Von Albträumen, Telefongesprächen und Stimmungsschwankungen

Ich stehe auf einer großen Bühne und schaue in den Saal unter mir. Da sitzen viele Leute mit abweisenden Gesichtern. Ich habe das Gefühl, dass ich sie kenne, weiß aber nicht woher. Plötzlich bemerke ich, dass ich ja gar kein Buch in den Händen halte. Was ist denn das für eine komische Lesung? Ich kann doch nicht aus meinen Romanen vorlesen, wenn ich gar kein Exemplar mitgebracht habe. Mir wird siedend heiß. Ich will etwas sagen. Aber ich kann nicht sprechen. Auf einmal fangen alle an zu lachen und werfen mit Tannenzapfen nach mir. Sie verwandeln sich vor meinen Füßen in Erdbeeren, die zu wachsen scheinen. Es werden immer mehr und ich beginne, langsam darin zu versinken.

Schweißgebadet wache ich auf. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Was für ein Albtraum!

Ich hoffe, dass das nicht die nächsten Nächte so weiter geht. Und das alles nur, weil ich am Freitag, den Brief erhalten habe, der mich zum Stadtentwicklungsausschuss einlädt. Dort darf ich mein Nutzungskonzept für die alte Baumschule Heidenholz vorstellen.  Ich mag gar nicht daran denken, denn ich grusele mich echt davor. Schreiben, Vorlesen, Reden – das ist alles kein Problem für mich. Zugegebenermaßen, wenn ich davon ausgehe, dass mein Publikum mir wohlgesonnen ist. Diese verfluchte Harmoniesucht! Vielleicht hätte ich doch lieber Krimis verfassen sollen. Da wäre ich zumindest im Umgang mit „dem Bösen“ geschult. Aber nein, ich musste mir ja ein Genre für meine Storys aussuchen, bei dem man ein Happy End erwartet. Ob die Geschichte mit dem Wald retten so ausgeht, das bezweifle ich mal wieder stark.

Mein Problem ist auch, dass ich denke, dass ich den Leuten dort Zahlen vorlegen muss. Sie wollen sicher wissen, ob ich die fällige Pacht auch aufbringen kann, wenn sie mir das Gelände überlassen. Ich habe tausend Ideen, aber die müssen auch etwas einbringen.  Bisher habe ich nur alles zusammengetragen, was man machen könnte. Partner dafür habe ich auch im Sinn, aber noch keine Gespräche mit denen geführt. Das war ja nicht nötig, denn das Thema stand ja bisher noch nicht so wirklich auf meiner persönlichen Tagesordnung. Vor einem halben Jahr war die Fläche, für die ich jetzt ein Konzept erstellen soll, nur eine wage Wunschvorstellung. So nach dem Motto: „Ach ist es hier schön. Da könnte man das und dies und jenes tun. Aber da brauche ich mir jetzt keine konkreten Gedanken machen. Hier sitzt der Verein Pusteblume und baut Gemüse für die Tafel an. Das ist so. Und wird sicher auch so bleiben.“

Und dann kam alles ganz anders. Ich hätte nie im Traum daran gedacht, dass die Stadt Wulfenfort dieses Gelände einmal verkaufen würde. Verkaufen? Grund und Boden? Wer macht denn sowas ohne Zwang?

Kaufen will ich ja sowieso nicht. Ich finde, das spricht für mein Vorhaben. Die Stadt behält ihr Eigentum und bekommt zwar keine große Summe Geld auf einmal, aber dafür regelmäßige Beträge. Außerdem möchte ich, dass die Leute von der Pusteblume weiterhin ihr Gemüse für die Tafel anbauen.  Das wäre ein weiterer Pluspunkt, denke ich mir.

Jetzt muss ich bloß noch nachweisen, wie ich die Pacht aufbringen werde. Darum nehme ich mir meine Ideensammlung vor. Dummerweise habe ich gerade mal etwas mehr als eine Woche Zeit, um alles abzuklären. Sobald ich auf diese Versammlung konkrete Sachen vortrage, dann sollten die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, doch wenigstens was davon wissen. Also mache ich eine Liste, auf der ich notiere, wen ich alles dringend anrufen muss.

Zum Glück bin ich ein Listenfanatiker. Ich erstelle mir eine Tabelle mit drei Spalten. Links kommt hin mit wem ich reden will. Daneben schreibe ich worum es geht. Und die rechte Spalte bleibt erst mal für die Antwort, die hoffentlich positiv ausfällt, frei.

Das sieht doch schon erst einmal gut aus! Voller Elan greife ich zum Telefon. Wenn ich ehrlich bin, stehen oben auf meiner Zusammenstellung, die Leute, von denen ich denke, dass sie meine Ideen gut finden. Wer will denn schon gleich am Anfang auf Einwände oder gar Ablehnung stoßen? Das wäre ja sowas von deprimierend.

Diese Vorgehensweise war an und für sich nicht schlecht ausgedacht. Aber das echte Leben hält sich nicht an meine Vorstellungen. (Vielleicht denke ich deshalb so gern eigene Geschichten aus.)

Gleich der erste Anruf wird ein Flopp. Nicht direkt, aber ein Erfolg wird es auch nicht. Leider geht die Standesbeamtete nicht ans Telefon. Die war damals so begeistert, als wir die Zeremonie zu unserer Hochzeit im Wald abgehalten haben. Sie würde bestimmt gern ab und zu mal draußen arbeiten. Eine Trauung im Freien ist doch, wenn das Wetter hält, immer etwas ganz besonders. Das könnte man gleich mit dem Pflanzen eines Baumes verbinden, male ich mir die Sache breit aus.

Beim zweiten Anruf habe ich mehr Glück. Ich habe einen mir bekannten Imker am Telefon und frage ihn, wie es mit „XYZ Waldhonig“ wäre? Der findet die Idee zu meinem Glück klasse und liefert mir auch gleich noch ein Argument für den Vortrag. Auf so einer Monokultur, wie es eine Erdbeerplantage ist, stehen ja oft auch Bienenstöcke. Aber der Honig enthält durch den Einsatz von Düngemittel und Pestiziden chemische Stoffe. Honig aus dem Wald dagegen ist relativ naturbelassen. Das scheint mir einleuchtend.

Mit neuem Mut wende ich mich meiner Aufstellung zu und telefoniere weiter. Es läuft durchaus ziemlich gut. Als ich mir zwischen zwei Gesprächen das Gesicht reibe, merke ich, dass mir vor Aufregung ganz heiß geworden ist. Ich schaue in den Spiegel: Tatsächlich, ich glühe. So geht es mir sonst nur beim Schreiben, wenn ich gerade einen richtig guten Lauf habe. Das macht mir Mut.

Ich rufe auch noch einmal beim Verein Pusteblume an und informiere sie über die Einladung. Ich frage sie, ob sie noch irgendwelche Ideen hätten, die sie nicht verwirklichen konnten. Etwas direkt Neues, was nicht auf meiner Liste steht, können sie mir auch nicht erzählen. Außerdem sind sie so unglücklich, dass die Stadt sie unbedingt auf das ungeliebte und unpassende Ausweichgelände umsetzen will, dass sie kaum noch an etwas anderes denken können. Sie tun mir leid, aber ich könnte ihnen erst helfen, wenn ich das Gelände pachten darf.

Also weiter.

Es geht mir die nächsten Tage ständig nur um dieses Konzept. Für nichts anderes habe ich mehr Platz in meinen Kopf. Zum Glück widerholt sich der Albtraum mit den Erdbeeren nicht. Nachts schlafe ich wie ein Stein. Tagsüber stehe ich unter Hochspannung. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Ich telefoniere, SMSe und Maile, was das Zeug hält.

Im Nachbarort gibt es einen Husky-Verein, der mit seinen Schlittenhunden Fahrten anbietet. Die würden auch hier herkommen und rund um das Gelände kutschieren. Der Landfrauenverein könnte sich vorstellen, auch mal auf dem Heidenholz-Areal etwas zu machen. Allerdings halten die sich etwas bedeckt. Ich kann es ja irgendwie auch verstehen. Landfrauen sind unter anderem auch für ihre Kochkünste und  speziell die Marmeladen bekannt. Und die werden halt oft aus Erdbeeren gemacht. In dieser Hinsicht finden sie so eine Erdbeerplantage sicher auch ganz nett.

Ich muss damit leben, dass nicht alle von meinen Ideen begeistert sind. Von manchen Leuten, bei denen ich mich per Mail melde, bekomme ich nicht einmal eine Antwort. Das ist nun mal so, denke ich mir und wühle mich auf der Suche nach Unterstützern weiter durchs Internet.

Als ich eine Vorlage suche, wie so ein Konzept eigentlich offiziell auszusehen hat, stoße ich auf einen Bericht eines Landschaftsarchitekten, der da lautet „Freiraumplanerischer Umgang mit Bestandsbäumen am Beispiel des Waldparks in Potsdam“. Da sind einige ansprechende Formulierungen drin, die ich mit notiere. Außerdem steht da ein Satz der mich aufmerken lässt: „ihre vegetationskundliche und faunistische Entwicklung (wird) von der Uni Potsdam wissenschaftlich untersucht.“ Das wäre ja mal ein Partner! Mittlerweile verliere wohl ich jede Zurückhaltung und schreibe gleich mal eine Mail an die Universität. Ich suche mir als Adressaten den Referatsleiter für Forschungsangelegenheiten, -förderung, Forschungsberichterstattung und Kooperationsverträge heraus. Wie wichtig es ist, sich gleich an die richtige Leute zu wenden, werde ich später noch feststellen.

Jedenfalls versuche ich, diesen Menschen mit folgenden Argumenten zu ködern. „Im Allgemeinen werden die Baumschulen, wenn sie aufgegeben werden, dem Erdboden gleich gemacht. Der Bestand hier in Wulfenfort steht in den ursprünglichen Quartieren seit beinahe 30 Jahren. Wäre das nicht eine interessante Forschungsaufgabe? Wann kann man schon mal nachvollziehen wie sich so ein geordneter Bestand entwickelt, wenn er sich selbst überlassen wird?“ Dabei vergesse ich in meiner Begeisterung wieder einmal ganz, dass solche Forschungsprojekte lange im Voraus geplant und genehmigt werden müssen. Darauf wird man mich später in einem netten Schreiben hinweisen. Aber im Moment greife ich nach jedem Strohhalm.

Als ich nahezu alle meine Ideen unterfüttert habe, mache ich mich mit meinen Aufzeichnungen auf den Weg zu meiner Nachbarin. Die kennt sich Antragsstellungen, Konzepten und Projekten viel besser aus als so eine Frau, die hauptsächlich Liebesromane schreibt. Ich bin sowas von froh, dass sie mir hilft, zu dem Ganzen jetzt auch noch konkrete Zahlen hinzuzufügen.  Daraus mache ich dann später eine PowerPoint-Präsentation mit vielen einprägsamen Bildern. Die kommt richtig gut – denke ich mir.

Am Ende bin ich richtig stolz auf meine Arbeit. Wenn ich etwas zu entscheiden hätte, würde ich mir den Zuschlag geben. Was ich da so ausführe ist schlüssig, rund und kommt allen interessierten Bürgern von Wulfenfort in der einen oder anderen Art zu Gute. Die verwilderte Waldfläche bleibt erhalten und kann als Schulungs- und Erholungsort genutzt werden. Es gibt eine Menge von interessanten Kursangeboten und Seminaren. Der Verein Pusteblume baut weiter sein Gemüse an und die weniger begüterten Menschen können sich bei der Tafel mit frischen Lebensmitteln versorgen. Für mich ist das stimmig. Und mein Hauptanliegen ist auch voll abgedeckt. Ich will doch in erster Linie den Wald retten. Und jetzt habe ich endlich mal ein ein gutes Gefühl.

Das bleibt jedoch nur solange, bis ich Mail mit dem Inhalt erhalte, dass in der letzten Hauptausschusssitzung der Vorschlag unterbreitet wurde, dass der  TOP Verkauf Baumschule Heidenholz in den Stadtentwicklungsausschuss verwiesen wurde.

Es dauert eine Weile bis mir dämmert, dass mit TOP der Tagesordnungspunkt gemeint ist. Also nicht top wie topfit oder topwichtig oder so. Das mit dem Stadtentwicklungsausschuss ist mir inzwischen bekannt, denn ich habe ja eine Einladung zu dieser Veranstaltung bekommen. Was mich aber irgendwie erschreckt ist die Information, dass das Thema dort ausführlich mit mir und dem anderen Interessenten diskutiert werden soll. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Es gibt ja noch den zweiten Bewerber, wegen dem das eigentlich alles stattfindet.  Wir sollen gegeneinander antreten? Sicher macht das für die Stadtverordneten Sinn. Aber ich finde es gruslig. Ein Battle um den Wald? Keine Ahnung, warum mir sofort dieser englische Begriff einfällt. Um mich abzulenken, google ich erst einmal, was es mit dieser Bezeichnung für einen Wettstreit auf sich hat. Na prima: Die Schlacht bei Hastings 1066 endete mit der Niederlage der Angelsachsen. Hatte ich erwähnt, dass ich ursprünglich aus Sachsen komme? Daher beruhigt mich diese Information ganz und gar nicht.

Zumal es in der Mail im schönsten Amtsdeutsch heißt: „Sie werden also beide die Gelegenheit haben, Ihre Vorhaben und Projekte vorzustellen. Anschließend liegt es dann in der Entscheidungskompetenz der Stadtverordneten wie das Verfahren weiter geführt wird.“

Meine Hochstimmung ist verflogen. Umso mehr, als ich erfahre, dass mein einer Nachbar auch bei der Hauptausschusssitzung war und dort recht unbequeme Fragen zum Thema gestellt hat. Die aber wurden von unserem Bürgermeister Felsentramp entweder zurückgewiesen oder sind unbeantwortet geblieben.

Ich bin mir meiner Sache auf einmal gar nicht mehr so sicher.

wohin

Bildquellenangabe:            Rainer Sturm  / pixelio.de

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