Voll verschaukelt

Immer noch Dienstag, 21. Februar

Ich bin ganz aufgeregt. Heute habe ich nämlich einen Termin bei Dr. Freundlich. Ich, persönlich! So kurz vor der Abstimmung durch die Stadtverordneten kann das doch nur etwas Gutes sein, denke ich.

In der Woche zuvor, am Donnerstag, hatte das Büro von Dr. Freundlich, der den Geschäftsbereich 3 leitet, bei mir angerufen und mich zu einem Abstimmungstermin eingeladen. Am liebsten wollten sie ja, dass ich gleich am Freitag vorbeikomme. Inzwischen war ich aber doch ein klein wenig bockig geworden, was die ganze Sache mit der Stadtverwaltung betraf. Erst reagieren sie wochen-, ja eigentlich monatelang, nicht auf meine Anfragen, und dann soll ich sofort springen! Nö, darauf habe ich nun auch keine Lust. Also sagte ich, dass ich am Freitag nicht kann, und habe einen anderen Termin vorgeschlagen. Im Nachhinein wurde mir dann klar, dass man mich unbedingt noch vor diesem Abstimmungs-Mittwoch treffen wollte. Zu zickig mochte ich mich aber nun doch nicht anstellen und so habe mich dann auf den heutigen Dienstag eingelassen. Immerhin erhoffte ich mir von so einem Gespräch doch irgendetwas Positives. Nur zur Erinnerung: Der Geschäftsbereich 3 unserer Stadtverwaltung in Wulfenfort beinhaltet die Abteilungen Stadtentwicklung, Bauwesen, Wirtschaft, Ordnung und Verkehr. Und Dr. Freundlich ist der Sachgebietsleiter davon. Da war ich doch genau richtig! Und diesmal würde ich nicht nur mit einem Mitarbeiter sprechen, sondern war beim Chef eingeladen. Das sah doch echt gut aus!

Also bin ich voller Elan losgetrabt.

Ich gebe es zu, ich habe mich sogar etwas in Schale geschmissen. Nicht zu doll. Nur ein bisschen. Aber wenn man einen persönlichen Termin beim stellvertretenden Bürgermeister hat, dann geht man da ja wohl nicht in Jogginghosen und Schlamper-T-Shirt hin.

Wie gesagt, ich stürme voller Elan in das Büro von Dr. Freundlich. Klopfen. Rein. Und hier bin ich.

Leider bremst man mich sofort in meinem Schwung. Die Sekretärin erklärt mir, dass Herr Dr. Freundlich dringend weg musste. Ich glaube, ich bin im falschen Film! Das kann doch jetzt nicht wahr sein, schreit alles in mir. Alle meine Hoffnungen purzeln wie ein Kartenhaus zusammen. Sicher hat man auf so einem Posten auch mehr zu tun als sich mit jedem Bürger, der ein Problem hat, einzeln zu befassen. Aber ich hatte doch einen Termin! Das ist das Einzige, was ich zuerst einmal ziemlich verdattert herausbringe. Man erklärt mir nochmals geduldig, dass es wirklich eine kurzfristige und wichtige Sache sei, zu der Herr Dr. Freundlich dringend hin muss. Auf meinen Einwand, warum man mich nicht benachrichtigt hat, damit ich mir den Weg sparen kann, wird nicht reagiert. Stattdessen bittet mich die Sekretärin zuvorkommend ihr zu folgen, damit ich nicht umsonst hier gewesen sei. Herr Dr. Freundlich hätte einen Mitarbeiter mit der Sache betraut, der an seiner Stelle mit mir reden würde.

Stumm vor mich hin grummelnd trabe ich hinterher.

Und dann denke ich, mich trifft der Schlag! Die gute Frau bringt mich doch tatsächlich zu Herrn Ader, bei dem ich vor einiger Zeit schon einmal war. Was soll ich denn hier? Der kann und darf doch gar nichts entscheiden! Am liebsten würde ich auf dem Absatz kehrt machen. Aber da steht mir mal wieder die anerzogene Höflichkeit im Weg. Außerdem sitzt der arme Mensch nicht allein im Zimmer, sondern bei ihm ist noch der Chef der Grünanlagen. Den kenne ich so ein bisschen und daher will ich nun doch keinen Aufstand anzetteln. Irgendwie sieht es für mich aus, als ob sich der Herr Ader Beistand geholt hat. Kann ich ihm ja auch nicht verdenken. Das letzte Mal habe ich ihm ja fast mit meinem Redefluss erschlagen.

Obwohl ich sauer bin, setze ich mich hin und höre mir an, was man zu sagen hat. So richtig kann ich es nicht glauben. Man bietet mir eine Ausgleichsfläche an. Zur Pacht. Ein anderes Stück Wald. Ohne die Gebäude und Sanitäreinrichtungen der alten Baumschule. Die ich ja brauchen würde, wenn ich mein Konzept umsetzen will. Was soll ich denn mit einem reinen Stück Wald? Haben die nicht mal in meinen Projektentwurf reingeschaut? Ohne ein entsprechendes Basislager kann man mehr als zwei Drittel der Ideen nicht umsetzen. Ich bin wie vor die Stirn geschlagen. Was soll das Ganze? Irritiert schüttle ich den Kopf. Natürlich lehne ich das ab. Herr Ader nickt betrübt und meint, dass er sich das schon gedacht hat. In meine Wut und Empörung schleicht sich so nach und eine große Portion Ernüchterung. Was habe ich mir denn bloß eingebildet? Da kommt so eine relativ unbekannte Autorin aus dem Wald und bringt alles durcheinander? Und dafür versaut man dem Schwager des alteingesessenen Herrn Beyer, der Chef des Liegenschaftsamtes ist, einen lukrativen Landkauf? Vielleicht sollte ich demnächst Krimis schreiben, das schärft wohl eher den Verstand als meine albernen Herz-Schmerz-Geschichten.

Die beiden Herren bemerken meinen Frust und sind auf ihre Art recht freundlich zu mir. Wahrscheinlich tue ich ihnen leid. Ohne es mir direkt ins Gesicht zu sagen, erklären sie mein Ansinnen für nahezu aussichtslos. Man kann sich gegen manche Sachen so sehr stemmen, wie man will, man kommt da einfach nicht mit durch, lautet der Grundtenor des Gespräches. Der Grünanlagen-Chef berichtet von einem Fall, wo er sogar vor Gericht gezogen ist und trotzdem nichts erreicht hat.

Mit hängenden Schultern schleiche ich mich von dannen. Ich bin am Boden zerstört. Erst ist der Dr. Freundlich nicht da, weil er etwas Wichtigeres zu tun hatte und dann noch dieses deprimierende Geplauder. Ich will doch nur den Wald retten und nun sehe ich, meine Chancen stehen gegen Null.

Zum Glück hält diese Stimmung nicht ewig an. Zwei Tatsachen reißen mich aus meiner Lethargie. Genau genommen sind es eine Überlegung und eine Information.

Zuerst die Überlegung. Warum war dieser Termin mit mir denn eigentlich so dringend, wenn sie mir doch nur ein anderes Stück Wald zur Pacht angeboten haben? Wenn ich mich richtige erinnere hatte man es eilig. Sollte das irgendwas, mit der kommenden Stadtverordnetenversammlung zu tun haben? Wie stimmig diese Vermutung ist, wird mir bei dieser Veranbstaltung klar werden. Dort verkündet man, dass beiden Interessenten eine Ausgleichsfläche offeriert wurde. Und beide haben abgelehnt. Wenn mir die ganze Sache nicht so am Herzen liegen würde, dann könnte ich ja glatt den Hut vor so viel Schlitzohrigkeit ziehen.

Meine Bewunderung für die Taktik der Stadtverwaltung hält sich allerdings in Grenzen und verwandelt sich in ziemliche Wut. Dafür sorgt eine Information, die ich noch am selben Abend erhalte. Niemand hat es gern, wenn man ihn verschaukelt. Ich bin da keine Ausnahme. Verschaukeln ist noch ein charmanter Ausdruck, wie ich erfahren muss. Mein lieber Dr. Freundlich hatte keinen dringenden Termin. Er saß bei einem schon lange abgesprochenen Treffen, das man auch problemlos hätte verschieben können. Zu meinem Glück oder seinem Pech, gibt es inzwischen auch genügend Leute, die die Sache mit dem Wald auch so sehen, wie ich. So erfahre ich auch ab und zu mal Dinge, die vielleicht nicht unbedingt für mich bestimmt sind.

In diesem speziellen Fall bedeutet das, dass der Herr Dr. Freundlich keineswegs die Absicht hatte, sich mit mir zu treffen. Wahrscheinlich fehlte ihm einfach die Lust sich mit mir abzugeben. Da war es doch viel bequemer, nicht da zu sein. Von Anfang an war ihm klar, dass ich den Vorschlag mit der Ausgleichsfläche ablehnen würde. Ich brauche nicht irgend ein Stück Wald, um mein Konzept zu realisieren. Es ist genau auf diese Fläche zugeschnitten. Denn es geht unter anderem auch darum die Bäume, die noch recht geordnet in den einzelnen Beeten der ehemaligen Baumschule Heidenholz stehen, als Lehr- und Anschauungsmaterial zu benutzen. Was soll ich da mit Wald, der einfach nur Wald ist, wie man ihn im Allgemeinen kennt?

Ich bin wirklich richtig wütend. Nicht so, dass ich Rot sehe. Sondern eher so in die Richtung, dass ich mir doch hier wohl nicht alles gefallen lasse. Wenn sie denken, dass sie mich jetzt zum Aufgeben gebracht haben, dann haben sie sich aber geschnitten! Wenn sie weiterhin denken, ich merke nicht, wenn man versucht, mich über den Tisch zu ziehen, dann liegen sie falsch! Das facht nur noch meinen Widerstand an. In dem Falle, dass ich Romane schreiben würde, die im Mittelalter spielen, dann wäre es jetzt an der Zeit zu den Waffen zu rufen. Die Verhandlungen sind gescheitert. Die Ritter satteln ihre Pferde, greifen zu den Schwertern und hissen das Banner. (Ich werde doch irgendwann noch das Genre wechseln, befürchte ich.)

Zumindest habe ich an diesem Tag mehrere Sachen gelernt. Die stehen alle unter dem Tenor, dass die Wulfenforter Stadtverwaltung ein ziemlich ausgekochter Haufen ist. Auf jeden Fall, wenn es darum geht, ihre Interessen zu wahren. Da laden sie mich zum stellvertretenden Bürgermeister ein, weil sie sich denken, dass ich keine Lust haben werde, nochmals mit einem Menschen zu reden, der eh keine Entscheidungen fällen darf. Mein vorgesehener Gesprächspartner verschwindet unter einem Vorwand, weil er wahrscheinlich wiederum keine Lust auf eine unbefriedigende Diskussion mit mir hat. Man macht mir, trotz bessen Wissens, den Vorschlag mit der Ausgleichsfläche, damit man anschließend auf der Stadtverordnetenversammlung verkünden kann, dass ich diesen abgelehnt habe.

Clever. Echt clever.

Und Eines ist noch klar: Dr. Freundlich ist nicht so freundlich wie er sich immer gibt. Sein Name ist nicht Programm. Er tut nur so.

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Bildquellenangabe: A.Dreher  / pixelio.de

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