Gegen die Wand

Dienstag 7.3.
In unserer Stadtzeitung erscheint ein bissiger Artikel, der mein Herz schneller schlagen lässt. Unter der Überschrift “ Der Verkauf der alten Baumschule schlägt weiter hohe Wellen … “ wird unserem Bürgermeister selbstherrliches Agieren und das Aussitzen von Protesten vorgeworfen. Das ist Wasser auf meine Mühlen. Genauso wie die Schlagworte Unmut, fragwürdig, bemängeln und hinters Licht geführt.

Da steht es schwarz auf weiß, was ich so über das ganze Prozedere denke. Jawohl, das sind doch mal klare Worte! Heute kann ich sagen: Größer als meine Euphorie muss damals wohl nur meine Naivität gewesen sein. Einfach nur mal so die Wahrheit zu sagen, bewirkt heutzutage ziemlich wenig.

Wie dem auch sein, meine Freude erhält ohnehin gleich einen Dämpfer. Das liegt vor allem an einem Brief, den ich noch am selben Tag bekomme. Absender ist der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Wulfenfort. Dort heißt es so schön, dass man meine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister erhalten hat und diese an die Stadtverordneten weitergeleitet wird. Selbige „werden dann darüber entscheiden, wie mit Ihrer Beschwerde zu verfahren ist.“

Ich glaube ich lese nicht richtig! Wenn ich das mit anderen Worten ausdrücken darf: Ich beschwere mich über das Vorgehen eines Chefs, dass er seine Truppe nicht frei beschließen lässt und ebendiese sollen beurteilen, ob das so war oder nicht? Das ist ja ein dicker Hund, hätte meine Oma gesagt. Jetzt sollen sie selber entscheiden, ob sie richtig entschieden haben? Wenn es nicht so ernst wäre, dann würde ich es glatt für einen Witz halten.

Ich bekomme dann auch noch ein Schreiben vom Landkreis, in dem es heißt, dass meine Dienstaufsichtsbeschwerde auch bei ihnen eingegangen ist. „Die geschilderten rechtlichen Probleme werden von der Kommunalaufsicht geprüft. Hierzu wird eine Stellungnahme von der Stadt Wulfenfort abgefordert bzw. Unterlagen zur Beschlussfassung.“ Nach der rechtlichen Prüfung will man mich informieren.

Da steht rechtlich und nochmals rechtlich. Mein Schreibprogramm für Autoren würde sowas garantiert beanstanden. Aber wahrscheinlich muss dieses Wort mehrmals auftauchen, da mit alles auch wirklich „rechtlich“ abläuft. „Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge“. Das hat mir vor Jahren mal ein Anwalt, der in einem meiner Kurse war, gesagt. Also schleichen sich wieder einmal leise Zweifel in meine Gedanken.

An diesen Spruch muss ich denken, als ich einige Tage später fast vor Wut platze. Aus der Zeitung muss ich folgendes erfahren: “ Die Prüfung der Kommunalaufsicht, die sich mit dem Zustandekommen des Beschlusses befasst hat, ist beendet, wie der Landkreis jetzt bestätigte. Das Ergebnis sei den Stadtverordneten, dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung und dem Bürgermeister zugeleitet worden. Zum Ergebnis gab es noch keine Auskunft, Wie aber aus anderer Quelle verlautete, sieht die Kommunalaufsicht den Beschluss als rechtens an.“

Was ist das? Ich beschwere mich und muss das Resultat aus der Zeitung entnehmen? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Voller Empörung rufe ich den Landkreis an. Dort habe ich nur eine arme Sachbearbeiterin am Telefon. Und die bekommt den ganzen Frust ab. Im Nachhinein tut es mir richtig leid, dass ich sie so angefahren habe. Aber an diesem Tag kann ich nicht anders. Später telefoniere ich dann doch noch mit ihrem Chef. Unser Gespräch dauert fast eine Stunde. Ich denke inzwischen auch wieder klar und besinne mich auf meine gute Kinderstube. Daher gestaltet sich unsere Unterhaltung auch ziemlich entspannt. Im Grundtenor höre ich allerdings das Folgende heraus: „Rechtlich war alles in Ordnung, menschlich ist es nicht zu verstehen.“ Das solte mich vielleicht trösten, aber es hilft mir kein Stück weiter.

Am nächsten Tag lese ich es dann auch schwarz auf weiß. Der Landkreis schreibt mir: „Die von Ihnen gestellten Fragen beziehen sich auf den nichtöffentlichen Teil der Sitzung der Stadtverordneten. Dazu darf ich keine Auskünfte erteilen, da diesem dem Gebot der Verschwiegenheit unterliegen. Als Ergebnis der Prüfung kann ich Ihnen mitteilen, dass aus Sicht der Kommunalaufsicht der Beschluss zur Veräußerung des Grundstückes der ehemaligen Baumschule in Wulfenfort mehrheitlich und rechtmäßig gefasst wurde. Ein Einschreiten der Kommunalaufsicht erfolgt somit nicht.“

Obwohl mir diese Entscheidung bekannt war, hinterlässt sie einen bitteren Geschmack im Mund. Es interessiert also überhaupt nicht, dass nicht alle Informationen vorlagen und das Gelände zudem noch unter Wert verkauft werden soll! Was hinter geschlossenen Türen geschieht, das geht mich als Bürger nichts an! Am liebsten würde ich diesen blöden Brief in tausend Stücke zerreißen. Aber ich beherrsche mich und hefte ihn ab. Der Ordner, auf dem Heidenholz steht, wird immer dicker.

21

Bildquellenangabe: Rainer Sturm  / pixelio.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s