Von Krähen und Amtsdeutsch

Freitag, der 10.3.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Irgendwie hatte ich trotz allem gedacht, dass eine Aufsichtsbehörde die Aufgabe hat, Vorgänge, die nicht sauber abgelaufen sind, zu untersuchen und bei Bedarf einzugreifen. Oder sehe ich das Ganze falsch? Der Zweifel nagt an mir. War alles rechtens und ich mache sinnlose Wellen?

In diese Stimmung trifft mich ein Brief vom Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung. Natürlich steht darin, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde abgeschmettert ist. Ich hatte auch nichts anderes erwartet, schließlich kam dieser Bescheid ja schon vom Landkreis. Meine Oma hat immer gesagt: „Eine Krähe hackt, der anderen kein Auge aus“. Ich finde denn Spruch ziemlich gemein, jedenfalls den Krähen gegenüber.

Bevor ich mich vollends meinen trüben Gedanken hingebe, schalte ich den Computer ein, um endlich mal wieder etwas zu schreiben. Bei der Recherche zu Informationen zu meinem aktuellen Projekt stoße ich auf eine Internetseite, auf der in großen Lettern prangt: „Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt“. Na toll, dass passt ja voll zum Thema. Warum muss sich Lessing nun hier auch noch einmischen? Oder war es gar nicht Lessing? Komisch. Dieser Satz wird ebenfalls einem gewissen Ernst Freiherr von Feuchtersleben zugeschrieben. Was stimmt denn nun? Es ist wahrlich nicht narrensicher mit der Wahrheit.

Gleichwohl geht mir dieser Ausspruch nicht aus dem Kopf. War das ein Wink mit dem berüchtigten Zaunpfahl? Soll ich jetzt doch nicht einfach aufgeben und mich trotzdem in eine scheinbar aussichtslose Sache stürzen? In einem meiner Romane hätte sich meine Heldin garantiert gefragt: „Was will das Universum mir damit sagen?“. Dummerweise ist das hier das reale Leben. Dennoch komme ich nicht umhin, mir heimlich diese Frage zu stellen.

Und schon beginnt mein Gedankenkarussell, wieder Fahrt aufzunehmen. An wen kann man sich eigentlich wenden, wenn man mit der Arbeit der Kreisverwaltung nicht einverstanden ist? Über dem Kreis kommt das Land. Also müsste man sich doch irgendwo beim Landtag beschweren können. Meine Romanrecherche ist vergessen, ich durchsuche die Seiten des Brandenburger Landtages. Da finde ich nichts was nach einer Aufsichtsbehörde klingt. Aber ich freue mich, dass unter dem Willkommen für uns Bürger auch ein sorbischer Satz steht. „Witajśo do parlamenta“. Das tut zwar nichts zur eigentlichen Sache, aber ich finde es gut, dass man daran denkt, dass wir hier auch eine slawische Minderheit in Brandenburg haben.

Während ich noch über die Sorben im Allgemeinen und meine Besuche im Spreewald nachdenke, erblicke ich einen Eintrag der „Informationstresen“ lautet. Na, das ist doch was! An diesem Tresen werde ich mich gleich mal informieren, wie der Landtag mir helfen würde, damit ich den Wald retten kann. Sofort rufe ich an und habe auch eine nette Dame am Telefon. Die hört sich meine ganze Geschichte an und empfiehlt mir, mich an den Petitionsausschuss zu wenden. Dummerweise finde ich den nicht auf Anhieb, denn ich gebe in die Suchfunktion Pedition ein. Das ist wohl meiner sächsischen Herkunft geschuldet. Also das Wort heißt in echt PETITION. Und irgendwann entdecke ich dann auch die passende Internetseite.

So schreibe ich dann in das Formular die erste Petition meines Lebens. Es klappt tatsächlich und wenige Tage später bekomme ich einen Brief vom Landtag, indem man mir mitteilt, dass sie eingegangen ist. Ich bekomme eine Petitionsnummer und erhalte unter anderem auch diese Information.

Der Petitionsausschuss wird ihr Anliegen im Rahmen seiner Möglichkeiten und Befugnisse prüfen. Dazu ist es notwendig, von der zuständigen Behörde eine Stellungnahme einzuholen. Ich bitte Sie, die dazu erforderliche Zeit zu berücksichtigen und von Anfragen vorerst abzusehen.

Natürlich ist mir klar, dass man in Potsdam noch andere Sachen zu tun hat, als sich mit einer Bürgerin, die mit der Vorgehensweise des Bürgermeisters im kleinen Ort Wulfenfort nicht einverstanden ist, zu beschäftigen. Dass ich allerdings auch fast ein halbes Jahr später nur einen kurzen Zwischenbescheid in den Händen halten werde, das kann ich wieder mal nicht ahnen. Ja was denken die sich denn da, wie lange es braucht, 10 Hektar kahlzuschlagen und umzuackern?

In diesem ersten Schreiben vom Petitionsausschuss, so fällt mir auf, steht in jedem zweiten Satz das Wort Petitionsausschuss. Gut, dass meine alte Deutschlehrerin noch lebt, überlege ich mir. Sie würde sich sonst sicher im Grabe umdrehen. Das Amtsdeutsch ist schon eine ganz eigene Sprache. Aber ich nehme mir keine Zeit, um länger darüber nachzudenken. Ich entdecke einen Abgeordneten aus unserem Landkreis, den ich mit meinen Problemen belästige. Zum Glück habe ich mir inzwischen eine Word-Datei gebastelt, aus der ich den Text nur noch kopieren muss. Wenn ich das jedes Mal alles neu tippen müsste, dann wäre ich Tag und Nacht beschäftigt. Und ziemlich sinnlos ist das in manchen Fällen auch noch, denn von diesem, meinem Abgeordneten werde ich niemals eine Antwort bekommen.

22

Bildquellenangabe: Karl-Heinz Liebisch  / pixelio.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s