Einfach mal zum Affen machen

Montag, 26. Juni
Ich komme gerade aus der Stadt, da treffe ich einen Bekannten vor meinem Hoftor. Der schaut mich ganz verdutzt an und fragt, warum ich denn nicht mit bei der Begehung im Wald dabei sei. Ich stutze. Was für eine Begehung? Mir schwant nichts Gutes.

Also nichts wie rein ins Haus, den Hund geschnappt und ab in den Wald. So richtig toll ist das mit meinem vierbeinigen Begleiter als moralische Unterstützung irgendwie nicht. Ich schau also mal über den Gartenzaun vom Nachbarn, ob der zufällig daheim ist. Ich habe Glück. Spontan schließt er sich mir an. Als harmlose Spaziergänger getarnt versuchen wir herauszufinden, wo sich diese ominöse Delegation zur Waldbesichtigung aufhält. Zum Glück kennen wir uns in unserem Revier gut aus und wissen auch bald, wo sie langgehen. In Sichtweite marschieren wir nebenher. Ich kann mir gut vorstellen, dass das den Vertretern unserer Stadt nicht wirklich gefällt. Sicher befürchten sie irgendeine Aktion.

Und sie sollten Recht behalten. Während sich die Abordnung innerhalb des eingezäunten Geländes der alten Baumschule Heidenholz befindet, stehen der Nachbar und ich auf der anderen Seite des Zaunes. Misstrauische Blicke fliegen hin und her. Die Gäste auf dem Gelände scheinen jedoch nichts zu ahnen. Wir sehen halt aus wie Spaziergänger mit Hund im Wald. Das soll sich jedoch gleich ändern.

Ich beschließe, mich wieder mal zum Affen zu machen, und pumpe mich wie ein Maikäfer auf. In dem Moment, wo es abzusehen ist, dass man drüben den Rückweg antreten wird, hole ich tief Luft und brülle über den Zaun.
„Und eines will ich hier noch einmal festhalten!“, dabei rudere ich wie wild mit den Armen und zeige auf das umliegende Gelände. „Das hier ist Wald und es soll auch Wald bleiben!“

Den Vertretern von der Stadt ist das sichtlich peinlich. Sie fordern mich auf, doch ruhig zu bleiben. Aber ich will das nicht, sondern argumentiere weiter. Mein Nachbar, der gefühlte zwei Meter groß ist, steht indessen mit verschränkten Armen wie ein Fels in der Brandung hinter mir. Ich hüpfe vorn wie ein aufgeregtes Huhn hin und her. Wir bieten bestimmt einen tollen Anblick. Die Hiesigen schauen betreten zu Boden, die Fremden sind irritiert. Wortlos ziehen alle ab.

Einige Tage später lese ich in der Zeitung, dass die ganze Angelegenheit nicht ganz so gefährlich war, wie zuerst angenommen. In einem Artikel wird den Lesern mitgeteilt, dass eine vierköpfige Abordnung der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde kürzlich zu Gast in Wulfenfort war. Bei diesem ersten Treffen ging es um Möglichkeiten zur grundsätzlichen Zusammenarbeit zwischen der Hochschule und der Stadt Wulfenfort, hat Dr. Freundlich der Presse mitgeteilt. Die Gäste sollten die vielfältigen Möglichkeiten kennenlernen, die das gesamte Waldgebiet Heidenholz bietet, das mit seinen vielen Facetten vorgestellt wurde. Vizebürgermeister Dr. Freundlich meinte, dass dessen Potenziale derart vielfältig seien, dass man mit Fug und Recht von einem „Multitalent“ sprechen könne. Mir entfährt beim Lesen ein lautes: „Schau-mal-einer-an!“

Wie kommen sie den auf einmal darauf, dass unser Stadtwald so etwas Tolles ist? Dabei sind sie gerade dabei ein fettes Stück davon an einen Menschen zu verkaufen, der es platt machen will. Und außerdem wurde da auch mal wieder bloß die halbe Wahrheit erzählt. Dr. Freundlich erwähnte bei den vielen Möglichkeiten auch den Verein Pusteblume, der hier aktiv sei. Das Dumme ist nur, dass der schon fleißig seine Koffer packt, weil er nach dem Willen der Stadtväter die alte Baumschule verlassen muss.

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Bildquellenangabe: SueSchi  / pixelio.de

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