Hinter verschlossenen Türen

Mittwoch, 22.Februar

Heute soll nun die Entscheidung fallen. Irgendwie kann ich es nicht glauben, dass die Abgeordneten das Heidenholz einfach so zerstückeln wollen. Darum bin ich anfangs  recht gelassen.

Früh am Morgen bekomme ich einen Anruf von einer netten Dame. Die hat inzwischen von meinem Einsatz für die alte Baumschule gehört und teilt mir mit, dass ihre ganze Familie entsetzt ist, was da abläuft. Sie fragt mich, ob ich es schrecklich finde, wenn sie auch noch ein Kaufangebot abgeben. Sie kennt mein Konzept und würde mich gern einbeziehen.

Wow, denke ich, die Sache kommt ja ganz schön in Fahrt und dann frage ich, ob sie denn ebenfalls die Absicht haben die Bäume abzuholzen. Das haben sie auf keinen Fall, wird mir versichert. Dann bin ich dabei, sage ich. Natürlich können sie sich auf mein Konzept berufen. Mir ist es im Grunde genommen egal, wem die alte Baumschule gehört. Leider habe ich noch lange nicht so viele Bücher wie Nora Roberts verkauft. Daher kann ich es mir vom Prinzip her nicht leisten ein Kaufangebot für den Wald abzugeben. (Hätte ich allerdings damals gewusst, wie billig die Wulfenforter Stadtväter das Areal verschleudern wollten, dann hätte ich frech auch ein Angebot abgegeben.)

Einer meiner Nachbarn schaut vorbei und erzählt mir, dass er zusammen mit zwei anderen auch ein Kaufangebot gemacht hat. Soll mir recht sein. Wenn nur der Wald erhalten bleibt. Eigentlich ist das doch prima, überlege ich mir. Wenn jetzt noch mehrere Anträge zum Kauf vorliegen, dann kann man das heute Abend sicher nicht so schnell entscheiden. Dann wird die Sache sicher noch einmal vertragt, und ich kann weitere Argumente und auch Unterstützer sammeln. Um mich selber zu beruhigen, erzähle ich mir den Rest des Tages ständig Geschichten über den gesunden Menschenverstand. Die Natur als Erholungsgebiet hat doch heutzutage einen so hohen Stellenwert, da kann man doch nicht im Ernst daran denken, eine Monokultur daraus zu machen. (Ich kleines Dummerchen!)

Je weiter die Zeit fortschreitet, desto unruhiger werde ich. Die Versammlung beginnt um 18 Uhr. Ich muss eigentlich bis 19 Uhr einen Kurs an der Volkshochschule geben. Aber irgendwie bin ich nicht bei der Sache. Weil ich inzwischen so hippelig bin, frage ich meine Leute, ob ich sie 10 Minuten eher nach Hause schicken kann. Alle verstehen meine Situation und sind zum Glück einverstanden.

Also mache ich mich auf den Weg zur Stadtverordnetensitzung. Leider ist die erste Runde der Bürgerfragestunde schon vorbei. Meine Sitznachbarn flüstern mir aber zu, dass es hoch her ging und der Bürgermeister ziemlich allergisch auf das Thema Heidenholz reagierte. Entweder bekamen die Bürger unfreundliche Antworten oder es wurde auf den nichtöffentlichen Teil verwiesen. Das war übrigens auch bei anderen Themen so und scheint der Grundtenor in unserem Städtchen zu sein, stelle ich entgeistert fest.

Ich schnaufe in mich hinein. Die Problematik des nichtöffentlichen Teils der Versammlung ist mir ja vom Hauptausschuss bekannt. Wieso wird sowas wichtiges, wie der Verkauf eines Bestandteiles unseres Stadtwaldes hinter verschlossenen Türen verhandelt? Gibt es da etwas, was wir nicht wissen sollen?

Endlich ist die zweite Runde der Einwohnerfragestunde dran. Ich stehe auf und frage ob alle Stadtverordneten mein Konzept erhalten haben. Allgemeines Kopfschütteln. Die Stadtverordneten kannten nicht einmal das Protokoll von der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, der die Beschlussfindung vorbereitet hatte. Die Dame, die den Protokollversand in der Stadtverwaltung erledigt, ist sein Wochen krank, gibt man als Entschuldigung an. Verstehe ich das jetzt richtig? Es soll etwas entschieden werden, ohne dass man alle Fakten und Informationen hat? Bin ich im falschen Film?

Auch von den anderen Kaufangeboten ist nichts bekannt. Die nachfragenden Mitbürger werden ziemlich unwirsch abgewiesen. Geht man denn so mit seinen Einwohnern um? Wer ist denn hier für wen da? Ich werde mir bei der nächsten Wahl sicher ganz genau anschauen, wohin ich mein Kreuz mache. In Gedanken gehe ich die Stadtverordneten durch. Der wird gewiss für den Wald stimmen. Der. Der auch. Der nicht. Der auf keinen Fall, so wie der jetzt schon immer argumentiert hat. Bei dem weiß ich es nicht.

Mir wird ganz flau im Magen. Das könnte knapp ausgehen, bei der Abstimmung.

Diejenigen von den Bürgern, die gegen den Verkauf des Heidenholzes an einen privaten Investor sind, melden sich mehrmals zu Wort. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir alle gegen eine Wand reden. Die Antworten, die man bekommt sind nichtssagend oder verweisen ziemlich barsch auf den nichtöffentlichen Teil. Mehr noch als über den vorherrschenden unfreundlichen Ton, wundere ich mich die ganze Zeit darüber, ob man denn eigentlich was beschließen kann, wenn man nicht rundum Bescheid weiß?

Den Herrn von der Erdbeerplantage hat man übrigens eingeladen, um ihm einige Fragen zu stellen. Ich bekomme leider dieses Privileg nicht, obwohl das auch mal kurz im Gespräch war. Also müssen alle andern den Saal verlassen, als dieser fatale nichtöffentliche Teil beginnt.

Im Foyer findet sich dann schnell eine Gruppe von Gleichgesinnten. Egal wie unser Ansatz war, wir wollen alle den Wald retten. Irgendwie tut es gut, dass ich nicht mehr so allein auf weiter Flur stehe. An diesem Abend erweitert unsere Interessengemeinschaft um einige wichtige Mitstreiter.

Während wir noch diskutieren gesellt sich Herr Dr. Freundlich zu uns. Der will wohl die Wogen etwas glätten, schließlich möchte er sich in einem knappen halben Jahr zur Wahl als Bürgermeister stellen. Er redet und redet und sagt am Ende doch nichts. Keine unserer Fragen wird beantwortet. Nicht einmal die, von wem wir das Ergebnis der Abstimmung erfahren können.

Als ich ihn damit konfrontiere, dass er mich am Vortag wissentlich versetzt hat, streitet er natürlich alles ab. Es hat keinen Zweck mit ihm zu diskutieren und so beschließe, ich die Sache mit Galgenhumor zu nehmen. Daher sage ich zu ihm: „Warten sie mal ab, Dr. Freundlich. Wir zwei gehen schon noch mal zusammen im Wald spazieren.“ Er wird sich später nicht mehr an diesen Satz erinnern. Ganz im Gegensatz zu meinen Mitstreitern. Ach, wenn ich doch immer so gut im Vorhersagen wäre!

Auf die Nachfrage, warum denn der Erdbeermensch im geheiligten nichtöffentlichen Teil sprechen darf, und die anderen Interessenten nicht, bekommen wir übrigens die Antwort, dass er dafür einen Antrag gestellt hat. Das hätten wir auch machen können. Na toll, woher soll man denn sowas wissen!

Zumindest sind wir als Gleichgesinnte ein ganzes Stück näher zusammengerückt. Das scheint das einzig positive Ergebnis an diesem Abend zu sein. Als die Tür aufgeht und die Stadtverordneten herauskommen, versuchen wir vergeblich etwas aus ihren Gesichtern zu entnehmen. Aber so ganz glücklich scheinen sie nicht zu sein. Schließlich gehen wir ohne wirkliche Erkenntnis nach Haus.

Dort brauche ich erst mal ein großes Glas Wein. Hoffentlich ist die Sache jetzt ausgestanden, denke ich mir. Sowas zerrt ja echt an den Nerven.

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Bildquellenangabe:  S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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