Vom Schweigen im Walde

Samstag, der 21.Januar
Das neue Jahr geht ins Land. Nichts passiert. Im wahrsten Sinne des Wortes ist „Schweigen im Walde“ angesagt. Fakt ist: Ich habe ewig nichts mehr „von der Sache“ gehört. Allerdings sprechen mich die Leute in der Stadt ständig an und fragen, was nun mit dem Wald wird. Ich kann nur mit den Schultern zucken und auf den Artikel in der Stadtzeitung verweisen, indem stand, dass das Grundstück nun nicht verkauft wird. Mehr weiß ich nicht und finde das langsam immer komischer.

Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle und darum finde ich es ganz in Ordnung, dass bei einer dieser ergebnislosen Unterhaltungen mein Gegenüber das Handy zückt und einen befreundeten Stadtverordneten anruft. Der Angerufene wundert sich, dass man mich noch nicht informiert hätte. Angeblich wäre mein Projekt nicht ausgegoren und hätte keinen Einfluss auf die Verkaufsentscheidungen.

Jetzt bin ich an der Reihe mich zu wundern. Welches Projekt? Ich habe damals auf dem Liegenschaftsamt nur meine Aufzeichnungen aus meinem Projektbuch zur Verfügung gestellt, weil der arme Sachbearbeiter nicht so schnell mitschreiben konnte. Das waren reine Brainstorming-Notizen. Weit entfernt von etwas, was man Projekt hätte nennen können. Na jedenfalls, so der Abschlusstenor am anderen Ende der Leitung:  Ich wäre doch eingeladen, um meine Absichten hieb- und stichfest in zirka zwei Wochen vor dem Stadtentwicklungsausschuss vorzustellen.

Irgendwie wird mir nach dieser Information ganz komisch. Ich habe keine Einladung, keine Nachricht, kein Garnichts. Praktisch hat es sich so angehört als wolle man eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung von mir. Warum eigentlich? Wenn ich die Pacht aufbringe und den Wald nicht ruiniere, dann kann es ihnen doch an und für sich egal sein.

Ich nehme mir den Zeitungsartikel vom Dezember noch einmal vor. Dort steht: Eine anderweitige Vergabe ohne wirtschaftlich nachvollziehbares Konzept ist ebenfalls mit vielen Fragezeichen versehen. Ach du liebes bisschen!

Was soll ich denn jetzt machen? Abwarten, ob das wirklich so ist? Ein Riesenprojekt erarbeiten, von dem ich nicht mal weiß, ob ich es vorstellen soll, darf oder muss? In meiner Verzweiflung informiere ich erst mal die Interessengemeinschaft über die gemeinsame WhatsApp-Gruppe. Die Anderen haben auch nichts gehört. Wir stellen fest, dass wir dringend miteinander reden müssen.

Dienstag, der 24.1.
Die ganze Sache lässt mir keine Ruhe. Irgendwie muss ich noch was in Erfahrung bringen. Soll ich da nun was vorlegen oder nicht? Ich rufe also Frau Schuster vom Verein Pusteblume an. Die frage ich, ob sie etwas Genaueres wissen würde, und beklage mich, dass man mich so ohne Informationen sitzen lässt.

Sie weiß auch nichts, sagt sie. Das Einzige, was man ihr mitgeteilt hat, ist das sie in diesem Jahr noch den kleinen Teil des Geländes mit ihrem Verein bewirtschaften darf, auf dem sie Gemüse für die Tafel anbaut. Sie sagt, dass sie mit meinen Nachbarn gesprochen hätte, aber die wüssten auch nichts. Das ist mir klar, denn wir stehen ständig in Verbindung. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihre Worte glauben soll. Sie wiederholt mehrmals, dass sie keine Ahnung hat, was werden wird. Ist das echter Kummer oder will sie mich von diesem Umstand überzeugen?

Was dann noch kommt, lässt mich doch ein bisschen erröten. Ich befürchte, ich habe ihr mit meinem Misstrauen Unrecht getan. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, der die ganze Sache an die Nerven geht. Frau Schuster erzählt mir, dass in der letzten Woche eingebrochen wurde. Ausgerechtet die Batterie vom Traktor wurde gestohlen. Freischneider und Rasenmäher hat man liegen gelassen. Sie brauchen den Traktor aber, um den kleinen Acker zu bestellen, auf dem sie das Gemüse anbauen. Geld für eine neue Batterie haben sie natürlich nicht. Wie denn auch? So ein Verein ist doch völlig abhängig von dem, was man ihnen zukommen lässt. In ein Projekt, das man umsiedeln will, da wird man doch kein Geld mehr hineinstecken, vermute ich.
Und was dann kommt, ist ein richtig dicker Hund. Man hat sie doch tatsächlich gefragt, ob sie denn keine Angst hätten, wenn es mal brennt. Schließlich seien die Elektronanlagen noch aus DDR-Zeiten. Ich muss schlucken. Wenn der Wald Feuer fängt, dann sind wir hier alle in Gefahr. Ist das eine Drohung? Mir wird richtig übel bei diesem Gedanken.

Als Försterstochter bin ich mit Geschichten über verehrende Waldbrände aufgewachsen. Ich habe vor allen Elementen Respekt. Besonders aber vor dem Feuer. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn es hier mal brennen sollte. Frau Schuster beteuert mir, dass in der Zeit in der sie dort wirtschaften, nicht ein einziges Mal eine Sicherung herausgesprungen wäre. Der Schornsteinfeger käme regelmäßig zum Kontrollieren des Ofens und hätte noch nie etwas bemängelt. Warum also solle ein Feuer in den Gebäuden ausbrechen? Auf ihre Nachfrage, ob das Gelände denn versichert sei, hätte man ihr bei der Stadt geantwortet, dass man ja nicht alles versichern könne, weil man nicht so viel Geld habe.

Nach dem Ende des Gesprächs ist mir immer noch eine ganze Weile schlecht und ich frage mich, ob wir in Sizilien leben.

Irgendwie kann ich jetzt nicht an meinem aktuellen Liebesroman weiterschreiben, sondern ich brauche Informationen. Also rufe ich Frau Sänger von den Stadtverordneten an. Das hätte ich mir allerdings sparen können. Sie sagt mir nur, dass „die Sache“ in der letzten nichtöffentlichen Stadtverordnetenversammlung diskutiert wurde. Dann lässt sie sich noch zu der Aussage nötigen, dass kontrovers diskutiert wurde. Mehr sagt sie nicht, weil nichtöffentlich heißt, dass es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Und das wäre bei Grundstücksangelegenheiten immer so. Zugegeben, sie ist höflich. Allerdings auch bestimmt. Und ganz gleich, auf welchem Wege ich es versuche, sie lässt sich keine weiteren Informationen entlocken.

Dafür lasse ich so nebenbei fallen, dass ich dieses ganze Prozedere ziemlich spannend finde und sicher einen Roman daraus machen werde. Leider kann ich ihr Gesicht nicht sehen, weil wir ja telefonieren. Ich glaube aber, dass sie überlegt, welche Rolle sie darin spielen wird.

Egal. Als ich den Hörer auflege, frage ich mich, ob ich jetzt gedroht habe. War das jetzt nicht auch ein bisschen Mafia? Was macht das alles mit mir? Ich wollte doch eigentlich nur den Wald retten und bekomme jetzt schon Paranoia.

Ich versuche es noch bei anderen Stadtverordneten. Aber da geht keiner ans Telefon. Also schreibe ich Mails mit dem Betreff: Ehemalige Baumschule Heidenholz und wende mich an Leute, von denen ich denke, dass sie auf meiner Seite stehen könnten. Da steht sinngemäß folgendes drin: Sehr geehrte Stadtverordnete, gibt es irgendeine Entwicklung in der obigen Sache? Ich sitze hier im Wald und erfahre nichts.

Und wieder bleibt mit nichts anderes als Abzuwarten. Was für eine blöde Situation. Irgendwie will ich das alles hinter mich bringen. Ich habe eigentlich andere Pläne für mein Leben, als mich mit den seltsamen Auswüchsen der Demokratie in unserer Kleinstadt herumzuplagen.

Trotzdem komme ich auf komische Gedanken. Hat nicht Goethe schon gesagt: Wie im Großen, so im Kleinen? Von wegen! Der Altmeister war es diesmal nicht. Man kann ja Johann Wolfgang nicht alles in die Schuhe schieben. Diese Erkenntnis oder wie man es auch nennen will, ist viel älter. Die Aussage gehört zu den kosmischen Gesetzen belehrt mich Google, als ich danach suche. Ob das wirklich zutrifft, frage ich mich mit leichtem Entsetzen. Was hier in unserem kleinen Wulfendorf passiert, ist das denn nichts weiter als der Spiegel der Weltpolitik? Gerade regt sich die ganze Welt über dieses Typen auf, der in den USA Präsident geworden ist. Wenn diese Gesetzmäßigkeit funktioniert, dann wäre das Geschehen bei uns nur eine kleinstädtische Reflexion davon, was in Amerika passiert. Ich glaube, da will ich lieber nicht darüber nachdenken.

Am Abend flattert wenigstens noch eine Antwort in mein Mail-Postfach:

Sehr geehrte Frau Schreiber,
ich habe noch keine weiteren Informationen zum aktuellen Stand bezüglich der zukünftigen Nutzung ehemalige Baumschule Heidenholz. Die nächste Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses ist am Dienstag in zwei Wochen. Falls das Thema für diese Sitzung auf der Tagesordnung steht, melde ich mich vorab bei Ihnen, um den Sachverhalt nochmals zu besprechen.

Besser als gar nichts denke ich mir, bedanke mich und leite diese Info schnurstracks an die Nachbarn weiter.

Samstag, der 28. Januar
Nun ist es doch passiert. Ich habe ein amtliches Schreiben von der Stadtverwaltung bekommen. Das ist mit den Worten Einladung zum Stadtentwicklungsausschuss überschreiben. Dort kann man lesen: „Sehr geehrte Frau Schreiber, hiermit lade ich Sie zur 13. Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses der Stadtverordnetenversammlung Wulfenfort recht herzlich ein. Es folgen Datum, Uhrzeit und Ort. Der letzte Satz lautet. Ich bitte Sie, Ihr Nutzungskonzept für das Gelände der ehemaligen Baumschule Heidenholz vorzustellen.

Unterschrieben hat das Ganze ein Herr Meier. Seines Zeichens Fachgebietsleiter Bauwesen. Der Name sagt mir gar nichts. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich ihn auch heute noch nicht zuordnen. Aber den „Chef von Janze“, wie der Berliner sagen würde, den kenne ich wenigstens vom Sehen. Der Leiter des  gesamten Geschäftsbereiches, welcher  Stadtentwicklung, Bauwesen, Wirtschaft, Ordnung und Verkehr umfasst, macht einen recht netten Eindruck. Herr Dr. Freundlich scheint mir ganz umgänglich zu sein. Jedenfalls ist er oft in der Zeitung und lächelt viel. Wahrscheinlich ist sein Name Programm.

Ich kann ja nicht wissen, dass ich mit meiner Einschätzung wieder einmal voll daneben liege. Aber mir bleibt auch gar keine Zeit, mir großartige Gedanken über eventuelle Gegner oder Verbündete zu machen. Wenn ich auf meinen Kalender sehe, dann wird mir heiß und kalt. Ich habe gerade einmal zehn Tage Zeit um aus meinen Ideen, Visionen und Einfällen ein ordentliches Konzept zu machen.

Nebel

Bildquellenangabe:        Regina Kaute  / pixelio.de

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