Katerstimmung

Freitag, 24. Februar
Die anfängliche Fassungslosigkeit weicht nicht nur bei mir langsam einer wütenden Entschlossenheit. Es ist ein gutes Gefühl, nicht mehr allein auf weiter Flur zu stehen und so überlegen in den Tagen nach der fatalen Entscheidung der Stadtverordneten recht viele Leute, was und ob etwas zu machen ist. Wir tragen unsere Ideen und Einfälle zusammen. Telefon, Email, WhatsApp es geht ständig hin und her und ich komme nicht mal mehr zum Essen.

In den sozialen Medien kochen die Emotionen ebenfalls hoch. Einzelne Stadtverordnete melden sich zu Wort und bekennen, dass sie dagegen gestimmt haben, damit die empörten Bürger sie nicht persönlich deswegen angreifen. Damit hätte ich ja nun mal wieder gar nicht gerechte, aber Frau Sänger schreibt tatsächlich auf Facebook: „Aber bitte kommen Sie nicht in mein Büro, um mich zu maßregeln, denn meine Stimme war eine der NEIN-Stimmen“.

Diese Entwicklung lässt mich zum hundertsten Male darüber nachgrübeln, ob es nicht besser gewesen wäre, früher an die Öffentlichkeit zu gehen. Man hat ja heute doch eine ganze Menge Möglichkeiten. Der RBB-Bus wäre ein davon. Mir fallen noch kurz Mario Barth, die Super-Illu und die Bild-Zeitung ein, aber irgendwie gefällt mir das nicht.
Im Augenblick bringen solche Überlegungen ja auch nichts. Die Stadtverordneten haben entschieden, dass die Fläche verkauft werden soll. Keine Ahnung, ob man so eine Abstimmung kippen kann und wenn, wie man das anstellen soll. Ich ärgere mich über mich selber. Warum habe ich mich nicht eher darum gekümmert, was so in unserer Stadt abläuft? Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, welche Rolle eine Kommunalverfassung spielt. Genau genommen nicht einmal, dass es sowas gibt. Da haben wir nun den Salat: Wenn man sich nicht auskennt, dann ist man der Gelackmeierte.

Bei den vielen Kommentaren, die inzwischen durch das Internet geistern, sind auch einige, die hoffen, dass der Erdbeer-Mensch, wenn er sieht, dass das Ganze so einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat, kleinbei gibt. Ich glaube das nicht. Sind wir mal ehrlich: Die Möglichkeit heutzutage Land zu so einem Preis erwerben zu können, ist doch zu verlockend. Man ist ja selber ähnlich gestrickt. Beim Einkaufen greifen wir doch auch im Allgemeinen ohne zu Zögern zum günstigeren Angebot, wenn es sich um verhältnismäßig gleiche Artikel handelt. Der Typ ist doch in erster Linie Geschäftsmann, und die rechnen. Müssen rechnen, sonst sind sie bald pleite. Ich kann das alles verstehen. Das hilft dem Wald aber in keinster Weise. Wenn ich den retten will, dann muss ich diese Gedanken beiseiteschieben.

Was ich nicht verstehen kann ist, wie es zu so einem dermaßen preiswerten Angebot überhaupt kommen konnte. Das ist komisch. Es gibt doch Richtwerte, Bodenwertzahlen etc. Soviel weiß ich inzwischen sogar. Und ich habe, wie ich immer wieder feststellen muss, nicht viel Ahnung von der Materie. Mir stellen sich daher mindestens zwei Fragen. Wer hat den Preis festgelegt? Und warum wurden andere Kaufinteressenten, die eine doppelt so hohe Offerte boten, überhaupt nicht in Betracht gezogen. Auch wenn ich unseren nördlichen Nachbarn wieder einmal Unrecht tu: Es ist was faul im Staate Dänemark.

Ich bin wirklich nicht allein mit dieser Ansicht. Selbst in der Tageszeitung erscheint ein Artikel mit der Überschrift: „Baumschule Heidenholz wird zur Erdbeerplantage“.

Da kann man unter anderem folgendes lesen:
„Die ehemalige Wulfenforter Baumschule wird eine Erdbeerplantage werden. Das haben die Wulfenforter Stadtverordneten am Mittwoch nicht öffentlich entschieden. Über das Thema gab es schon im öffentlichen Teil lange Diskussionen. „Betreffs Ihrer Anfrage teile ich Ihnen mit, dass ein Beschluss im Sinne der Antragstellung gefasst worden ist“, erklärte Bürgermeister Felsentramp schriftlich auf unsere Anfrage. Im nicht-öffentlichen Teil wurde der Verkauf der zehn Hektar großen Fläche an den Erdbeerplantagenbetreiber Karl Mirtillo mit zehn Ja- bei sieben Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen beschlossen. Zuvor war das Thema im öffentlichen Teil der Sitzung stundenlang diskutiert worden. Im Publikum saß eine Vielzahl von Bürgern, die Felsentramp mit Fragen überhäuften. Unser Beitrag zum Thema vom Mittwoch hatte einige Menschen aufgeschreckt, die sich auch an unsere Redaktion wandten. Ihnen allen lag der Erhalt des Heidenholz am Herzen.“

Der Artikel ist lang und spiegelt genau das wieder, was wir erlebt hatten. Und dann steht noch etwas Interessantes darin. Unser Bürgermeister Felsentramp beschwert sich doch konkret darin, dass im Vorfeld aus den nicht-öffentlichen Beratungen über das Thema auch Details nach außen gedrungen seien. Da hätten doch tatsächlich manche Abgeordneten ihre Verschwiegenheitspflicht verletzt.

Na das ist ja wohl hammerhart, denke ich beim Lesen. Ist der Verkauf des Heidenholzes im Vorfeld zur geheimen Reichssache erklärt worden, über die man nicht reden darf?
Ich wundere mich wieder einmal, welche Worte mir so einfallen. Erst die Sache mit Dänemark, wo etwas im Staate faul sein soll, und jetzt das. Diese Formulierung klingt echt übel. Immerhin informiere ich mich erst einmal bei Wikipedia über Geheimhaltungsstufen. Da steht: „wird von einer amtlichen Stelle oder auf deren Veranlassung die Schutzbedürftigkeit von Informationen festgelegt.“

Und was sagt die Kommunalverfassung dazu? Mein nächster Gedanke zeigt mir, wie weit es schon mit mir gekommen ist. Ich erschrecke, schaue aber trotzdem nach. Dort kann man lesen: „Die Öffentlichkeit ist auszuschließen, wenn überwiegende Belange des öffentlichen Wohls oder berechtigte Interessen Einzelner es erfordern.“
Das kann man natürlich wieder mal so oder so sehen. Vom Prinzip her stehen die »überwiegenden Belange des öffentlichen Wohls« gegen die »berechtigten Interessen eines Einzelnen«. Und wer hat entschieden, was wichtiger ist?

Auf alle Fälle enthält der Artikel noch zwei weitere Anregungen. Einmal wird eine Abgeordnete zitiert, dass nicht genug Informationen vorlagen und anderseits hat Bürgermeister Felsentramp explizit darauf gedrungen, dass auch wirklich an dem Abend eine Entscheidung gefällt wird. Kann man da nicht irgendwie ansetzen?

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Bildquellenangabe:  B.Stolze  / pixelio.de

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