieden ist, dann kann man das Biotop auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule sicher doch noch retten. Im Nachhinein weis ich, wie naiv ich war, um solchen Aussagen Glauben zu schenken. Aber wie heißt es so schön: „Die Hoffnung stirbt zum Schluss!“ Warum sollte mein Vorhaben denn nicht gelingen? Jeder der nur ein bisschen Verstand im Kopf hätte, der würde mich verstehen, so dachte ich. Ich wollte doch nur den Wald retten. Natur für alle, hat doch heutzutage Vorrang vor Profit für den Einzelnen. Wir leben ja schließlich in Zeiten, in denen wir uns langsam unsrer Verantwortung der Umwelt gegenüber bewusst werden. Da gab es für mich keine Frage. Und die Reaktionen der Wulfenforter Bürger scheinen mir Recht zu geben.

In den nächsten Tagen sprechen mich die Leute in der Stadt immer wieder auf Sache mit der Baumschule Heidenholz an. In unserem beschaulichen Örtchen scheint es zu brodeln. Ich überlege mir, dass inzwischen keine Zurückhaltung mehr vonnöten ist und veröffentliche den Zeitungsartikel und meinen Brief an die Stadtverordneten auf meinem Blog. Das alles verknüpfe ich dann mit Facebook, wo ich in kurzer Zeit über 160 Leser finde. Ich bin beeindruckt. Doch die neuen Medien können noch mehr. Damit wir Nachbarn, die sich gegen die Verkaufspläne engagieren wollen, immer auf dem neusten Stand sind und uns auch im Falle eines Falles abstimmen können, richte ich eine WhatsApp-Gruppe ein und verknüpfe  uns miteinander. So können wir halbwegs sicher sein, dass wir nichts verpassen und auch nicht von den Ereignissen überrannt werden.

Inzwischen schicke ich auch einen Vortrag über die Wirkung des Waldes auf die Gesundheit, den ich anlässlich einer Veranstaltung halten sollte, an einen Herz-Spezialisten ins Klinikum der Nachbarstadt. Nicht ganz ohne Hintergedanken verweise ich auf meinen Blog, der inzwischen immer mehr Leser erreicht. Leider meldet sich der Professor nie bei mir. Aber auch daran werde ich mich gewöhnen. Viele meiner Aktionen und Bemühungen werden ins Leere laufen. Andere dagegen erzielen erstaunliche Resonanz. Ich habe bis heut noch nicht herausbekommen, ob da eine Gesetzmäßigkeit dahinter steckt.

Als dann zwei Tage später noch in der Online-Ausgabe unserer Stadtzeitung ein Artikel mit der Überschrift „Alte Baumschule im Heidenholz wird vorerst nicht verkauft“ erscheint, habe ich endgültig den Eindruck, dass ich etwas erreichen könnte.

Das mischt sich allerdings mit einem unguten Gefühl. Immerhin kann ich dort schwarz auf weiß folgendes lesen: „Da Wulfenfort sich in keiner Weise in einer finanziellen Notsituation befindet, erscheint die plötzliche Verkaufsabsicht bei solch einer großen öffentlichen Fläche doch recht sonderbar. Da müsste schon eine erhebliche Summe Geldes für den Stadthaushalt herausspringen, wenn man solch eine umfängliche Abgabe öffentlichen Eigentums in private Hand befürworten könnte. Einen Zwang dazu, etwa ein Haushaltssicherungskonzept, besteht allerdings nicht. Was steht also wirklich hinter dem von der Verwaltung angestrebten Deal?“

Habe ich irgendwie in ein Wespennest gestochen?

Zeitung

Bildquellenangabe:   Rainer Sturm  / pixelio.de

Die Mühlen setzen sich langsam in Bewegung

Mittwoch, 16.11.

Wie immer sitze ich morgens am Computer, um zu schreiben. Dummerweise ist es schon zur Gewohnheit geworden, zuerst einmal die Mails abzuholen. Das kann manchmal ziemlich kontraproduktiv sein, weil ich mich dann oftmals mit den eingehenden Sachen beschäftige, anstatt mein Tagespensum abzuarbeiten. So ist es auch an diesem Tag.

Ich bekomme eine Mail von einer der Fraktionen, die in der Stadtverordnetenversammlung sitzen. Das Schreiben informiert mich im guten Amtsdeutsch über eine gestern stattgefundene Sitzung des Hauptausschusses.

Ich denke mir, dass das ganz nett ist, und frage mich aber gleichzeitig, was ein Hauptausschuss denn so macht. Manno, ich habe ja mal wieder von nichts eine Ahnung!

Zum Glück gibt es ja Google und so lässt sich die Kommunalverfassung des Landes Brandenburg ganz einfach finden. Ich kann zu diesem Zeitpunkt ja nicht ahnen, dass ich am besten gleich ein Lesezeichen auf diese Internetadresse setzen sollte. Immerhin werde ich in den nächsten Wochen ziemlich häufig auf diesen Seiten unterwegs sein.

Aber zurück zum Hauptausschuss. Es heißt in eben jener Kommunalverfassung:  „Der Hauptausschuss hat die Arbeiten der Ausschüsse aufeinander abzustimmen und kann zu jeder Stellungnahme eines anderen Ausschusses eine eigene Stellungnahme gegenüber der Gemeindevertretung abgeben.“ Das ist also der Koordinator für die einzelnen Bereiche, reime ich mir zusammen. Klingt ja gar nicht so schlecht, wenn die sich mit dem Problem befassen.

In der Email steht, dass das Thema Baumschule Heidenholz an den Stadtentwicklungsausschuss verwiesen werden wird. Der soll sich dann umfassend damit beschäftigen und ich werde als Interessent eingeladen, um dort meine Gedanken darzulegen.

Das finde ich ebenfalls nicht schlecht, obwohl mir irgendwie auch davor graut. Wenn ich eine Lesung mache oder einen Kurs gebe, dann sitzen da im allgemeinen Menschen die mich mögen. Da kann ich sicher sein, dass die Anwesenden recht positiv auf meine Ausführungen reagieren. In so einem Stadtentwicklungsausschuss wird das gewiss nicht so sein. Das liegt da wohl auf der Hand. Umso mehr, als auch der andere Interessent seine Vorhaben und Projekte vorstellen darf.

Da muss ich aber jetzt durch. Ich kann jetzt nicht kneifen, wenn ich den Wald retten will.
Ich überlege, ob ich mich jetzt schon vor der Veranstaltung grusele oder ob ich das alles erst einmal an mich herankommen lasse. Die Entscheidung fällt zu Gunsten des letzteren Punktes. Außerdem bin ich froh, dass ich wenigstens nicht noch nachschlagen muss, was ein Stadtentwicklungsausschuss für Aufgaben hat.  Das ergibt sich wohl aus seinem Namen. Hoffe ich zumindest.

Es klingelt und einer meiner Nachbarn steht vor der Tür. Passenderweise will er mir etwas über eben jene Hauptausschusssitzung erzählen. Unser langjähriger Bürgermeister Felsentramp hat da wohl auf verschiedene Anfragen der Stadtverordneten ziemlich rüde reagiert. Denen wurde, wenn man es volkstümlich ausdrücken möchte, glatt über das Maul gefahren. Alles, was man besprechen wollte, das wäre, so dessen Meinung, nicht für die Öffentlichkeit geeignet. Wir grinsen uns an und fragen uns beinahe gleichzeitig, wofür denn so eine Stadtverwaltung eigentlich da wäre.
Mehr als einmal fiel bei Fragen, als es um die Baumschule Heidenholz ging,  der Hinweis auf den nichtöffentlichen Teil der Sitzung. „Das ist nicht öffentlich“ wird dann später übrigens einmal zu einem „Runnig Gag“ werden.

Der Nachbar selber hat nebenbei bemerkt auf seine Fragen auch keine Antworten erhalten. Mal will und mal kann unser Bürgermeister nicht antworten. Dass dieses Vorgehen seine ganz persönliche Taktik ist, werde ich auch noch erkennen müssen.

Mein Nachbar meint dann noch, dass er bei der Zeitung gewesen sei. Ohne mein Wissen wolle er aber mein Schreiben nicht so einfach weitergeben. Mir ist mittlerweile alles egal und ich habe eh das Gefühl, keinen Einfluss mehr darauf zu haben, wer sich mit dieser Sache alles befasst. Also schicke ich meinen Text später auch noch an die Lokalzeitung.  Schließlich will ich ja den Wald retten und da sollte mir jedes Mittel recht sein. Ich denke mir ziemlich naiv, wenn die Presse von dem Vorhaben erfährt und es verbreitet, dann ist die Schlacht doch schon halb gewonnen.

Am Abend gehe ich noch zu meiner anderen Nachbarin. Die kennt sich durch ihren Job mit vielerlei Verfahren rund um Wald, Bestimmungen, Ersatzpflanzungen und dergleichen aus. Sie dämpft meinen leichten Optimismus. Egal was die anderen so sagen, sie sieht das pragmatisch. Die Chancen, als Sieger aus diesem Spiel heraus zu gehen, sind nicht besonders hoch.

So kommt es, dass ich mich beim Nachhause gehen so ziemlich allein auf weiter Flur fühle.
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Bildquellenangabe:        Oskar Günther  / pixelio.de