Von Vögeln und Schokolade

Donnerstag 16.03.
Wir sind immer noch auf der Suche nach einem Grund, den Verkauf des Heidenholzes zu verhindern. Darum haben wir einen befreundeten Ornithologen gebeten mal nachzuschauen, ob sich dort nicht eventuell gefährdete Vögel finden lassen. Zu unserem Pech ergab diese Recherche 18 verschiedene Vogelarten bei nur einer Begehung, allerdings gehörte keine davon in die Rubrik der streng geschützten Arten oder gar der Rote Liste Brandenburg. Man hat zwar einen Rotmilan kreisen sehen, aber der hatte sich leider noch für keinen Brutplatz bei uns entschieden. Mir kommt kurz der Gedanke, so etwas einfach mal zu behaupten, aber der Trick würde uns zweifellos auch nicht wirklich weiterhelfen.

Samstag 18.03.
Die Affäre schlägt weiter Wellen und das ist gut so. Viele Leute finden gerade am Wochenende mehr Zeit als sonst, um mal die Zeitung etwas ausführlicher zu lesen. Daher freut es mich besonders, als ich einen langen Leserbrief zum Thema im Lokalblatt entdecke. Darin werden alle Sachen, die ich mal so salopp als nicht koscher bezeichnen würde, schön hintereinander aufgelistet. Unser Bürgermeister Felsentramp und die ganze Stadtverwaltung kommen bei dieser Aufzählung nicht so gut weg. Der Text hat Feuer und ich bin wieder einmal frohen Mutes. Dummerweise hält das natürlich wie gehabt nicht ewig an. Inzwischen bin ich Großverbraucher für Nussschokolade geworden. Die Begründung, dass ich das für meine Nerven brauche, stimmt zwar, aber meine Hüften sehen das ganz anders.

Montag 20.3.
Im Heidenholz findet heute eine offizielle Försterwanderung statt. Ich ärgere mich. Montags 14:00 Uhr ist ein Termin, den man ja als Nicht-Rentner problemlos wahrnehmen kann. Wer denkt sich sowas aus? Daher muss ich leider auf den entsprechenden Bericht in der Zeitung zurückgreifen. Schade, denn Dr. Freundlich war auch bei dieser Waldwanderung dabei. Als ich lese, was der gegenüber dem Journalisten geäußert hat, bin ich allerdings wieder einmal platt. Er behauptet doch glatt, dass er an einer Strategie für das gesamte Waldgebiet Heidenholz arbeitet. Hat er doch nicht immer versichert, dass das nicht in sein Arbeitsgebiet fällt. Ich habe ihm das zwar nie abgenommen, aber immerhin hat er es mehrmals so verlauten lassen. Und dann lässt er noch die reizende Bemerkung fallen, in und um Wulfenfort gäbe es ja nicht so viel Wald. Der macht mir Spaß! Warum wird dann ein Stück verkauft? Das erfahre ich nicht, denn der letzte Satz im Artikel lautet: “ Zu den jüngsten Diskussionen um den Verkauf der alten Baumschule nahm er keine Stellung.“ Das hätte mich ja auch gewundert, brumme ich vor mich hin.

Natürlich tauschen wir uns auch untereinander über diesen Zeitungsartikel aus. Alle Mitstreiter finden, dass die Wanderung an einem Montagnachmittag zu veranstalten, entweder ein Missgriff oder ein gewollter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit war. Das können wir besser, ist die einhellige Meinung und so blasen wir zur Attacke. Die Idee ist ganz einfach: Wir machen ebenfalls eine Waldwanderung, um die Leute zum Thema Heidenholz aus unserer Sicht zu informieren.

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Bildquellenangabe:        RainerSturm  / pixelio.de

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Der Bürgermeister schießt zurück

Dienstag, 14.03.
Gestern noch hatte ich tatsächlich etwas Mitleid mit unserem Bürgermeister. Warum und wieso hat er sich denn nur in diese Situation hineinmanövriert? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er gewusst hat, was er da anrichtet und für eine Lawine lostritt, der Arme.

Ha! Der Arme? Meine philanthropische Neigung verlässt mich sofort am nächsten Tag. Auf der Internetseite unserer Stadt wird ein Artikel veröffentlicht, der die Überschrift trägt: Stellungnahme des Bürgermeisters zu den Vorwürfen aus Veröffentlichungen.
Das Ganze ist als Leserbrief abgefasst, indem sich Herr Felsentramp vehement gegen die öffentlichen Vorwürfe verteidigt. Er hat niemanden hinter das Licht geführt, keine kommunalrechtlichen Bestimmungen ausgehebelt und der Gleichen. Ich kommentiere diese Worte schon beim Lesen mit empörten Bemerkungen. Wenn es heißt, dass alle Unterlagen vorliegen und sie das dann doch nicht tun, dann ist das doch nicht korrekt.
Dann wirft er einigen kritischen Abgeordneten auch noch Lügen vor. Ich brubble vor mich hin, dass ich den, der der lügt wohl kenne. Das Schreiben geht in diesem Ton weiter und auch mein letzter Rest Mitleid mit dem Bürgermeister verfliegt. Er beklagt sich, dass Informationen aus dem nichtöffentlichen Teil nach außen gedrungen sind und die Verschwiegenheitspflicht verletzt wurde.

Arrgh. Da ist es wieder einer meiner neuen Lieblingsbegriffe: nichtöffentlich. Ich kann kaum beschreiben, was dieses Wort in mir auslöst! Unter den Leuten, die sich gegen den Verkauf der Baumschule Heidenholz engagieren, gilt es inzwischen als „Running Gag“, diesen Ausdruck zu verwenden. Wenn der Hintergrund nicht so deprimierend wäre, dann könnte man es glatt echt lustig finden. Aber mir bleibt dabei das Lachen irgendwie im Halse stecken.

Jedoch zurück zur Stellungnahme des Bürgermeisters. Er unterstellt einigen der ehrenamtlichen Stadtverordneten, sie würden mit dem Thema Wahlkampf betreiben. Bei diesem Satz fällt mir doch wahrhaftig erst ein, dass wir im September nicht nur für den Bundestag, sondern auch einen neuen Bürgermeister wählen. Ich bin halt politisch doch ein ziemlicher Blindgänger, muss ich wieder einmal eingestehen. Ist da was dran? Ist das Heidenholz ein potentielles Wahlkampfthema? Und will Felsentramp auch nach 27 Jahren Amtszeit noch einmal antreten? Ich wusste gar nicht, dass er wirklich so lange Bürgermeister war. Irgendwie habe ich gedacht, dass da eher so eine rhetorische Sache war, wenn man über seinen langen Vorsitz sprach. Und wenn er nicht mehr kandidiert, warum verschafft er sich dann so einen Abgang?

Bevor ich weiter darüber nachgrüble, stolpere ich über den nächsten Satz. Mein kurzzeitiges Mitleid war echt fehl am Platz. Da steht doch tatsächlich, dass er diesem Treiben entgegenwirken will und mittels einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Prüfung vornehmen lassen wird. Mir fehlt jetzt echt noch das Wort Geheimnisverrat. Schade, dass hätte die Angelegenheit dramatischer gemacht. Aber immerhin: Ein Bürgermeister der seinen eigenen Abgeordneten den Staatsanwalt auf den Hals hetzt. Sowas brillantes hab ich mir in meinen Romanen noch nie ausgedacht. Das Leben ist halt voller Überraschungen. Aber ist die ganze Sache nicht etwas unklug? Eigentlich ermittelt doch eine solche Behörde immer in alle Richtungen. Ob ihm das nicht irgendwie am Ende auf dem Fuß fallen würde? Wenn er das machen muss, dann ist das so, denke ich mir, zucke mit den Schultern und lese weiter.

Dabei wechsle ich zum Kopfschütteln als Körpersprache. So schreibt er doch tatsächlich, dass er bisher zu allen Vorwürfen in den Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung Stellung bezogen hat. Was hat er denn für ein Selbstbild, frage ich mich erstaunt? Ich kann mich an ganz viele Antworten erinnern die entweder „weiß ich nicht“ lauteten, den Begriff „nichtöffentlich“ enthielten oder auf eine spätere schriftliche Antwort verwiesen. (Manche meiner Mitstreiter warten heute noch drauf.)

Einige Tage später erscheint in einer Regionalzeitung ein Interview mit dem Bürgermeister, welches den gleichen Tenor hat. Da ich weiß, dass der Journalist als Hofberichterstatter aus dem Wulfenforter Rathaus gilt, wundere ich mich nicht darüber. Was mich aber auf die Palme bringt, ist der letzte Absatz dieses Artikels.

Da steht, dass dem konkurrierenden Antragsteller eine benachbarte Fläche angeboten wurde. Also das bin ja in dem Fall ICH. Und das hat man ja auch. Stimmt. Weitergeht es mit der Begründung, dass amn beiden Interessenten eine Realisierung ihrer Projekte zu ermöglichen wolle. Also mir und dem Erdbeerfritzen in freundlicher Nachbarschaft. Soweit so gut. Das Dumme ist nur: Das Projekt, das ich vor Wochen vorgelegt habe, braucht aber zumindest einen Sozialtrakt um Workshops und dergleichen anzubieten. Die Fläche, die ich bekommen sollte, war reiner Wald. Ohne Strom, Wasser und Abwasser. Was soll ich denn damit? Trotzdem verblödet (keine Ahnung wie ich auf diesen Ausdruck komme) man sich nicht, zu schreiben, dass es dem Interessenten daher lediglich um die Verhinderung einer wirtschaftlichen Nachnutzung der Fläche der ehemaligen Baumschule Heidenholz geht.

Das ist ja wohl die Höhe! So kann man die Sache auch darstellen! Ich bin richtig wütend. Meine feministische Ader beschwert sich außerdem, dass ich eine Interessentin und kein Interessent bin. Vor lauter Ärger vergesse ich glatt, mich zu fragen, ob es denn mit den Stadtverordneten abgesprochen war, noch ein Stück vom Wald zu verkaufen.

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Vor und hinter den Kulissen tut sich was

Ohne, dass es mir tatsächlich bewusst wird, beginnen just zu dieser Zeit im Hintergrund die Mühlen zu mahlen, die das Rad vielleicht doch noch zu unseren Gunsten drehen könnten. Ich habe mit meinem Anruf beim Ministerium etwas angeschubst, was der Problematik einen anderen Ansatz verleihen wird.

Aber das weiß ich zu dieser Zeit noch nicht, sondern ich habe indes schon wieder einen neuen Plan. Da ich in meinem sehr abwechslungsreichen Arbeitsleben auch irgendwann gelernt habe wie man Internetseiten programmiert, setze ich mich an den Rechner und bastle eine Informationsseite. Dort trage ich alles Material zusammen, was ich zum Thema finden kann. Ganz egal ob positiv oder negativ für unsere Sache. Ich bemühe mich um relative Objektivität, denn ich will ja informieren und nicht gleich verurteilen. Zugegeben, dass fällt mir schon etwas schwer, aber ich nehme es mir vor.

Inzwischen trudelt auch Post von den Baumfreunden Emmerich ein. An die hatte ich mich, als im Zuge meiner Verzweiflung Hilferufe in alle vier Winde geschickt habe, gewendet. Was sie schreiben, beweist wieder einmal, dass wir hier in unserem Wulfenfort beileibe kein Einzelfall sind.
Dort steht:

Solche Machenschaften, wenn auch nicht so massiv, seitens der Stadtverwaltung mit dem Bürgermeister an der Spitze, kennen wir hier auch.
Unser Rat lautet: Sprechen Sie mit einem Rechtsanwalt, und lassen sich beraten, ob es noch möglich ist, den Ratsbeschluss für den ominösen Verkauf der alten Baumschule mittels eines Bürgerbegehrens / Bürgerentscheides zu Fall zu bringen. Das ist allerdings mit dem Sammeln von Unterschriften verbunden.

……

Bei uns hat diese Methode geholfen, wenn auch erst ein Kompromiss beim Verwaltungsgericht in Düsseldorf gefunden werden konnte. Wir haben übrigens die Adresse unseres Anwaltes ebenfalls von “Mehr Demokratie” erhalten.
Die Dienstaufsichtsbeschwerden müssen Sie persönlich abgeben und sich den Empfang bestätigen lassen oder per Einschreiben mit Rückschein dort hinschicken. Sonst wird einfach behauptet, die Beschwerden nie erhalten zu haben.
Übrigens, das stärkste Argument Ihrerseits ist, wenn es denn stimmt, dass es ein höheres Kaufpreisangebot gegeben hat. Dieses Argument können Sie immer mit Erfolg auf dem Rechtsweg nutzen. Beim Geld anzusetzen, hat leider immer die größten Aussichten auf Erfolg.
Die Presse immer wieder mit einzubeziehen, hat meistens auch eine gewisse Erfolgsaussicht.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bleiben Sie auf jeden Fall hartnäckig.
Solche Worte tun schon erst einmal gut. Nicht jeder, den ich angeschrieben habe, hat auch geantwortet. Leider hat die Sache mit dem Rechtsanwalt und auch der Dienstaufsichtsbeschwerde ja bei uns nichts gebracht. Aber immerhin gibt es Leute, die etwas bewirkt haben. Das macht mir neuen Mut.

Ich entdecke außerdem einen Artikel in der Online-Ausgabe unserer Stadtzeitung, der den Bürgermeister ziemlich unter Beschuss nimmt. Seit einigen Tagen kann man dort solche Sachen lesen wie:
Diesmal hat es der Wulfenforter Bürgermeister Felsentramp wohl übertrieben: Sein selbstherrliches Agieren beim Verkauf der ehemaligen Baumschule im Heidenholz hat zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in Rage versetzt. Anwohner, weitere an einer naturnahen Weiternutzung des betreffenden Geländes interessierte Einwohner und nicht berücksichtigte andere Bieter für das Areal blasen zum Sturm. Die altbekannte Taktik Felsentramps – das Aussitzen von Protesten – wird in diesem Fall wohl kaum funktionieren.

Es folgen noch einige andere saftige, aber durchaus begründete Vorwürfe. So offen kenne ich unsere Medien sonst gar nicht. Fast könnte mir der Bürgermeister ein bisschen leidtun. Aber dieses Gefühl wird schnell verfliegen.

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Heißer Draht nach (ziemlich) ganz oben

Freitag 10. März

Ich überlege, telefoniere und maile. Irgendwas muss doch noch zu machen sein! Meine Einstellung, dass alles verloren ist, hat sich in ein verbissenes „so einfach nicht“ verwandelt. Also sitze ich den ganzen Tag am Computer und suche nach Leuten, die mir helfen könnten, das Ruder in letzter Sekunde noch herumzureißen. Außerdem spazier ich täglich um besagte Fläche. Nicht das die schon mit dem Roden anfangen! Was für eine Horrorvorstellung. Ich will mich nicht an einen Baum ketten müssen! Es ist März und noch ziemlich kalt. Nackt fällt dann schon mal sowieso aus, gestehe ich mir kichernd ein.

Also recherchiere ich weiter. Manche Sachen lassen mich stutzen. Wenn ich gerade mal wieder in so einem Telefonmarathon bin, passiert es, dass auf einmal alle Nummern, die ich vom Festnetz aus wähle, besetzt sind. Komisch? Sitzt da jemand auf meiner Leitung? Ich attestiere mir Verfolgungswahn und probiere es vom Handy aus. Ich bekomme ebenfalls nur Besetztzeichen zu hören. Zufall? Sabotage? Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass ich vielleicht doch nicht so wichtig bin, wie ich es mir einbilde.

Wenn ich nicht telefonieren kann, dann recherchiere ich weiter. Wenigstens geht das Internet noch, denke ich bei mir. Irgendwann lande ich dann auf der Seite des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft. Mein Plan ist, einen Menschen zu erreichen, der mir weiterhelfen könnte. Kein Besetztzeichen, aber es geht auch niemand ans Telefon. Ich probiere es beim Nächsten und beim Nächsten und so weiter. Nichts. Sitzt denn im ganzen Haus keine einzige Person zu an seinem Schreibtisch? Das kann doch nicht sein. Na gut, wenn sie es denn so haben wollen, dann rufe ich eben den Minister an!

Tatsächlich hebt da dann gleich jemand den Hörer ab. Ich bin begeistert. Dieses Entzücken steigert sich sogar noch. Die Dame am anderen Ende der Leitung ist die Sekretärin vom Minister und nimmt sich wirklich Zeit für mich. Ich kann also die ganze Geschichte von vorn bis hinten erzählen. Dabei bekomme ich das Gefühl, dass sie sich wirklich dafür interessiert und nicht nur so tut. Dass ich damit richtig liege, erfahre ich, als sie meint ich solle ihr doch mal alle vorhandenen Informationen zumailen. Außerdem sagt sie mir, an wem ich mich im Ministerium wenden soll, damit es Sinn macht. Wow, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich durfte nicht nur lang und breit mein Herz ausschütten, sondern erlange vielleicht auch noch Unterstützung von ganz oben. Frohen Mutes bedanke ich mich überschwänglich.

Das war diesmal wohl ein Treffer ins Schwarze, denke ich mir. Aber die Personen im Amt, an die ich mich dann direkt wende, die meinen immer sie wären dafür nicht zuständig und verweisen mich weiter. So werde ich denn von einer Abteilung zur anderen durchgereicht. War das schon wieder eine Sackgasse und ich habe mich zu früh gefreut?

Ich kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass ich mit meinem Anruf im Ministerium doch mehr bewirkte, als es im ersten Moment aussah. Hinter meinem Rücken beginnt sich dadurch etwas zu bewegen, was die ganze Sache in einem anderen Licht erscheinen lassen wird.

 

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Von Krähen und Amtsdeutsch

Freitag, der 10.3.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Irgendwie hatte ich trotz allem gedacht, dass eine Aufsichtsbehörde die Aufgabe hat, Vorgänge, die nicht sauber abgelaufen sind, zu untersuchen und bei Bedarf einzugreifen. Oder sehe ich das Ganze falsch? Der Zweifel nagt an mir. War alles rechtens und ich mache sinnlose Wellen?

In diese Stimmung trifft mich ein Brief vom Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung. Natürlich steht darin, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde abgeschmettert ist. Ich hatte auch nichts anderes erwartet, schließlich kam dieser Bescheid ja schon vom Landkreis. Meine Oma hat immer gesagt: „Eine Krähe hackt, der anderen kein Auge aus“. Ich finde denn Spruch ziemlich gemein, jedenfalls den Krähen gegenüber.

Bevor ich mich vollends meinen trüben Gedanken hingebe, schalte ich den Computer ein, um endlich mal wieder etwas zu schreiben. Bei der Recherche zu Informationen zu meinem aktuellen Projekt stoße ich auf eine Internetseite, auf der in großen Lettern prangt: „Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt“. Na toll, dass passt ja voll zum Thema. Warum muss sich Lessing nun hier auch noch einmischen? Oder war es gar nicht Lessing? Komisch. Dieser Satz wird ebenfalls einem gewissen Ernst Freiherr von Feuchtersleben zugeschrieben. Was stimmt denn nun? Es ist wahrlich nicht narrensicher mit der Wahrheit.

Gleichwohl geht mir dieser Ausspruch nicht aus dem Kopf. War das ein Wink mit dem berüchtigten Zaunpfahl? Soll ich jetzt doch nicht einfach aufgeben und mich trotzdem in eine scheinbar aussichtslose Sache stürzen? In einem meiner Romane hätte sich meine Heldin garantiert gefragt: „Was will das Universum mir damit sagen?“. Dummerweise ist das hier das reale Leben. Dennoch komme ich nicht umhin, mir heimlich diese Frage zu stellen.

Und schon beginnt mein Gedankenkarussell, wieder Fahrt aufzunehmen. An wen kann man sich eigentlich wenden, wenn man mit der Arbeit der Kreisverwaltung nicht einverstanden ist? Über dem Kreis kommt das Land. Also müsste man sich doch irgendwo beim Landtag beschweren können. Meine Romanrecherche ist vergessen, ich durchsuche die Seiten des Brandenburger Landtages. Da finde ich nichts was nach einer Aufsichtsbehörde klingt. Aber ich freue mich, dass unter dem Willkommen für uns Bürger auch ein sorbischer Satz steht. „Witajśo do parlamenta“. Das tut zwar nichts zur eigentlichen Sache, aber ich finde es gut, dass man daran denkt, dass wir hier auch eine slawische Minderheit in Brandenburg haben.

Während ich noch über die Sorben im Allgemeinen und meine Besuche im Spreewald nachdenke, erblicke ich einen Eintrag der „Informationstresen“ lautet. Na, das ist doch was! An diesem Tresen werde ich mich gleich mal informieren, wie der Landtag mir helfen würde, damit ich den Wald retten kann. Sofort rufe ich an und habe auch eine nette Dame am Telefon. Die hört sich meine ganze Geschichte an und empfiehlt mir, mich an den Petitionsausschuss zu wenden. Dummerweise finde ich den nicht auf Anhieb, denn ich gebe in die Suchfunktion Pedition ein. Das ist wohl meiner sächsischen Herkunft geschuldet. Also das Wort heißt in echt PETITION. Und irgendwann entdecke ich dann auch die passende Internetseite.

So schreibe ich dann in das Formular die erste Petition meines Lebens. Es klappt tatsächlich und wenige Tage später bekomme ich einen Brief vom Landtag, indem man mir mitteilt, dass sie eingegangen ist. Ich bekomme eine Petitionsnummer und erhalte unter anderem auch diese Information.

Der Petitionsausschuss wird ihr Anliegen im Rahmen seiner Möglichkeiten und Befugnisse prüfen. Dazu ist es notwendig, von der zuständigen Behörde eine Stellungnahme einzuholen. Ich bitte Sie, die dazu erforderliche Zeit zu berücksichtigen und von Anfragen vorerst abzusehen.

Natürlich ist mir klar, dass man in Potsdam noch andere Sachen zu tun hat, als sich mit einer Bürgerin, die mit der Vorgehensweise des Bürgermeisters im kleinen Ort Wulfenfort nicht einverstanden ist, zu beschäftigen. Dass ich allerdings auch fast ein halbes Jahr später nur einen kurzen Zwischenbescheid in den Händen halten werde, das kann ich wieder mal nicht ahnen. Ja was denken die sich denn da, wie lange es braucht, 10 Hektar kahlzuschlagen und umzuackern?

In diesem ersten Schreiben vom Petitionsausschuss, so fällt mir auf, steht in jedem zweiten Satz das Wort Petitionsausschuss. Gut, dass meine alte Deutschlehrerin noch lebt, überlege ich mir. Sie würde sich sonst sicher im Grabe umdrehen. Das Amtsdeutsch ist schon eine ganz eigene Sprache. Aber ich nehme mir keine Zeit, um länger darüber nachzudenken. Ich entdecke einen Abgeordneten aus unserem Landkreis, den ich mit meinen Problemen belästige. Zum Glück habe ich mir inzwischen eine Word-Datei gebastelt, aus der ich den Text nur noch kopieren muss. Wenn ich das jedes Mal alles neu tippen müsste, dann wäre ich Tag und Nacht beschäftigt. Und ziemlich sinnlos ist das in manchen Fällen auch noch, denn von diesem, meinem Abgeordneten werde ich niemals eine Antwort bekommen.

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Bildquellenangabe: Karl-Heinz Liebisch  / pixelio.de

Gegen die Wand

Dienstag 7.3.
In unserer Stadtzeitung erscheint ein bissiger Artikel, der mein Herz schneller schlagen lässt. Unter der Überschrift “ Der Verkauf der alten Baumschule schlägt weiter hohe Wellen … “ wird unserem Bürgermeister selbstherrliches Agieren und das Aussitzen von Protesten vorgeworfen. Das ist Wasser auf meine Mühlen. Genauso wie die Schlagworte Unmut, fragwürdig, bemängeln und hinters Licht geführt.

Da steht es schwarz auf weiß, was ich so über das ganze Prozedere denke. Jawohl, das sind doch mal klare Worte! Heute kann ich sagen: Größer als meine Euphorie muss damals wohl nur meine Naivität gewesen sein. Einfach nur mal so die Wahrheit zu sagen, bewirkt heutzutage ziemlich wenig.

Wie dem auch sein, meine Freude erhält ohnehin gleich einen Dämpfer. Das liegt vor allem an einem Brief, den ich noch am selben Tag bekomme. Absender ist der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Wulfenfort. Dort heißt es so schön, dass man meine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister erhalten hat und diese an die Stadtverordneten weitergeleitet wird. Selbige „werden dann darüber entscheiden, wie mit Ihrer Beschwerde zu verfahren ist.“

Ich glaube ich lese nicht richtig! Wenn ich das mit anderen Worten ausdrücken darf: Ich beschwere mich über das Vorgehen eines Chefs, dass er seine Truppe nicht frei beschließen lässt und ebendiese sollen beurteilen, ob das so war oder nicht? Das ist ja ein dicker Hund, hätte meine Oma gesagt. Jetzt sollen sie selber entscheiden, ob sie richtig entschieden haben? Wenn es nicht so ernst wäre, dann würde ich es glatt für einen Witz halten.

Ich bekomme dann auch noch ein Schreiben vom Landkreis, in dem es heißt, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde auch bei ihnen eingegangen ist. „Die geschilderten rechtlichen Probleme werden von der Kommunalaufsicht geprüft. Hierzu wird eine Stellungnahme von der Stadt Wulfenfort abgefordert bzw. Unterlagen zur Beschlussfassung.“ Nach der rechtlichen Prüfung will man mich informieren.

Da steht rechtlich und nochmals rechtlich. Mein Schreibprogramm für Autoren würde sowas garantiert beanstanden. Aber wahrscheinlich muss dieses Wort mehrmals auftauchen, da mit alles auch wirklich „rechtlich“ abläuft. „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge“. Das hat mir vor Jahren mal ein Anwalt, der in einem meiner Kurse war, gesagt. Also schleichen sich wieder einmal leise Zweifel in meine Gedanken.

An diesen Spruch muss ich denken, als ich einige Tage später fast vor Wut platze. Aus der Zeitung muss ich folgendes erfahren: “ Die Prüfung der Kommunalaufsicht, die sich mit dem Zustandekommen des Beschlusses befasst hat, ist beendet, wie der Landkreis jetzt bestätigte. Das Ergebnis sei den Stadtverordneten, dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung und dem Bürgermeister zugeleitet worden. Zum Ergebnis gab es noch keine Auskunft, Wie aber aus anderer Quelle verlautete, sieht die Kommunalaufsicht den Beschluss als rechtens an.“

Was ist das? Ich beschwere mich und muss das Resultat aus der Zeitung entnehmen? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Voller Empörung rufe ich den Landkreis an. Dort habe ich nur eine arme Sachbearbeiterin am Telefon. Und die bekommt den ganzen Frust ab. Im Nachhinein tut es mir richtig leid, dass ich sie so angefahren habe. Aber an diesem Tag kann ich nicht anders. Später telefoniere ich dann doch noch mit ihrem Chef. Unser Gespräch dauert fast eine Stunde. Ich denke inzwischen auch wieder klar und besinne mich auf meine gute Kinderstube. Daher gestaltet sich unsere Unterhaltung auch ziemlich entspannt. Im Grundtenor höre ich allerdings das Folgende heraus: „Rechtlich war alles in Ordnung, menschlich ist es nicht zu verstehen.“ Das solte mich vielleicht trösten, aber es hilft mir kein Stück weiter.

Am nächsten Tag lese ich es dann auch schwarz auf weiß. Der Landkreis schreibt mir: „Die von Ihnen gestellten Fragen beziehen sich auf den nichtöffentlichen Teil der Sitzung der Stadtverordneten. Dazu darf ich keine Auskünfte erteilen, da diesem dem Gebot der Verschwiegenheit unterliegen. Als Ergebnis der Prüfung kann ich Ihnen mitteilen, dass aus Sicht der Kommunalaufsicht der Beschluss zur Veräußerung des Grundstückes der ehemaligen Baumschule in Wulfenfort mehrheitlich und rechtmäßig gefasst wurde. Ein Einschreiten der Kommunalaufsicht erfolgt somit nicht.“

Obwohl mir diese Entscheidung bekannt war, hinterlässt sie einen bitteren Geschmack im Mund. Es interessiert also überhaupt nicht, dass nicht alle Informationen vorlagen und das Gelände zudem noch unter Wert verkauft werden soll! Was hinter geschlossenen Türen geschieht, das geht mich als Bürger nichts an! Am liebsten würde ich diesen blöden Brief in tausend Stücke zerreißen. Aber ich beherrsche mich und hefte ihn ab. Der Ordner, auf dem Heidenholz steht, wird immer dicker.

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Bildquellenangabe: Rainer Sturm  / pixelio.de

Trübe Aussichten

Montag, den 27. Februar

Ich kann nicht aufhören zu grübeln und bekomme nichts anderes mehr auf die Reihe. Ständig kreist mir nur ein Gedanke durch den Kopf. Was kann ich machen, um noch irgendwas zu retten?

Sobald ein Traktor, LKW oder ein anderes großes Fahrzeug in Richtung der alten Baumschule fährt, springe ich auf und laufe hinterher. Fangen sie schon zu roden an? Was soll ich dann tun? Mich vor den Bagger werfen? Ich habe sowas noch nie gemacht. Und irgendwie bin ich auch nicht so wirklich der militante Revoluzzer. Muss man sich im äußersten Fall an die Bäume ketten? Nackt? Verflixte Phantasie. Beim Romanschreiben ist sie ja echt hilfreich. Aber manchmal gehen die Pferde doch mit mir durch.

Ich glaube, es ist besser, dass ich mich auf das konzentriere, was ich einigermaßen kann, anstatt wilde Pläne zu schmieden. Wem könnte ich alles Schreiben, der vielleicht etwas Einfluss gelten machen könnte? Könnte, könnte. Zweimal in einem Satz, ist das also sehr wage. Allerdings muss ich wohl nach jedem Strohhalm greifen.
Ich setze mich also an den Computer und recherchiere. Wer setzt sich für die Belange des Waldes und der Natur ein? Wer hat etwas mit unserem Städtchen zu tun und außerdem noch irgendwelche Autorität, um etwas zu bewegen, mag die auch noch so klein sein?

Mir fällt eine Industriellenfamilie ein, die aus Wulfenfort stammt. Deren Vorfahren hatten hier eine große Fabrik. Daran erinnern sie sich, so wie es aussieht, recht gern, denn sie spenden unserer Stadt hin und wieder ein schönes Sümmchen Geld für soziale Projekte. Also werde ich denen erst einmal eine Mail schreiben, denke ich mir. Wenn sie Interesse an unserem Ort haben, dann ist ihnen sicher auch nicht gleichgültig was in seinem Umfeld geschieht. Allerdings lässt sich keine Privataderesse finden. Ich bin nicht so gut wie Günther Wallraff und gebe mich daher erst einmal mit der Anschrift einer gemeinnützigen Organisation zufrieden, in der sich das Familienoberhaupt rege engagiert. Meine Hoffnung besteht darin, dass diese Nachricht weiter geleitet wird. Allerdings werde ich dort zweimal hinschreiben müssen ehe ich eine abschlägige Antwort erhalte, die besagt, dass man sich nicht in kommunale Entscheidungen einmischen kann.

Die Mitstreiter sind inzwischen auch nicht untätig. Familie Reiter hat sogar einen Anwalt konsultiert. Ich bin begeistert. Wir fahren richtig große Geschütze auf! Das auch diese Bemühungen irgendwie ins Leere laufen, können wir da noch nicht wissen. Der junge dynamische Rechtsbeistand schient ein großes Geschäft zu wittern und will uns in einen zeitaufwändigen Streit verwickeln. Das hilft uns nicht weiter. Wir müssen schnell sein, denn der Verkauf ist von den Stadtverordneten abgesegnet. Wir brauchen etwas Handfestes, sonst sind die Bäume gefällt.

Einstweilen tragen wir alle Informationen zusammen, die irgendwie nützlich sein könnten. Nach und nach kommen dabei Sachen ans Tageslicht, über die wir nur mit dem Kopf schütteln. Die alte Baumschule Heidenholz befindet sich auf einem Gelände, das inzwischen als Trinkwasserschutzgebiet III ausgewiesen wurde. Das bedeutet, dass der Dünger, der dort ausgebracht wird zu einem nicht unerheblichen Teil in unserem städtischen Trinkwasser landen wird. Leider hat sich bisher keine seltene Tierart auf der Fläche angefunden. Im nahegelegenen Flüsschen findet man immerhin Fischotter, Kammmolch, Groppe, Bachmuschel, Schlammpeitzger, Flussneunauge, Schmale Weidelschnecke. Das hat die Untere Naturschutzbehörde herausgefunden. Allerdings bleiben die in ihrem Wasser und wohnen nicht zeitweise auf der Baumschulfläche.

Als Nächstes kommt noch ein richtiger Schlag in die Magengrube. Die Grenze eines FFH-Gebietes führt genau fünfzehn Meter an dem Areal, welches uns am Herzen liegt, vorbei.
FFH ist auch so ein Ding, was mir vorher nicht bekannt war. Es handelt sich dabei um ein Flora-Fauna-Habitat,. Ist das ausgeweisen, dann fällt es unter eine Naturschutz-Richtlinie der EU fällt.

„Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie hat zum Ziel, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen. Die Vernetzung dient der Bewahrung, (Wieder-)herstellung und Entwicklung ökologischer Wechselbeziehungen sowie der Förderung natürlicher Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse“, heißt es auf der zuständigen Internetseite. Fünfzehn Meter daran vorbei! Wie gemein ist das denn?

Wir finden noch etwas heraus, was uns schwer im Magen liegt. Schon im letzten Jahr gab es eine Geländebegehung mit dem Erdbeermenschen, der Unteren Naturschutzbehörde und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Da wurden die Pläne besprochen und niemand hat interveniert.

Wozu hat man eine Naturschutzbehörde, wenn sie sich nicht darum kümmert, dass die Natur erhalten bleibt? Und warum heißt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald wie sie heißt, wenn sie den Wald nicht schützt? Was geht da im Hintergrund ab?
Inzwischen trudeln auch die Antworten von den verschiedensten Organisationen ein, an die ich mich verzweifelt gewendet habe. Niemand kann uns wirklich helfen. Alle drücken uns die Daumen, bestärken uns in unserem Engagement und wünschen uns viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Na toll! Nichts gegen moralische Unterstützung, aber so gewinnen wir keine Schlacht. Uns bleibt nichts weiter übrig als die Suppe am Kochen zu halten und immer wieder an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir schreiben Leserbriefe, verteilen Aufkleber und hängen Plakate aus. Eines ist gewiss, wenn wir aus dem Gedächtnis der Leute verschwinden, dann ist unsere Sache verloren. So nach und nach bekomme ich eine leise Ahnung davon, wie sich Don Quichotte gefühlt haben muss.

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Bildquellenangabe: PeterFranz  / pixelio.de