Heißer Draht nach (ziemlich) ganz oben

Freitag 10. März

Ich überlege, telefoniere und maile. Irgendwas muss doch noch zu machen sein! Meine Einstellung, dass alles verloren ist, hat sich in ein verbissenes „so einfach nicht“ verwandelt. Also sitze ich den ganzen Tag am Computer und suche nach Leuten, die mir helfen könnten, das Ruder in letzter Sekunde noch herumzureißen. Außerdem spazier ich täglich um besagte Fläche. Nicht das die schon mit dem Roden anfangen! Was für eine Horrorvorstellung. Ich will mich nicht an einen Baum ketten müssen! Es ist März und noch ziemlich kalt. Nackt fällt dann schon mal sowieso aus, gestehe ich mir kichernd ein.

Also recherchiere ich weiter. Manche Sachen lassen mich stutzen. Wenn ich gerade mal wieder in so einem Telefonmarathon bin, passiert es, dass auf einmal alle Nummern, die ich vom Festnetz aus wähle, besetzt sind. Komisch? Sitzt da jemand auf meiner Leitung? Ich attestiere mir Verfolgungswahn und probiere es vom Handy aus. Ich bekomme ebenfalls nur Besetztzeichen zu hören. Zufall? Sabotage? Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass ich vielleicht doch nicht so wichtig bin, wie ich es mir einbilde.

Wenn ich nicht telefonieren kann, dann recherchiere ich weiter. Wenigstens geht das Internet noch, denke ich bei mir. Irgendwann lande ich dann auf der Seite des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft. Mein Plan ist, einen Menschen zu erreichen, der mir weiterhelfen könnte. Kein Besetztzeichen, aber es geht auch niemand ans Telefon. Ich probiere es beim Nächsten und beim Nächsten und so weiter. Nichts. Sitzt denn im ganzen Haus keine einzige Person zu an seinem Schreibtisch? Das kann doch nicht sein. Na gut, wenn sie es denn so haben wollen, dann rufe ich eben den Minister an!

Tatsächlich hebt da dann gleich jemand den Hörer ab. Ich bin begeistert. Dieses Entzücken steigert sich sogar noch. Die Dame am anderen Ende der Leitung ist die Sekretärin vom Minister und nimmt sich wirklich Zeit für mich. Ich kann also die ganze Geschichte von vorn bis hinten erzählen. Dabei bekomme ich das Gefühl, dass sie sich wirklich dafür interessiert und nicht nur so tut. Dass ich damit richtig liege, erfahre ich, als sie meint ich solle ihr doch mal alle vorhandenen Informationen zumailen. Außerdem sagt sie mir, an wem ich mich im Ministerium wenden soll, damit es Sinn macht. Wow, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich durfte nicht nur lang und breit mein Herz ausschütten, sondern erlange vielleicht auch noch Unterstützung von ganz oben. Frohen Mutes bedanke ich mich überschwänglich.

Das war diesmal wohl ein Treffer ins Schwarze, denke ich mir. Aber die Personen im Amt, an die ich mich dann direkt wende, die meinen immer sie wären dafür nicht zuständig und verweisen mich weiter. So werde ich denn von einer Abteilung zur anderen durchgereicht. War das schon wieder eine Sackgasse und ich habe mich zu früh gefreut?

Ich kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass ich mit meinem Anruf im Ministerium doch mehr bewirkte, als es im ersten Moment aussah. Hinter meinem Rücken beginnt sich dadurch etwas zu bewegen, was die ganze Sache in einem anderen Licht erscheinen lassen wird.

 

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Von Krähen und Amtsdeutsch

Freitag, der 10.3.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Irgendwie hatte ich trotz allem gedacht, dass eine Aufsichtsbehörde die Aufgabe hat, Vorgänge, die nicht sauber abgelaufen sind, zu untersuchen und bei Bedarf einzugreifen. Oder sehe ich das Ganze falsch? Der Zweifel nagt an mir. War alles rechtens und ich mache sinnlose Wellen?

In diese Stimmung trifft mich ein Brief vom Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung. Natürlich steht darin, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde abgeschmettert ist. Ich hatte auch nichts anderes erwartet, schließlich kam dieser Bescheid ja schon vom Landkreis. Meine Oma hat immer gesagt: „Eine Krähe hackt, der anderen kein Auge aus“. Ich finde denn Spruch ziemlich gemein, jedenfalls den Krähen gegenüber.

Bevor ich mich vollends meinen trüben Gedanken hingebe, schalte ich den Computer ein, um endlich mal wieder etwas zu schreiben. Bei der Recherche zu Informationen zu meinem aktuellen Projekt stoße ich auf eine Internetseite, auf der in großen Lettern prangt: „Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt“. Na toll, dass passt ja voll zum Thema. Warum muss sich Lessing nun hier auch noch einmischen? Oder war es gar nicht Lessing? Komisch. Dieser Satz wird ebenfalls einem gewissen Ernst Freiherr von Feuchtersleben zugeschrieben. Was stimmt denn nun? Es ist wahrlich nicht narrensicher mit der Wahrheit.

Gleichwohl geht mir dieser Ausspruch nicht aus dem Kopf. War das ein Wink mit dem berüchtigten Zaunpfahl? Soll ich jetzt doch nicht einfach aufgeben und mich trotzdem in eine scheinbar aussichtslose Sache stürzen? In einem meiner Romane hätte sich meine Heldin garantiert gefragt: „Was will das Universum mir damit sagen?“. Dummerweise ist das hier das reale Leben. Dennoch komme ich nicht umhin, mir heimlich diese Frage zu stellen.

Und schon beginnt mein Gedankenkarussell, wieder Fahrt aufzunehmen. An wen kann man sich eigentlich wenden, wenn man mit der Arbeit der Kreisverwaltung nicht einverstanden ist? Über dem Kreis kommt das Land. Also müsste man sich doch irgendwo beim Landtag beschweren können. Meine Romanrecherche ist vergessen, ich durchsuche die Seiten des Brandenburger Landtages. Da finde ich nichts was nach einer Aufsichtsbehörde klingt. Aber ich freue mich, dass unter dem Willkommen für uns Bürger auch ein sorbischer Satz steht. „Witajśo do parlamenta“. Das tut zwar nichts zur eigentlichen Sache, aber ich finde es gut, dass man daran denkt, dass wir hier auch eine slawische Minderheit in Brandenburg haben.

Während ich noch über die Sorben im Allgemeinen und meine Besuche im Spreewald nachdenke, erblicke ich einen Eintrag der „Informationstresen“ lautet. Na, das ist doch was! An diesem Tresen werde ich mich gleich mal informieren, wie der Landtag mir helfen würde, damit ich den Wald retten kann. Sofort rufe ich an und habe auch eine nette Dame am Telefon. Die hört sich meine ganze Geschichte an und empfiehlt mir, mich an den Petitionsausschuss zu wenden. Dummerweise finde ich den nicht auf Anhieb, denn ich gebe in die Suchfunktion Pedition ein. Das ist wohl meiner sächsischen Herkunft geschuldet. Also das Wort heißt in echt PETITION. Und irgendwann entdecke ich dann auch die passende Internetseite.

So schreibe ich dann in das Formular die erste Petition meines Lebens. Es klappt tatsächlich und wenige Tage später bekomme ich einen Brief vom Landtag, indem man mir mitteilt, dass sie eingegangen ist. Ich bekomme eine Petitionsnummer und erhalte unter anderem auch diese Information.

Der Petitionsausschuss wird ihr Anliegen im Rahmen seiner Möglichkeiten und Befugnisse prüfen. Dazu ist es notwendig, von der zuständigen Behörde eine Stellungnahme einzuholen. Ich bitte Sie, die dazu erforderliche Zeit zu berücksichtigen und von Anfragen vorerst abzusehen.

Natürlich ist mir klar, dass man in Potsdam noch andere Sachen zu tun hat, als sich mit einer Bürgerin, die mit der Vorgehensweise des Bürgermeisters im kleinen Ort Wulfenfort nicht einverstanden ist, zu beschäftigen. Dass ich allerdings auch fast ein halbes Jahr später nur einen kurzen Zwischenbescheid in den Händen halten werde, das kann ich wieder mal nicht ahnen. Ja was denken die sich denn da, wie lange es braucht, 10 Hektar kahlzuschlagen und umzuackern?

In diesem ersten Schreiben vom Petitionsausschuss, so fällt mir auf, steht in jedem zweiten Satz das Wort Petitionsausschuss. Gut, dass meine alte Deutschlehrerin noch lebt, überlege ich mir. Sie würde sich sonst sicher im Grabe umdrehen. Das Amtsdeutsch ist schon eine ganz eigene Sprache. Aber ich nehme mir keine Zeit, um länger darüber nachzudenken. Ich entdecke einen Abgeordneten aus unserem Landkreis, den ich mit meinen Problemen belästige. Zum Glück habe ich mir inzwischen eine Word-Datei gebastelt, aus der ich den Text nur noch kopieren muss. Wenn ich das jedes Mal alles neu tippen müsste, dann wäre ich Tag und Nacht beschäftigt. Und ziemlich sinnlos ist das in manchen Fällen auch noch, denn von diesem, meinem Abgeordneten werde ich niemals eine Antwort bekommen.

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Bildquellenangabe: Karl-Heinz Liebisch  / pixelio.de

Gegen die Wand

Dienstag 7.3.
In unserer Stadtzeitung erscheint ein bissiger Artikel, der mein Herz schneller schlagen lässt. Unter der Überschrift “ Der Verkauf der alten Baumschule schlägt weiter hohe Wellen … “ wird unserem Bürgermeister selbstherrliches Agieren und das Aussitzen von Protesten vorgeworfen. Das ist Wasser auf meine Mühlen. Genauso wie die Schlagworte Unmut, fragwürdig, bemängeln und hinters Licht geführt.

Da steht es schwarz auf weiß, was ich so über das ganze Prozedere denke. Jawohl, das sind doch mal klare Worte! Heute kann ich sagen: Größer als meine Euphorie muss damals wohl nur meine Naivität gewesen sein. Einfach nur mal so die Wahrheit zu sagen, bewirkt heutzutage ziemlich wenig.

Wie dem auch sein, meine Freude erhält ohnehin gleich einen Dämpfer. Das liegt vor allem an einem Brief, den ich noch am selben Tag bekomme. Absender ist der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Wulfenfort. Dort heißt es so schön, dass man meine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister erhalten hat und diese an die Stadtverordneten weitergeleitet wird. Selbige „werden dann darüber entscheiden, wie mit Ihrer Beschwerde zu verfahren ist.“

Ich glaube ich lese nicht richtig! Wenn ich das mit anderen Worten ausdrücken darf: Ich beschwere mich über das Vorgehen eines Chefs, dass er seine Truppe nicht frei beschließen lässt und ebendiese sollen beurteilen, ob das so war oder nicht? Das ist ja ein dicker Hund, hätte meine Oma gesagt. Jetzt sollen sie selber entscheiden, ob sie richtig entschieden haben? Wenn es nicht so ernst wäre, dann würde ich es glatt für einen Witz halten.

Ich bekomme dann auch noch ein Schreiben vom Landkreis, in dem es heißt, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde auch bei ihnen eingegangen ist. „Die geschilderten rechtlichen Probleme werden von der Kommunalaufsicht geprüft. Hierzu wird eine Stellungnahme von der Stadt Wulfenfort abgefordert bzw. Unterlagen zur Beschlussfassung.“ Nach der rechtlichen Prüfung will man mich informieren.

Da steht rechtlich und nochmals rechtlich. Mein Schreibprogramm für Autoren würde sowas garantiert beanstanden. Aber wahrscheinlich muss dieses Wort mehrmals auftauchen, da mit alles auch wirklich „rechtlich“ abläuft. „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge“. Das hat mir vor Jahren mal ein Anwalt, der in einem meiner Kurse war, gesagt. Also schleichen sich wieder einmal leise Zweifel in meine Gedanken.

An diesen Spruch muss ich denken, als ich einige Tage später fast vor Wut platze. Aus der Zeitung muss ich folgendes erfahren: “ Die Prüfung der Kommunalaufsicht, die sich mit dem Zustandekommen des Beschlusses befasst hat, ist beendet, wie der Landkreis jetzt bestätigte. Das Ergebnis sei den Stadtverordneten, dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung und dem Bürgermeister zugeleitet worden. Zum Ergebnis gab es noch keine Auskunft, Wie aber aus anderer Quelle verlautete, sieht die Kommunalaufsicht den Beschluss als rechtens an.“

Was ist das? Ich beschwere mich und muss das Resultat aus der Zeitung entnehmen? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Voller Empörung rufe ich den Landkreis an. Dort habe ich nur eine arme Sachbearbeiterin am Telefon. Und die bekommt den ganzen Frust ab. Im Nachhinein tut es mir richtig leid, dass ich sie so angefahren habe. Aber an diesem Tag kann ich nicht anders. Später telefoniere ich dann doch noch mit ihrem Chef. Unser Gespräch dauert fast eine Stunde. Ich denke inzwischen auch wieder klar und besinne mich auf meine gute Kinderstube. Daher gestaltet sich unsere Unterhaltung auch ziemlich entspannt. Im Grundtenor höre ich allerdings das Folgende heraus: „Rechtlich war alles in Ordnung, menschlich ist es nicht zu verstehen.“ Das solte mich vielleicht trösten, aber es hilft mir kein Stück weiter.

Am nächsten Tag lese ich es dann auch schwarz auf weiß. Der Landkreis schreibt mir: „Die von Ihnen gestellten Fragen beziehen sich auf den nichtöffentlichen Teil der Sitzung der Stadtverordneten. Dazu darf ich keine Auskünfte erteilen, da diesem dem Gebot der Verschwiegenheit unterliegen. Als Ergebnis der Prüfung kann ich Ihnen mitteilen, dass aus Sicht der Kommunalaufsicht der Beschluss zur Veräußerung des Grundstückes der ehemaligen Baumschule in Wulfenfort mehrheitlich und rechtmäßig gefasst wurde. Ein Einschreiten der Kommunalaufsicht erfolgt somit nicht.“

Obwohl mir diese Entscheidung bekannt war, hinterlässt sie einen bitteren Geschmack im Mund. Es interessiert also überhaupt nicht, dass nicht alle Informationen vorlagen und das Gelände zudem noch unter Wert verkauft werden soll! Was hinter geschlossenen Türen geschieht, das geht mich als Bürger nichts an! Am liebsten würde ich diesen blöden Brief in tausend Stücke zerreißen. Aber ich beherrsche mich und hefte ihn ab. Der Ordner, auf dem Heidenholz steht, wird immer dicker.

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Bildquellenangabe: Rainer Sturm  / pixelio.de

Trübe Aussichten

Montag, den 27. Februar

Ich kann nicht aufhören zu grübeln und bekomme nichts anderes mehr auf die Reihe. Ständig kreist mir nur ein Gedanke durch den Kopf. Was kann ich machen, um noch irgendwas zu retten?

Sobald ein Traktor, LKW oder ein anderes großes Fahrzeug in Richtung der alten Baumschule fährt, springe ich auf und laufe hinterher. Fangen sie schon zu roden an? Was soll ich dann tun? Mich vor den Bagger werfen? Ich habe sowas noch nie gemacht. Und irgendwie bin ich auch nicht so wirklich der militante Revoluzzer. Muss man sich im äußersten Fall an die Bäume ketten? Nackt? Verflixte Phantasie. Beim Romanschreiben ist sie ja echt hilfreich. Aber manchmal gehen die Pferde doch mit mir durch.

Ich glaube, es ist besser, dass ich mich auf das konzentriere, was ich einigermaßen kann, anstatt wilde Pläne zu schmieden. Wem könnte ich alles Schreiben, der vielleicht etwas Einfluss gelten machen könnte? Könnte, könnte. Zweimal in einem Satz, ist das also sehr wage. Allerdings muss ich wohl nach jedem Strohhalm greifen.
Ich setze mich also an den Computer und recherchiere. Wer setzt sich für die Belange des Waldes und der Natur ein? Wer hat etwas mit unserem Städtchen zu tun und außerdem noch irgendwelche Autorität, um etwas zu bewegen, mag die auch noch so klein sein?

Mir fällt eine Industriellenfamilie ein, die aus Wulfenfort stammt. Deren Vorfahren hatten hier eine große Fabrik. Daran erinnern sie sich, so wie es aussieht, recht gern, denn sie spenden unserer Stadt hin und wieder ein schönes Sümmchen Geld für soziale Projekte. Also werde ich denen erst einmal eine Mail schreiben, denke ich mir. Wenn sie Interesse an unserem Ort haben, dann ist ihnen sicher auch nicht gleichgültig was in seinem Umfeld geschieht. Allerdings lässt sich keine Privataderesse finden. Ich bin nicht so gut wie Günther Wallraff und gebe mich daher erst einmal mit der Anschrift einer gemeinnützigen Organisation zufrieden, in der sich das Familienoberhaupt rege engagiert. Meine Hoffnung besteht darin, dass diese Nachricht weiter geleitet wird. Allerdings werde ich dort zweimal hinschreiben müssen ehe ich eine abschlägige Antwort erhalte, die besagt, dass man sich nicht in kommunale Entscheidungen einmischen kann.

Die Mitstreiter sind inzwischen auch nicht untätig. Familie Reiter hat sogar einen Anwalt konsultiert. Ich bin begeistert. Wir fahren richtig große Geschütze auf! Das auch diese Bemühungen irgendwie ins Leere laufen, können wir da noch nicht wissen. Der junge dynamische Rechtsbeistand schient ein großes Geschäft zu wittern und will uns in einen zeitaufwändigen Streit verwickeln. Das hilft uns nicht weiter. Wir müssen schnell sein, denn der Verkauf ist von den Stadtverordneten abgesegnet. Wir brauchen etwas Handfestes, sonst sind die Bäume gefällt.

Einstweilen tragen wir alle Informationen zusammen, die irgendwie nützlich sein könnten. Nach und nach kommen dabei Sachen ans Tageslicht, über die wir nur mit dem Kopf schütteln. Die alte Baumschule Heidenholz befindet sich auf einem Gelände, das inzwischen als Trinkwasserschutzgebiet III ausgewiesen wurde. Das bedeutet, dass der Dünger, der dort ausgebracht wird zu einem nicht unerheblichen Teil in unserem städtischen Trinkwasser landen wird. Leider hat sich bisher keine seltene Tierart auf der Fläche angefunden. Im nahegelegenen Flüsschen findet man immerhin Fischotter, Kammmolch, Groppe, Bachmuschel, Schlammpeitzger, Flussneunauge, Schmale Weidelschnecke. Das hat die Untere Naturschutzbehörde herausgefunden. Allerdings bleiben die in ihrem Wasser und wohnen nicht zeitweise auf der Baumschulfläche.

Als Nächstes kommt noch ein richtiger Schlag in die Magengrube. Die Grenze eines FFH-Gebietes führt genau fünfzehn Meter an dem Areal, welches uns am Herzen liegt, vorbei.
FFH ist auch so ein Ding, was mir vorher nicht bekannt war. Es handelt sich dabei um ein Flora-Fauna-Habitat,. Ist das ausgeweisen, dann fällt es unter eine Naturschutz-Richtlinie der EU fällt.

„Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie hat zum Ziel, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen. Die Vernetzung dient der Bewahrung, (Wieder-)herstellung und Entwicklung ökologischer Wechselbeziehungen sowie der Förderung natürlicher Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse“, heißt es auf der zuständigen Internetseite. Fünfzehn Meter daran vorbei! Wie gemein ist das denn?

Wir finden noch etwas heraus, was uns schwer im Magen liegt. Schon im letzten Jahr gab es eine Geländebegehung mit dem Erdbeermenschen, der Unteren Naturschutzbehörde und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Da wurden die Pläne besprochen und niemand hat interveniert.

Wozu hat man eine Naturschutzbehörde, wenn sie sich nicht darum kümmert, dass die Natur erhalten bleibt? Und warum heißt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald wie sie heißt, wenn sie den Wald nicht schützt? Was geht da im Hintergrund ab?
Inzwischen trudeln auch die Antworten von den verschiedensten Organisationen ein, an die ich mich verzweifelt gewendet habe. Niemand kann uns wirklich helfen. Alle drücken uns die Daumen, bestärken uns in unserem Engagement und wünschen uns viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Na toll! Nichts gegen moralische Unterstützung, aber so gewinnen wir keine Schlacht. Uns bleibt nichts weiter übrig als die Suppe am Kochen zu halten und immer wieder an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir schreiben Leserbriefe, verteilen Aufkleber und hängen Plakate aus. Eines ist gewiss, wenn wir aus dem Gedächtnis der Leute verschwinden, dann ist unsere Sache verloren. So nach und nach bekomme ich eine leise Ahnung davon, wie sich Don Quichotte gefühlt haben muss.

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Bildquellenangabe: PeterFranz  / pixelio.de

 

Jetzt ist guter Rat teuer

Immer noch Freitag, 24. Februar (und die folgenden Tage)

Von allen Seiten stürmen Nachrichten, Meinungen und Informationen auch mich ein. Egal wohin ich auch gehe, ich werde auf die unselige Abstimmung der Stadtverordneten angesprochen. Die meisten Leute denken ähnlich wie ich, aber es gibt auch Stimmen, die argumentieren, dass so eine Erdbeerplantage doch etwas Gutes sei. Da haben sie natürlich aus Verbrauchersicht recht, denke ich und wundere mich gleichzeitig, wie sich doch mein Vokabular in den letzten Wochen verändert hat. Die Worte Verbrauchersicht und Investor gehörten eigentlich nicht in meinen Sprachschatz. Und solche wagen Ausdrücke wie vielleicht, eigentlich, womöglich oder so sollte man als Schreiberling auch tunlichst vermeiden. Das steht jedenfalls in jedem Handbuch für angehende Autoren. Ich komme aber um solche Unwägbarkeiten nicht mehr herum, muss ich feststellen.

Wie dem auch sei, ich antworte den Befürwortern einer Plantage immer mit dem Einwand, dass er sie doch machen soll, wo er will, aber nicht im Wald. Meist habe ich Glück und das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln. Wenn ich ehrlich bin, verspüre ich auch keine große Lust mich in endlose Diskussionen verwickeln zu lassen. Ich zermartere mir den Kopf, was man tun kann, um zu retten was noch zu retten ist.
Zum Zeitunglesen habe ich ebenfalls keine rechte Lust mehr. Da stehen solche Sachen wie: „Die Vorwürfe in der hitzig und emotional geführten Debatte reichten von der Verschleuderung kommunalen Eigentums ohne finanzielle Notwendigkeit bis hin zu Vetternwirtschaft und Verkauf unter Wert“. Ich sehe das zwar auch so, aber es bringt mich nicht weiter. Trotzdem quäle ich mich durch die Artikel, die sich um die vermaledeite Entscheidung unserer Stadtverordneten beziehen. Irgendwann stoße ich dann doch auf einen Leserbrief, den ein Bürger der Stadt verfasst hat. Dessen Überschrift lautet: „Fehlerbehafteter Stich in Wulfenforts Herz mit Erdbeeren im Naherholungswald“. Gleich der zweite Satz lässt mich aufhorchen: „Den Grundstücksangelegenheiten im nichtöffentlichen Teil gingen mehrere formale Fehler voraus“. Formale Fehler – genau das ist es! Wenn man den Abgeordneten nicht mit menschlicher Vernunft, dem Wert der Natur und weiteren emotionalen Argumenten kommen kann, dann sollte man sie wohl mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Meine Mitstreiter sind auf das gleiche Ergebnis bei ihren Überlegungen gekommen. Bei uns allen ist der erste Schock nun endgültig gewichen und wir sind uns einig, dass wir nicht so schnell kleinbeigeben. In historischen Romanen heißt es oft, Angriff ist die beste Verteidigung. Also durchdenken wir gemeinsam, was zu tun ist. Ich drucke mein Konzept für alle Fraktionen der Stadtverordneten aus und bringe es noch kurz vor Toresschluss in die Stadtverwaltung. Dort gebe ich es am Tresen ab. Auf jedem der Umschläge steht groß und fett die Fraktion, an die es weitergeleitet werden soll. Dummerweise habe ich immer noch nichts gelernt und lasse mir die Abgabe nicht bescheinigen. Als ich Wochen später bei den Abgeordneten nachfrage erklären sie mir, dass sie nichts bekommen hätten. Wenigstens die Stadtverwaltung bescheinigt mir in einem Schreiben, einige Tage danach den Erhalt meines Briefes.

Außerdem stelle ich noch einmal einen Pachtantrag für die Fläche der ehemaligen Baumschule Heidenholz. Auch dafür gibt es eine Eingangsbestätigung. Die anderen Interessenten an meiner Seite erneuern ihre Kaufanträge. Auch Monate hinterher wird niemand von uns wenigstens einen abschlägigen Bescheid erhalten. Diese Aktion verläuft im Sand.

Ehrlich gesagt, viel Erfolg haben wir uns von dem Schritt auch nicht versprochen. Wir wollten einfach etwas tun. Unsere andere Aktion sollte jedoch mehr bringen, glauben wir. Für formale Fehler ist, so denken wir mit Fug und Recht, die Dienstaufsichtsbeschwerde der Kreisstadt zuständig. Der flattern in den nächsten Tagen gleich etliche Briefe mit ähnlichem Inhalt ins Haus. Bei allen steht als Überschrift: „Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Herrn Felsentramp“.

Dann kommt folgendes:
„Nach Artikel 17 des Grundgesetzes (GG) (Petitionsrecht) mache ich von meinem Recht gebrauch, gegen Herrn Felsentramp, Bürgermeister der Stadt Wulfenfort, eine Dienstaufsichtsbeschwerde zu führen. Bei der Stadtverordnetenversammlung am 22.02. hat der Bürgermeister in der öffentlichen Fragerunde einer Bürgerin auf Anfrage, ob alle eingereichten Konzepte vollständig vorliegen und ausreichen, um heute eine Entscheidung zu fällen, die Auskunft gegeben, dass den Stadtverordneten alle erforderlichen Unterlagen zur Verfügung stehen, um eine Entscheidung über die ehemalige Baumschule Heidenholz zu treffen. Nach meiner erneuten persönlichen Nachfrage lagen weder mein Konzept noch zwei weitere Kaufanträge der SVV vor. Außerdem lag den Entscheidern das Protokoll der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses vom 07.02. ebenfalls nicht vor. Das bedeutet, dass eine Beschlussfassung aufgrund der nicht vorhandenen Information durch die anwesenden Stadtverordneten nicht auf Basis aller aktuellen Sachverhältnisse durchgeführt werden konnte. Herr Felsentramp bestand jedoch auf einer zeitnahen Entscheidung, die er durchzusetzen wusste. Dieses Verfahren steht im Widerspruch zur Geschäftsordnung der Stadtverordnetenversammlung Wulfenfort, die auf § 28 Abs. 2, Nr. 2 BbgKV beruht.“

Ich bin mächtig stolz auf dieses amtliche Geschreibsel. Sowas habe ich noch nie verfasst. Keine Emotion, nichts mit Gefühl. Nur sachliche Argumente. In meinen Augen liest sich das jedenfalls so, als ob man sofort alles neu verhandeln muss, weil die ganze Sache nicht korrekt über den Tisch gegangen ist. Voller Hoffnung kümmere ich mich jetzt endlich mal wieder um meinen eigenen Kram und schreibe glatt ein vollständiges Kapitel für meinen Roman. Allerdings wird diese euphorische Stimmung leider nicht lange anhalten.

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Bildquellenangabe:  Erich Westendarp  / pixelio.de

Katerstimmung

Freitag, 24. Februar
Die anfängliche Fassungslosigkeit weicht nicht nur bei mir langsam einer wütenden Entschlossenheit. Es ist ein gutes Gefühl, nicht mehr allein auf weiter Flur zu stehen und so überlegen in den Tagen nach der fatalen Entscheidung der Stadtverordneten recht viele Leute, was und ob etwas zu machen ist. Wir tragen unsere Ideen und Einfälle zusammen. Telefon, Email, WhatsApp es geht ständig hin und her und ich komme nicht mal mehr zum Essen.

In den sozialen Medien kochen die Emotionen ebenfalls hoch. Einzelne Stadtverordnete melden sich zu Wort und bekennen, dass sie dagegen gestimmt haben, damit die empörten Bürger sie nicht persönlich deswegen angreifen. Damit hätte ich ja nun mal wieder gar nicht gerechte, aber Frau Sänger schreibt tatsächlich auf Facebook: „Aber bitte kommen Sie nicht in mein Büro, um mich zu maßregeln, denn meine Stimme war eine der NEIN-Stimmen“.

Diese Entwicklung lässt mich zum hundertsten Male darüber nachgrübeln, ob es nicht besser gewesen wäre, früher an die Öffentlichkeit zu gehen. Man hat ja heute doch eine ganze Menge Möglichkeiten. Der RBB-Bus wäre ein davon. Mir fallen noch kurz Mario Barth, die Super-Illu und die Bild-Zeitung ein, aber irgendwie gefällt mir das nicht.
Im Augenblick bringen solche Überlegungen ja auch nichts. Die Stadtverordneten haben entschieden, dass die Fläche verkauft werden soll. Keine Ahnung, ob man so eine Abstimmung kippen kann und wenn, wie man das anstellen soll. Ich ärgere mich über mich selber. Warum habe ich mich nicht eher darum gekümmert, was so in unserer Stadt abläuft? Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, welche Rolle eine Kommunalverfassung spielt. Genau genommen nicht einmal, dass es sowas gibt. Da haben wir nun den Salat: Wenn man sich nicht auskennt, dann ist man der Gelackmeierte.

Bei den vielen Kommentaren, die inzwischen durch das Internet geistern, sind auch einige, die hoffen, dass der Erdbeer-Mensch, wenn er sieht, dass das Ganze so einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat, kleinbei gibt. Ich glaube das nicht. Sind wir mal ehrlich: Die Möglichkeit heutzutage Land zu so einem Preis erwerben zu können, ist doch zu verlockend. Man ist ja selber ähnlich gestrickt. Beim Einkaufen greifen wir doch auch im Allgemeinen ohne zu Zögern zum günstigeren Angebot, wenn es sich um verhältnismäßig gleiche Artikel handelt. Der Typ ist doch in erster Linie Geschäftsmann, und die rechnen. Müssen rechnen, sonst sind sie bald pleite. Ich kann das alles verstehen. Das hilft dem Wald aber in keinster Weise. Wenn ich den retten will, dann muss ich diese Gedanken beiseiteschieben.

Was ich nicht verstehen kann ist, wie es zu so einem dermaßen preiswerten Angebot überhaupt kommen konnte. Das ist komisch. Es gibt doch Richtwerte, Bodenwertzahlen etc. Soviel weiß ich inzwischen sogar. Und ich habe, wie ich immer wieder feststellen muss, nicht viel Ahnung von der Materie. Mir stellen sich daher mindestens zwei Fragen. Wer hat den Preis festgelegt? Und warum wurden andere Kaufinteressenten, die eine doppelt so hohe Offerte boten, überhaupt nicht in Betracht gezogen. Auch wenn ich unseren nördlichen Nachbarn wieder einmal Unrecht tu: Es ist was faul im Staate Dänemark.

Ich bin wirklich nicht allein mit dieser Ansicht. Selbst in der Tageszeitung erscheint ein Artikel mit der Überschrift: „Baumschule Heidenholz wird zur Erdbeerplantage“.

Da kann man unter anderem folgendes lesen:
„Die ehemalige Wulfenforter Baumschule wird eine Erdbeerplantage werden. Das haben die Wulfenforter Stadtverordneten am Mittwoch nicht öffentlich entschieden. Über das Thema gab es schon im öffentlichen Teil lange Diskussionen. „Betreffs Ihrer Anfrage teile ich Ihnen mit, dass ein Beschluss im Sinne der Antragstellung gefasst worden ist“, erklärte Bürgermeister Felsentramp schriftlich auf unsere Anfrage. Im nicht-öffentlichen Teil wurde der Verkauf der zehn Hektar großen Fläche an den Erdbeerplantagenbetreiber Karl Mirtillo mit zehn Ja- bei sieben Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen beschlossen. Zuvor war das Thema im öffentlichen Teil der Sitzung stundenlang diskutiert worden. Im Publikum saß eine Vielzahl von Bürgern, die Felsentramp mit Fragen überhäuften. Unser Beitrag zum Thema vom Mittwoch hatte einige Menschen aufgeschreckt, die sich auch an unsere Redaktion wandten. Ihnen allen lag der Erhalt des Heidenholz am Herzen.“

Der Artikel ist lang und spiegelt genau das wieder, was wir erlebt hatten. Und dann steht noch etwas Interessantes darin. Unser Bürgermeister Felsentramp beschwert sich doch konkret darin, dass im Vorfeld aus den nicht-öffentlichen Beratungen über das Thema auch Details nach außen gedrungen seien. Da hätten doch tatsächlich manche Abgeordneten ihre Verschwiegenheitspflicht verletzt.

Na das ist ja wohl hammerhart, denke ich beim Lesen. Ist der Verkauf des Heidenholzes im Vorfeld zur geheimen Reichssache erklärt worden, über die man nicht reden darf?
Ich wundere mich wieder einmal, welche Worte mir so einfallen. Erst die Sache mit Dänemark, wo etwas im Staate faul sein soll, und jetzt das. Diese Formulierung klingt echt übel. Immerhin informiere ich mich erst einmal bei Wikipedia über Geheimhaltungsstufen. Da steht: „wird von einer amtlichen Stelle oder auf deren Veranlassung die Schutzbedürftigkeit von Informationen festgelegt.“

Und was sagt die Kommunalverfassung dazu? Mein nächster Gedanke zeigt mir, wie weit es schon mit mir gekommen ist. Ich erschrecke, schaue aber trotzdem nach. Dort kann man lesen: „Die Öffentlichkeit ist auszuschließen, wenn überwiegende Belange des öffentlichen Wohls oder berechtigte Interessen Einzelner es erfordern.“
Das kann man natürlich wieder mal so oder so sehen. Vom Prinzip her stehen die »überwiegenden Belange des öffentlichen Wohls« gegen die »berechtigten Interessen eines Einzelnen«. Und wer hat entschieden, was wichtiger ist?

Auf alle Fälle enthält der Artikel noch zwei weitere Anregungen. Einmal wird eine Abgeordnete zitiert, dass nicht genug Informationen vorlagen und anderseits hat Bürgermeister Felsentramp explizit darauf gedrungen, dass auch wirklich an dem Abend eine Entscheidung gefällt wird. Kann man da nicht irgendwie ansetzen?

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Bildquellenangabe:  B.Stolze  / pixelio.de

Verraten und verkauft – oder auch anders herum

Donnerstag, der 23.Februar

Früh am Morgen nach einer unruhigen Nacht: Wir wissen nichts. Diese Information teilen wir über WhatsApp. So eine Ungewissheit ist nervig.

Erst zum Mittag kommt die Nachricht: Es wurde beschlossen, dass der Wald an den Erdbeermenschen verkauft wird.

Die Telefone laufen heiß, als wir uns über dieses Ergebnis austauschen. Fakt ist: Wir sind am Boden zerstört. Irgendwie können wir es nicht so richtig fassen. Wie konnte sowas nur geschehen?

Natürlich verbreitet sich diese Kunde auch ziemlich schnell über die sozialen Medien. Die Wulfenforter sind erschüttert. Es hagelt Kommentare.

Die spinnen doch … erst überall werben für das Naherholungsgebiet und dann sowas … Hauptsache das Geld stimmt

Mein Entsetzen weicht langsam einer tiefen Traurigkeit. Ich stelle mir vor wie der Harvester, die große vollautomatische Holzerntemaschine, durch die Reihen der Bäume fährt und alles platt macht. Vögel, Rehe, Hasen und alle anderen Tiere fliehen entsetzt. Und was ist mit denen, die nicht so schnell wegkommen? Ich habe das Szenario von „Als die Tiere den Wald verließen“ vor Augen und einen dicken Kloß im Hals.

Und dann ist da noch etwas. Man könnte es vielleicht grenzenloses Unverständnis nennen. Unsere Stadtverordneten sind doch eigentlich dafür gewählt worden, die Interessen der breiten Masse zu vertreten und nicht nur einen einzelnen Unternehmer zum Gefallen zu sein! Meine Enttäuschung ist groß. Schließlich müssen ja mehr als die Hälfte der zwanzig anwesenden Stadtverordneten dem Verkauf zugestimmt haben! Ich hätte nie gedacht, dass die Abstimmung letzten Endes wirklich so ausgeht. Das nicht alle so ein Faible wie ich für den Wald haben, war mir klar. Aber dass man so auf verlorenem Posten stehen kann, habe ich mir nicht vorgestellt. Zumal sich in den vergangenen Wochen immer mehr Leute zu Wort gemeldet haben, denen unser Heidenholz am Herzen liegt. Wir haben uns hier ja zu einer richtigen Interessengemeinschaft zusammen gefunden. Sollte das alles umsonst gewesen sein?

Meine Laune wird nicht besser, als meine Mutter mir am Nachmittag einen Artikel aus der lokalen Presse auf den Schreibtisch legt.

Dort steht unter der fetten Überschrift „Baumschule wird zur Obstplantage“ folgende Einleitung: „Die ehemalige Baumschule Heidenholz wird eine Obstplantage werden. Das haben die Wulfenforter Stadtverordneten am Mittwoch nicht öffentlich entschieden. Über das Thema gab es schon im öffentlichen Teil lange Diskussionen.“

Lange Diskussionen gab es, da hat der Verfasser vollkommen Recht. Leider haben die nichts gefruchtet, denke ich deprimiert. Ich lese den Zeitungsartikel wieder und wieder durch. Da steht es schwarz auf weiß. Das Ding ist gegessen. Erledigt. Aus und vorbei. Klappe zu – Affe tot.

Trotz allem, regt sich so nach und nach ein kleines bisschen Widerstand in mir. Was der Mensch von der Zeitung schreibt, ist mir gestern auch ständig im Kopf herum gegangen. Im Grunde genommen konnten die Stadtverordneten gar keine ordentliche Entscheidung treffen. Oder hätten sie diese sogar nicht treffen dürfen?

Meine Augen wandern immer wieder zu dem Abschnitt im Artikel, wo eine Abgeordnete zitiert wird: »„Wir verfügen eigentlich allesamt nicht über die Informationen. Das reicht nicht, um sich für eine Beschlussfassung zu positionieren.“ Das wollte Felsentramp aber nicht gelten lassen.«

Genau das war unser aller Eindruck gewesen! Der Bürgermeister hat interveniert. Langsam erwacht mein Kampfgeist und ich stelle mir zwei Fragen.

Die eine lautet: Darf der denn das? Und die Andere: Sollen wir ihn damit einfach durchkommen lassen?

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Bildquellenangabe: Kurt Michel  / pixelio.de