Jetzt ist guter Rat teuer

Immer noch Freitag, 24. Februar (und die folgenden Tage)

Von allen Seiten stürmen Nachrichten, Meinungen und Informationen auch mich ein. Egal wohin ich auch gehe, ich werde auf die unselige Abstimmung der Stadtverordneten angesprochen. Die meisten Leute denken ähnlich wie ich, aber es gibt auch Stimmen, die argumentieren, dass so eine Erdbeerplantage doch etwas Gutes sei. Da haben sie natürlich aus Verbrauchersicht recht, denke ich und wundere mich gleichzeitig, wie sich doch mein Vokabular in den letzten Wochen verändert hat. Die Worte Verbrauchersicht und Investor gehörten eigentlich nicht in meinen Sprachschatz. Und solche wagen Ausdrücke wie vielleicht, eigentlich, womöglich oder so sollte man als Schreiberling auch tunlichst vermeiden. Das steht jedenfalls in jedem Handbuch für angehende Autoren. Ich komme aber um solche Unwägbarkeiten nicht mehr herum, muss ich feststellen.

Wie dem auch sei, ich antworte den Befürwortern einer Plantage immer mit dem Einwand, dass er sie doch machen soll, wo er will, aber nicht im Wald. Meist habe ich Glück und das nimmt ihnen den Wind aus den Segeln. Wenn ich ehrlich bin, verspüre ich auch keine große Lust mich in endlose Diskussionen verwickeln zu lassen. Ich zermartere mir den Kopf, was man tun kann, um zu retten was noch zu retten ist.
Zum Zeitunglesen habe ich ebenfalls keine rechte Lust mehr. Da stehen solche Sachen wie: „Die Vorwürfe in der hitzig und emotional geführten Debatte reichten von der Verschleuderung kommunalen Eigentums ohne finanzielle Notwendigkeit bis hin zu Vetternwirtschaft und Verkauf unter Wert“. Ich sehe das zwar auch so, aber es bringt mich nicht weiter. Trotzdem quäle ich mich durch die Artikel, die sich um die vermaledeite Entscheidung unserer Stadtverordneten beziehen. Irgendwann stoße ich dann doch auf einen Leserbrief, den ein Bürger der Stadt verfasst hat. Dessen Überschrift lautet: „Fehlerbehafteter Stich in Wulfenforts Herz mit Erdbeeren im Naherholungswald“. Gleich der zweite Satz lässt mich aufhorchen: „Den Grundstücksangelegenheiten im nichtöffentlichen Teil gingen mehrere formale Fehler voraus“. Formale Fehler – genau das ist es! Wenn man den Abgeordneten nicht mit menschlicher Vernunft, dem Wert der Natur und weiteren emotionalen Argumenten kommen kann, dann sollte man sie wohl mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Meine Mitstreiter sind auf das gleiche Ergebnis bei ihren Überlegungen gekommen. Bei uns allen ist der erste Schock nun endgültig gewichen und wir sind uns einig, dass wir nicht so schnell kleinbeigeben. In historischen Romanen heißt es oft, Angriff ist die beste Verteidigung. Also durchdenken wir gemeinsam, was zu tun ist. Ich drucke mein Konzept für alle Fraktionen der Stadtverordneten aus und bringe es noch kurz vor Toresschluss in die Stadtverwaltung. Dort gebe ich es am Tresen ab. Auf jedem der Umschläge steht groß und fett die Fraktion, an die es weitergeleitet werden soll. Dummerweise habe ich immer noch nichts gelernt und lasse mir die Abgabe nicht bescheinigen. Als ich Wochen später bei den Abgeordneten nachfrage erklären sie mir, dass sie nichts bekommen hätten. Wenigstens die Stadtverwaltung bescheinigt mir in einem Schreiben, einige Tage danach den Erhalt meines Briefes.

Außerdem stelle ich noch einmal einen Pachtantrag für die Fläche der ehemaligen Baumschule Heidenholz. Auch dafür gibt es eine Eingangsbestätigung. Die anderen Interessenten an meiner Seite erneuern ihre Kaufanträge. Auch Monate hinterher wird niemand von uns wenigstens einen abschlägigen Bescheid erhalten. Diese Aktion verläuft im Sand.

Ehrlich gesagt, viel Erfolg haben wir uns von dem Schritt auch nicht versprochen. Wir wollten einfach etwas tun. Unsere andere Aktion sollte jedoch mehr bringen, glauben wir. Für formale Fehler ist, so denken wir mit Fug und Recht, die Dienstaufsichtsbeschwerde der Kreisstadt zuständig. Der flattern in den nächsten Tagen gleich etliche Briefe mit ähnlichem Inhalt ins Haus. Bei allen steht als Überschrift: „Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Herrn Felsentramp“.

Dann kommt folgendes:
„Nach Artikel 17 des Grundgesetzes (GG) (Petitionsrecht) mache ich von meinem Recht gebrauch, gegen Herrn Felsentramp, Bürgermeister der Stadt Wulfenfort, eine Dienstaufsichtsbeschwerde zu führen. Bei der Stadtverordnetenversammlung am 22.02. hat der Bürgermeister in der öffentlichen Fragerunde einer Bürgerin auf Anfrage, ob alle eingereichten Konzepte vollständig vorliegen und ausreichen, um heute eine Entscheidung zu fällen, die Auskunft gegeben, dass den Stadtverordneten alle erforderlichen Unterlagen zur Verfügung stehen, um eine Entscheidung über die ehemalige Baumschule Heidenholz zu treffen. Nach meiner erneuten persönlichen Nachfrage lagen weder mein Konzept noch zwei weitere Kaufanträge der SVV vor. Außerdem lag den Entscheidern das Protokoll der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses vom 07.02. ebenfalls nicht vor. Das bedeutet, dass eine Beschlussfassung aufgrund der nicht vorhandenen Information durch die anwesenden Stadtverordneten nicht auf Basis aller aktuellen Sachverhältnisse durchgeführt werden konnte. Herr Felsentramp bestand jedoch auf einer zeitnahen Entscheidung, die er durchzusetzen wusste. Dieses Verfahren steht im Widerspruch zur Geschäftsordnung der Stadtverordnetenversammlung Wulfenfort, die auf § 28 Abs. 2, Nr. 2 BbgKV beruht.“

Ich bin mächtig stolz auf dieses amtliche Geschreibsel. Sowas habe ich noch nie verfasst. Keine Emotion, nichts mit Gefühl. Nur sachliche Argumente. In meinen Augen liest sich das jedenfalls so, als ob man sofort alles neu verhandeln muss, weil die ganze Sache nicht korrekt über den Tisch gegangen ist. Voller Hoffnung kümmere ich mich jetzt endlich mal wieder um meinen eigenen Kram und schreibe glatt ein vollständiges Kapitel für meinen Roman. Allerdings wird diese euphorische Stimmung leider nicht lange anhalten.

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Bildquellenangabe:  Erich Westendarp  / pixelio.de

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