Trübe Aussichten

Montag, den 27. Februar

Ich kann nicht aufhören zu grübeln und bekomme nichts anderes mehr auf die Reihe. Ständig kreist mir nur ein Gedanke durch den Kopf. Was kann ich machen, um noch irgendwas zu retten?

Sobald ein Traktor, LKW oder ein anderes großes Fahrzeug in Richtung der alten Baumschule fährt, springe ich auf und laufe hinterher. Fangen sie schon zu roden an? Was soll ich dann tun? Mich vor den Bagger werfen? Ich habe sowas noch nie gemacht. Und irgendwie bin ich auch nicht so wirklich der militante Revoluzzer. Muss man sich im äußersten Fall an die Bäume ketten? Nackt? Verflixte Phantasie. Beim Romanschreiben ist sie ja echt hilfreich. Aber manchmal gehen die Pferde doch mit mir durch.

Ich glaube, es ist besser, dass ich mich auf das konzentriere, was ich einigermaßen kann, anstatt wilde Pläne zu schmieden. Wem könnte ich alles Schreiben, der vielleicht etwas Einfluss gelten machen könnte? Könnte, könnte. Zweimal in einem Satz, ist das also sehr wage. Allerdings muss ich wohl nach jedem Strohhalm greifen.
Ich setze mich also an den Computer und recherchiere. Wer setzt sich für die Belange des Waldes und der Natur ein? Wer hat etwas mit unserem Städtchen zu tun und außerdem noch irgendwelche Autorität, um etwas zu bewegen, mag die auch noch so klein sein?

Mir fällt eine Industriellenfamilie ein, die aus Wulfenfort stammt. Deren Vorfahren hatten hier eine große Fabrik. Daran erinnern sie sich, so wie es aussieht, recht gern, denn sie spenden unserer Stadt hin und wieder ein schönes Sümmchen Geld für soziale Projekte. Also werde ich denen erst einmal eine Mail schreiben, denke ich mir. Wenn sie Interesse an unserem Ort haben, dann ist ihnen sicher auch nicht gleichgültig was in seinem Umfeld geschieht. Allerdings lässt sich keine Privataderesse finden. Ich bin nicht so gut wie Günther Wallraff und gebe mich daher erst einmal mit der Anschrift einer gemeinnützigen Organisation zufrieden, in der sich das Familienoberhaupt rege engagiert. Meine Hoffnung besteht darin, dass diese Nachricht weiter geleitet wird. Allerdings werde ich dort zweimal hinschreiben müssen ehe ich eine abschlägige Antwort erhalte, die besagt, dass man sich nicht in kommunale Entscheidungen einmischen kann.

Die Mitstreiter sind inzwischen auch nicht untätig. Familie Reiter hat sogar einen Anwalt konsultiert. Ich bin begeistert. Wir fahren richtig große Geschütze auf! Das auch diese Bemühungen irgendwie ins Leere laufen, können wir da noch nicht wissen. Der junge dynamische Rechtsbeistand schient ein großes Geschäft zu wittern und will uns in einen zeitaufwändigen Streit verwickeln. Das hilft uns nicht weiter. Wir müssen schnell sein, denn der Verkauf ist von den Stadtverordneten abgesegnet. Wir brauchen etwas Handfestes, sonst sind die Bäume gefällt.

Einstweilen tragen wir alle Informationen zusammen, die irgendwie nützlich sein könnten. Nach und nach kommen dabei Sachen ans Tageslicht, über die wir nur mit dem Kopf schütteln. Die alte Baumschule Heidenholz befindet sich auf einem Gelände, das inzwischen als Trinkwasserschutzgebiet III ausgewiesen wurde. Das bedeutet, dass der Dünger, der dort ausgebracht wird zu einem nicht unerheblichen Teil in unserem städtischen Trinkwasser landen wird. Leider hat sich bisher keine seltene Tierart auf der Fläche angefunden. Im nahegelegenen Flüsschen findet man immerhin Fischotter, Kammmolch, Groppe, Bachmuschel, Schlammpeitzger, Flussneunauge, Schmale Weidelschnecke. Das hat die Untere Naturschutzbehörde herausgefunden. Allerdings bleiben die in ihrem Wasser und wohnen nicht zeitweise auf der Baumschulfläche.

Als Nächstes kommt noch ein richtiger Schlag in die Magengrube. Die Grenze eines FFH-Gebietes führt genau fünfzehn Meter an dem Areal, welches uns am Herzen liegt, vorbei.
FFH ist auch so ein Ding, was mir vorher nicht bekannt war. Es handelt sich dabei um ein Flora-Fauna-Habitat,. Ist das ausgeweisen, dann fällt es unter eine Naturschutz-Richtlinie der EU fällt.

„Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie hat zum Ziel, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen. Die Vernetzung dient der Bewahrung, (Wieder-)herstellung und Entwicklung ökologischer Wechselbeziehungen sowie der Förderung natürlicher Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse“, heißt es auf der zuständigen Internetseite. Fünfzehn Meter daran vorbei! Wie gemein ist das denn?

Wir finden noch etwas heraus, was uns schwer im Magen liegt. Schon im letzten Jahr gab es eine Geländebegehung mit dem Erdbeermenschen, der Unteren Naturschutzbehörde und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Da wurden die Pläne besprochen und niemand hat interveniert.

Wozu hat man eine Naturschutzbehörde, wenn sie sich nicht darum kümmert, dass die Natur erhalten bleibt? Und warum heißt die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald wie sie heißt, wenn sie den Wald nicht schützt? Was geht da im Hintergrund ab?
Inzwischen trudeln auch die Antworten von den verschiedensten Organisationen ein, an die ich mich verzweifelt gewendet habe. Niemand kann uns wirklich helfen. Alle drücken uns die Daumen, bestärken uns in unserem Engagement und wünschen uns viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Na toll! Nichts gegen moralische Unterstützung, aber so gewinnen wir keine Schlacht. Uns bleibt nichts weiter übrig als die Suppe am Kochen zu halten und immer wieder an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir schreiben Leserbriefe, verteilen Aufkleber und hängen Plakate aus. Eines ist gewiss, wenn wir aus dem Gedächtnis der Leute verschwinden, dann ist unsere Sache verloren. So nach und nach bekomme ich eine leise Ahnung davon, wie sich Don Quichotte gefühlt haben muss.

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Bildquellenangabe: PeterFranz  / pixelio.de

 

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