Der Bürgermeister schießt zurück

Dienstag, 14.03.
Gestern noch hatte ich tatsächlich etwas Mitleid mit unserem Bürgermeister. Warum und wieso hat er sich denn nur in diese Situation hineinmanövriert? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er gewusst hat, was er da anrichtet und für eine Lawine lostritt, der Arme.

Ha! Der Arme? Meine philanthropische Neigung verlässt mich sofort am nächsten Tag. Auf der Internetseite unserer Stadt wird ein Artikel veröffentlicht, der die Überschrift trägt: Stellungnahme des Bürgermeisters zu den Vorwürfen aus Veröffentlichungen.
Das Ganze ist als Leserbrief abgefasst, indem sich Herr Felsentramp vehement gegen die öffentlichen Vorwürfe verteidigt. Er hat niemanden hinter das Licht geführt, keine kommunalrechtlichen Bestimmungen ausgehebelt und der Gleichen. Ich kommentiere diese Worte schon beim Lesen mit empörten Bemerkungen. Wenn es heißt, dass alle Unterlagen vorliegen und sie das dann doch nicht tun, dann ist das doch nicht korrekt.
Dann wirft er einigen kritischen Abgeordneten auch noch Lügen vor. Ich brubble vor mich hin, dass ich den, der der lügt wohl kenne. Das Schreiben geht in diesem Ton weiter und auch mein letzter Rest Mitleid mit dem Bürgermeister verfliegt. Er beklagt sich, dass Informationen aus dem nichtöffentlichen Teil nach außen gedrungen sind und die Verschwiegenheitspflicht verletzt wurde.

Arrgh. Da ist es wieder einer meiner neuen Lieblingsbegriffe: nichtöffentlich. Ich kann kaum beschreiben, was dieses Wort in mir auslöst! Unter den Leuten, die sich gegen den Verkauf der Baumschule Heidenholz engagieren, gilt es inzwischen als „Running Gag“, diesen Ausdruck zu verwenden. Wenn der Hintergrund nicht so deprimierend wäre, dann könnte man es glatt echt lustig finden. Aber mir bleibt dabei das Lachen irgendwie im Halse stecken.

Jedoch zurück zur Stellungnahme des Bürgermeisters. Er unterstellt einigen der ehrenamtlichen Stadtverordneten, sie würden mit dem Thema Wahlkampf betreiben. Bei diesem Satz fällt mir doch wahrhaftig erst ein, dass wir im September nicht nur für den Bundestag, sondern auch einen neuen Bürgermeister wählen. Ich bin halt politisch doch ein ziemlicher Blindgänger, muss ich wieder einmal eingestehen. Ist da was dran? Ist das Heidenholz ein potentielles Wahlkampfthema? Und will Felsentramp auch nach 27 Jahren Amtszeit noch einmal antreten? Ich wusste gar nicht, dass er wirklich so lange Bürgermeister war. Irgendwie habe ich gedacht, dass da eher so eine rhetorische Sache war, wenn man über seinen langen Vorsitz sprach. Und wenn er nicht mehr kandidiert, warum verschafft er sich dann so einen Abgang?

Bevor ich weiter darüber nachgrüble, stolpere ich über den nächsten Satz. Mein kurzzeitiges Mitleid war echt fehl am Platz. Da steht doch tatsächlich, dass er diesem Treiben entgegenwirken will und mittels einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Prüfung vornehmen lassen wird. Mir fehlt jetzt echt noch das Wort Geheimnisverrat. Schade, dass hätte die Angelegenheit dramatischer gemacht. Aber immerhin: Ein Bürgermeister der seinen eigenen Abgeordneten den Staatsanwalt auf den Hals hetzt. Sowas brillantes hab ich mir in meinen Romanen noch nie ausgedacht. Das Leben ist halt voller Überraschungen. Aber ist die ganze Sache nicht etwas unklug? Eigentlich ermittelt doch eine solche Behörde immer in alle Richtungen. Ob ihm das nicht irgendwie am Ende auf dem Fuß fallen würde? Wenn er das machen muss, dann ist das so, denke ich mir, zucke mit den Schultern und lese weiter.

Dabei wechsle ich zum Kopfschütteln als Körpersprache. So schreibt er doch tatsächlich, dass er bisher zu allen Vorwürfen in den Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung Stellung bezogen hat. Was hat er denn für ein Selbstbild, frage ich mich erstaunt? Ich kann mich an ganz viele Antworten erinnern die entweder „weiß ich nicht“ lauteten, den Begriff „nichtöffentlich“ enthielten oder auf eine spätere schriftliche Antwort verwiesen. (Manche meiner Mitstreiter warten heute noch drauf.)

Einige Tage später erscheint in einer Regionalzeitung ein Interview mit dem Bürgermeister, welches den gleichen Tenor hat. Da ich weiß, dass der Journalist als Hofberichterstatter aus dem Wulfenforter Rathaus gilt, wundere ich mich nicht darüber. Was mich aber auf die Palme bringt, ist der letzte Absatz dieses Artikels.

Da steht, dass dem konkurrierenden Antragsteller eine benachbarte Fläche angeboten wurde. Also das bin ja in dem Fall ICH. Und das hat man ja auch. Stimmt. Weitergeht es mit der Begründung, dass amn beiden Interessenten eine Realisierung ihrer Projekte zu ermöglichen wolle. Also mir und dem Erdbeerfritzen in freundlicher Nachbarschaft. Soweit so gut. Das Dumme ist nur: Das Projekt, das ich vor Wochen vorgelegt habe, braucht aber zumindest einen Sozialtrakt um Workshops und dergleichen anzubieten. Die Fläche, die ich bekommen sollte, war reiner Wald. Ohne Strom, Wasser und Abwasser. Was soll ich denn damit? Trotzdem verblödet (keine Ahnung wie ich auf diesen Ausdruck komme) man sich nicht, zu schreiben, dass es dem Interessenten daher lediglich um die Verhinderung einer wirtschaftlichen Nachnutzung der Fläche der ehemaligen Baumschule Heidenholz geht.

Das ist ja wohl die Höhe! So kann man die Sache auch darstellen! Ich bin richtig wütend. Meine feministische Ader beschwert sich außerdem, dass ich eine Interessentin und kein Interessent bin. Vor lauter Ärger vergesse ich glatt, mich zu fragen, ob es denn mit den Stadtverordneten abgesprochen war, noch ein Stück vom Wald zu verkaufen.

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