(Fast) allein gegen den Rest der Welt

Dienstag, der 7.2.

Der große Termin ist da! Heute sollen wir oder eigentlich soll ich DAS KONZEPT vorstellen. Die ganze letzte Woche habe ich daher an einer PowerPoint Präsentation gebastelt. Zum Glück hat meine eine Nachbarin mehr Ahnung von der Konzepterstellung als eine Romaneschreiberin. Ohne die hätte ich ganz schön alt ausgesehen. So kann ich meine Ausführungen sogar mit Zahlen über geplante Einnahmen unterlegen.  Meine Stärke ist es emotionale Worte zu finden. Gefühle, Liebe und ein bisschen Herzschmerz sind mein Tummelplatz. Dummerweise kommt sowas bei den meisten Männern nicht so gut oder überhaupt nicht an. Und bei diesen Männern, die hier im Stadtentwicklungsauschuss unserer Kleinstadt sitzen, wird das kaum anders sein. Das verrät mir schon der erste Blick auf die Anwesenden.

Den Vorsitz hat ein Herr Fersenbein. Der schaut schon so unfreundlich daher, dass es wohl abschreckend wirken soll. Unser Bürgermeister ist nicht anwesend. Dafür sein Stellvertreter, der Herr Dr. Freundlich. Ich weiß wirklich immer noch nicht, ob sein Name Programm ist. Aber zumindest lächelt er beim Guten-Abend-Sagen. Die meisten der Anwesenden kenne ich nicht. Darüber ärgere ich mich schon ein bisschen. Das kommt davon, wenn man ständig nur im Wald steckt oder auf der Tastatur herumhämmert, denke ich mir. Zur mir gewogenen Fraktion zähle ich Frau Sänger und Frau Näher. Herr Geradeaus ist nicht da. Den hätte ich auch gern zur Verstärkung haben wollen. Dann ist da noch einer der Handwerker, die schon mal an unserem alten Häuschen gewerkelt hat. Vielleicht ist er mir auch wohl gesonnen. Schließlich bin ich seine Kundin. Aber wer weiß schon, wo er noch alles gearbeitet hat.

Naja, auf alle Fälle sind Mann und die Nachbarn anwesend. Die werden mir sicher seelisch und moralisch den Rücken stärken. Immerhin werde ich sie während meines Vortrages ansehen und  an ihrem Mienenspiel erkennen, ob ich meine Sache einigermaßen gut mache. Ich kann, als ich das denke, noch nicht ahnen, wie falsch ich liege. Das scheint übrigens mein neuestes Hobby zu sein; etwas Positives zu erwarten, was dann keineswegs eintritt.

Die Versammlung beginnt und Herr Fersenbein weist erst einmal darauf hin, dass heute Abend Fußball ist und sich alle möglichst kurz halten sollen. Ich finde das ziemlich seltsam. Es war mir vorher nicht klar, dass ein Fußballspiel wichtiger ist als die Frage, wie und wohin sich unser Städtchen Wulfenfort entwickeln soll.

Frau Näher stellt gleich zum Anfang den Antrag, dass die einzelnen Parteien, denn der Mensch von der Plantage ist, auch hier, ihre Konzepte im nicht öffentlichen Teil vortragen. Darum hatte ich sie gebeten, denn unsere Ideensammlung enthält einige Punkte, die sich die Gegenseite gut und gerne merken könnte. Irgendwie hat sie da wohl einen Verfahrensfehler gemacht, denn Herr Fersenbein fährt sie sofort an, das das jetzt nicht die richtige Stelle wäre. Dabei hätte ich tatsächlich gedacht, dass sowas an den Anfang einer Versammlung gehört. Aber gut. Sie bringt den Antrag also später noch einmal ein und ich werde gefragt, ob das denn wirklich nötig sei. Weil ich das momentan so empfinde, bestehe ich darauf und bekomme bei der Abstimmung über diesen Punkt sogar Recht. Das finde ich gut. Und wieder war das falsch gedacht. Es wäre echt besser gewesen, wenn die Zeitung damals über meine Ideen berichtet hätte. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.

Wenn man im nichtöffentlichen Teil etwas darlegen soll, dann bedeutet das aber auch, dass man ganz zum Schluss dran ist. Das halte ich für gar nicht so schlimm, denn es ist interessant, wie Politik so im Kleinen gemacht wird. Da gibt es schon recht seltsame Sachen. Die arme Frau Sänger will etwas zu Gehör bringen und wird von Herrn Fersenbein, der mir immer unsympathischer wird, regelrecht angetrieben. Sie überschlägt sich beim Sprechen fast und trotzdem drückt seine Körpersprache mehr als deutlich aus, dass ihn ihre Ausführungen nerven. Es fehlt nur noch, dass er sagt, sie soll schneller zum Ende kommen.

Danach werden weiter Sachen besprochen. Unter Anderem erhält auch ein Mensch, der ein Projekt für ein neues Wohngebiet vorstellt, das Wort. Das ergreift er voller Ruhe und ohne unter Zeitdruck zu stehen. Ist ja auch richtig so. Zu einem ordentlichen Vortrag gehören entsprechende Pausen, um die vielen Informationen sacken zu lassen. Komischer Weise ist das jetzt auf einmal voll in Ordnung. Also hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Hoffentlich bin ich nachher nicht zu aufgeregt und rassle alles im Stück herunter. Egal wie, diesen Menschen hat man jedenfalls nicht mit dem Hinweis auf das heute noch stattfindende Fußballspiel angetrieben. So will ich das auch haben. Mir persönlich ist Fußball eh egal und ich nehme mir vor, mich nicht hetzen zu lassen.

Dann ist endlich unser Tagesordnungspunkt dran. Alle anderen müssen den Saal verlassen. Auch die Nachbarn. Soweit zur moralischen Unterstützung, die ich mir erhoffte. Das Argument, dass wir inzwischen eine Interessengemeinschaft sind, zählt nicht. Was zählt, ist die Kommunalverfassung. Das ist übrigens auch ein Thema, welches mich in den nächsten Monaten nicht wenig beschäftigen wird. Wie dem auch sei; Herr Dr. Freundlich weist darauf hin, dass man vorher hätte beantragen sollen, wenn mehrere Leute im nichtöffentlichen Teil bleiben wollen. Ich bin ein bisschen sauer, denn woher sollen wir denn sowas wissen. Und überhaupt, so argumentiert er,  würde die Einladung für den heutigen Abend nur für mich gelten.

Da geht sie hin meine moralische Unterstützung. Sie muss vor der Tür warten. Ich stöpsle einstweilen meinen Laptop an den vorhanden Beamer. Währenddessen fordert mich Herr Fersenbein nicht gerade sehr höflich auf, dass ich mich zuerst einmal vorstellen solle, schließlich würde er mich nicht kennen. In Gedanken brubble ich zurück, denn ich kenne ihn ja auch nicht. Und das was ich bisher mitbekommen habe, das reicht mir. Aber ich antworte höflich, so empfinde ich jedenfalls, dieses ich das mit meinem Vortrag erledige.

Ich bin ganz schön aufgeregt und spreche natürlich zum Anfang zu schnell. Dabei bin ich es gewohnt vor vielen Leuten zu stehen. Aber die kommen im Allgemeinen zu mir, weil sie mir zuhören wollen und mich irgendwie auch wenigstens ein bisschen mögen. Das ist hier heute anders. Egal, da muss ich jetzt durch denke ich mir und versuche meine Nervosität zu dämpfen. Je länger ich rede, desto besser gelingt mir das. Nach der Einführung lande ich beim Wald, seinen Nutzen für uns alle und die Einwohner von Wulfenfort speziell. Das ist mein Thema! Ich erzähle über Waldbaden, über die neuesten Erkenntnisse aus Japan und wie wir das hier anwenden könnten. Und ich merke, wie ich immer sicherer werde. Allerdings darf ich nicht zu Herrn Fersenbein blicken. Dessen Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt. Bei Herrn Dr. Freundlich habe ich ab und zu das Gefühl, der würde vielleicht gern nicken, aber er darf wohl nicht.

Jedoch habe ich mich gleich zum Anfang erst einmal über ihn geärgert. Ich fange mit meinem Vortrag an und der läuft hin und her und sogar aus dem Raum heraus. Als er das zweite Mal aufsteht, bin ich schon versucht etwas zu sagen. Ich bin hier eingeladen worden, um meine Sachen vorzutragen und finde das ziemlich unhöflich, wenn er so tut, als geht ihn das Konzept nichts an. Während ich noch überlege, wie ich das formuliere, setzt er sich wieder und ich konzentriere mich weiter auf meine Ausführungen.

Dummerweise sitzen Frau Sänger und Frau Näher so, dass ich ihnen nicht in die Augen schauen kann. Da kann ich mir also weder Zuspruch noch Bestätigung holen. Meine Nachbarn hat man vor die Tür gesetzt und ich stehe hier ganz allein. Trotzdem denke ich nicht daran mich unterkriegen zu lassen. Schließlich bin ich überzeugt, dass die Ideen, die hinter dem Ganzen stecken und jetzt endlich auch ein Gesamtpaket bilden, wirklich etwas Gutes sind. Angefangen hat es damit, dass ich eigentlich nur den Wald retten wollte. Mittlerweile steckt in der Angelegenheit so viel Herzblut von mir, dass ich das Projekt jetzt auch gern verwirklichen würde. Immerhin entdecke ich das eine oder andere Nicken von den Leuten, die ich nicht kenne. Das ist doch schon erst einmal ein Anfang.

Als ich fertig bin, stellt einer der Anwesenden eine Frage, die für mich wirklich einen Knackpunkt darstellt. Er möchte wissen, warum der zuständige Förster den derzeitigen Bewuchs auf einem großen Teil der Fläche als minderwertig und nicht erhaltenswert einstuft. Wenn ich nur wüsste, weswegen das so im Raum steht?

Auf jeden Fall hat er damit bei mir in ein Wespennest gestochen. Schließlich bin ich Försterstochter und habe oft genug mit meinem Vater über solche Sachen diskutiert. Also erkläre ich im Brustton der Überzeugung, dass die meisten der heutigen Förster den Wald oft nur als Wirtschaftsobjekt sehen. Sie rechnen in Festmetern, die Geld bringen, in Brennholz, welches sich verkaufen lässt und hätten am liebsten nur solche Bäume, die man auf einer Auktion verkaufen kann. Alles andere ist ihnen egal. Oder muss ihnen egal sein. Aber das Letzte denke ich nur. Sicher tue ich mit meinem Statement unserem Förster Unrecht, aber ich habe das Gefühl, dass ich ab und zu mal über die Stränge schlagen muss, um mein Ziel zu erreichen.

Es kommen noch zwei oder drei Fragen, aber der Herr Fersenbein will ja zum Fußball und zeigt das auch deutlich. Ich packe zusammen und man bittet mich meine Ausführungen an die Stadt zu schicken. Es kommt gut an, dass ich mich bereit erkläre, das Ganze als PDF zu mailen. Was sollen sie den mit den Folien der PowerPoint-Präsentation? Das bedeutet für mich natürlich wieder eine Menge Mehrarbeit, denn ich werde die Notizen ausformulieren müssen. Egal. Wir besprechen, dass ich spätestens zum Ende der Woche alles fertig habe, damit man dann mein Konzept an das Protokoll der heutigen Sitzung hängen kann.

Dann verlasse ich den Saal. Der Andere ist dran. Der Erdbeer-Mensch hat keinen Laptop mit und ich kann auch keinen dicken Ordner entdecken. Ich würde ihn gern unsympathisch finden, aber das ist er nicht. Irgendwie tut es mir daher sogar leid, dass wir ihm so viel Stress machen. Und jetzt würde ich doch zu gern wissen, was er vorträgt. Aber wir sind ja inzwischen im nichtöffentlichen Teil gelandet. Da bin ich ja jetzt selber schuld. Vor der Tür warten mein Mann und die Nachbarn. Nun ist die Interessengemeinschaft Heidenholz wieder komplett. Wir versichern uns, dass wir getan haben, was wir konnten und machen uns auf den Heimweg

Zu Hause angekommen, muss ich erst einmal eine Flasche Wein köpfen. Ich brauch jetzt dringend etwas zu Stärkung. Das Ganze zerrt ziemlich an den Nerven. Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Abend so mitnimmt. Dagegen sind die Emotionen in meinen Liebesromanen ja blanker Kinderkram. Vielleicht sollte ich solche Erfahrungen da auch mal mit einbauen? Das macht die Geschichten womöglich etwas tiefgründiger. Aber wollen meine Leserinnen sowas überhaupt? Ich weiß überhaupt nichts mehr!

Ich weiß nur eines: Ursprünglich wollte ich doch nur den Wald retten. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die halbe Stadtverwaltung gegen mich habe.

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Bildquellenangabe: RainerSturm  / pixelio.de

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