Rauschen im Blätterwald

So langsam dringen mehr und mehr Informationen an die Öffentlichkeit. Ich werde immer öfter mit den Worten „Was ist denn da draußen im Wald los?“ angesprochen. Kurioserweise habe ich das Gefühl, dass ich nicht so richtig vom Leder ziehen sollte. Irgendwie scheue ich die Konfrontation. Ist ja auch blöd, wenn man sich mit der Verwaltung seiner eigenen Kleinstadt anlegen will.

Das mit dem Verkauf des Grundstückes aus dem Stadtwald und der Umwandlung in eine Erdbeerplantage ist sicher nur ein dummes Missverständnis. Kein Mensch kann daran wirklich Interesse haben! Heutzutage schon gar nicht. Die Natur und deren Erhalt gehen bekanntlich vor! Das sagt doch der gesunde Menschenverstand, denke ich mir. (Heute kann ich nur darüber lachen, wie naiv ich damals war.)

Nach meinem Auftritt beim Stadtentwicklungsausschuss bleibt es jedoch immer noch recht still von offizieller Seite. Bis sich dann auf einmal die Presse zu Wort meldet.

Dienstag, 21. Februar

In der Internet-Ausgabe unserer Wulfenforter Stadtzeitung kann man lesen, dass sich die Stadtverordneten am kommenden Mittwoch treffen. Da ist auch ein Link auf die Tagesordnung zu finden. Dort steht als einer der Tagesordnungspunkte im nichtöffentlichen Teil „Grundstücksangelegenheiten“. Ich weiß inzwischen nur zu gut, dass man unter dieser Bezeichnung der Versammlung den Teil findet, bei der die Öffentlichkeit nichts zu sagen hat und auch nicht einmal zu gegen sein darf. Mit Grundstücksangelegenheiten ist, so hat man mir zugeflüstert, der Verkauf der Baumschule Heidenholz gemeint.

Zugeflüstert ist gut. Ich habe kein Ahnung wie oft ich in den nächsten Wochen noch sagen werde, dass ich diese und jene Information habe, sie aber nicht verwenden kann, weil ich die Quelle nicht nennen darf. Dabei sehe ich ja ein, dass man Auskünfte aus dem nichtöffentlichen Teil nicht so einfach ausplaudern darf. Aber irgendwie herrscht in unserer Stadt doch auch wohl ein recht befremdliches Klima. Mehrere Stadtverordnete erzählen mir im Laufe der Zeit, dass Bürgermeister Felsentramp ihnen mit einer Anzeige gedroht hat, wenn sie aus dem nichtöffentlichen Teil plaudern. Ich finde das komisch. Wir sind hier ein ziemlich kleines Örtchen, da kommt früher oder später sowie alles ans Licht. Auch, dass der Herr Beyer vom Liegenschaftsamt mit dem Plantagenbesitzer verwandt ist.

Dass ich das schon einigermaßen verwerflich finde, soll ich auch nicht öffentlich herausposaunen, rät man mir. Ob der Bürgermeister mich dann auch verklagen würde? Zum Glück habe ich ja eine Rechtschutzversicherung, denke ich und bin meinem Mann dankbar, dass er nicht zugestimmt hat, diese zu kündigen. Bis vor einiger Zeit war ich vollkommen davon überzeugt, dass das wirklich rausgeschmissenes Geld ist. Ich sitze hier fast den ganzen Tag im Wald und schreibe Bücher über Liebe und so. Mein Mann ist auch nicht gerade ein streitbarer Mensch. Wozu brauchen wir dann eine Rechtschutzversicherung, hatte ich mir bisher gedacht. Nach den ganzen Erzählungen über Anzeigen und Verklagen, weil man unangenehme Wahrheiten ans Licht bringt, bin ich froh, dass ich mich nicht durchgesetzt habe. Falls mir in Zukunft mal wieder jemand das Schweigen anrät, damit ich nicht vor Gericht lande, könnte ich ja entgegnen, dass ich eine gute Rechtsschutzversicherung habe. Ehrlich gesagt hätte ich nicht geglaubt, dass ich das wirklich einmal so aussprechen würde. Werde ich. Und nicht nur einmal.

Am gleichen Tag erscheint auch noch ein Artikel in unserer lokalen Presse. Der trägt die Überschrift „Protest gegen Verkauf der Baumschule“. Darunter wird den Lesern mitgeteilt, dass die Wulfenforter Stadtverordneten am Mittwoch nicht-öffentlich entscheiden, ob die ehemalige Baumschule Heidenholz verkauft wird. Der Betreiber der Erdbeerplantage wolle auf zehn Hektar Gelände weitere Anbauflächen schaffen. Doch dagegen würde sich Widerstand regen und die Zustimmung des Stadtparlaments sei auch noch nicht gewiss.

Wow, denke ich, das sind aber mal klare Worte. Ich lese weiter und entdecke sogar meinen Namen. Und etwas über die Interessengemeinschaft Heidenholz. Ich finde, wir kommen ganz gut weg in dem Artikel. Ich werde sogar zitiert. Mehrmals. Teile meines Konzeptes werden vorgestellt und der ganze Tenor geht in die Richtung, dass ein Verkauf unnötig ist, weil die Stadt genug Geld im Stadtsäckel hat.

Ich habe mein Konzept inzwischen per Mail in der halben Welt verteilt und natürlich auch die Presse nicht vergessen. Es ist mir mittlerweile vollkommen egal, was mit meinen Ideen geschieht. Ich kann mich immer nur wiederholen, dass ich den Wald retten will. Um Ideen bin ich sowieso nicht verlegen, die wachsen bei mir im Kopf, wie Unkraut nach dem Regen. Bäume dagegen brauchen ewig, bis sie groß sind.

Einen Tag später, als die denkwürdige Stadtverordnetenversammlung anberaumt ist, freue ich mich, dass auch die Online-Ausgabe der Wulfenforter Stadtzeitung noch einmal das Thema aufgreift. Auch hier lautet die Überschrift „Protest gegen Verkauf der Baumschule“. Wenn die Stadtverordneten das lesen, dann können sie gar nichts anderes tun, als den Kaufantrag abschmettern, denke ich mir. Noch bin ich naiv und vertrauensselig. Das bleibt nicht so. Versprochen.

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Bildquellenangabe:        Christian Pohl  / pixelio.de

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