Kein Ende in Sicht

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Ich mag diese Zeit sehr, denn es ist eine gute Gelegenheit Resümee zu ziehen und angefangene Projekte zum Abschluss zu bringen. Natürlich ist das auch nicht ganz uneigennützig, denn ich habe die Hoffnung das, das mein eines oder anderes Buchprojekt seinen Weg auf den Gabentisch der Käufer findet. Egal wie, es hat sich jedenfalls eingebürgert um diese Zeit meine begonnen Arbeiten abzuschließen, und mich ganz dem Weihnachtsgeschäft zu widmen.

In diesem Jahr wir allerdings nichts daraus. Mein Projekt „Wald retten“ ist weit entfernt davon, ein Ende zu finden. Und ein glücklicher Ausgang ist schon gar nicht abzusehen. Das Leben zeigt mir mal wieder ganz genau, dass Liebesromane mit Happy End wohl doch nur Märchen für Erwachsene sind.

Wenn ich meine Mails aus dem vergangenen Monat so durchlese, dann bin ich schon erstaunt, mit wem ich so alles kommuniziert habe.

Der BUND schreibt mir: „Tun Sie weiter, was Sie bereits getan haben: sich in diesen (politischen) Prozess einmischen – sofern noch Einflussmöglichkeiten bestehen (was wohl zutrifft). Wie immer möglichst frühzeitig, nicht allein, sondern mit weiteren UnterstützerInnen. Und: sprechen Sie wegen der Natur- und Artenschutzbelange bitte auch die Untere Naturschutzbehörde an. Ich vermute, der lokale BUND wird in dieser Sache leider nicht aktiv werden können, aber Sie können gerne direkt fragen, unsere Gruppen sind eigenständig und ehrenamtlich aktiv und leicht [hier folgt ein Link mit der Internetadresse] zu finden.“ Anschließende werde ich noch um eine Spende gebeten.

Natürlich weiß ich, dass dieser Spendenaufruf ein übliches Anhängsel ist, aber trotzdem ärgere ich mich. Erstens spende ich schon ab und zu für bestimmte Aktionen. Gut, das wissen sie in der Geschäftsstelle nicht. Was ich aber echt doof finde, ist der Zusammenhang mit dem vorangegangenen Schreiben. Das hat für mich den Touch von: Wir können dir nicht helfen, aber gib und mal was rüber. Kommt bei mir nicht gut an. Aber vielleicht bin ich auch inzwischen übersensibel.

Womit sie aber Recht haben ist, dass ich unbedingt weitere Mitstreiter brauche. Nur wir wenigen Nachbar sind wohl  nicht in der Lage, wirklich was zu bewirken. Allerdings macht mir der Plan, mit der ganzen Affäre massiv an die Öffentlichkeit zu gehen, reichlich Bauchschmerzen. Verflixte Harmoniesucht. Ich muss mich Wohl oder Übel mit dem Gedanken anfreunden, dass ich für dieses Projekt nicht nur wohlwollenden Beifall erhalten werde.

Es beruhigt mich ein bisschen, dass ich von einigen Wulfenforter Stadtverordneten zustimmende Mails bekommen habe. Man wird sich der Sache annehmen, heißt es da. Das klingt gut und beruhigt mich etwas. Zumindest habe ich noch keinen Drohbrief abbekommen. Das ist doch schon erst mal ein Anfang. Vielleicht muss ich das doch nicht alles allein durchstehen. So kommt es, dass ich mich frohen Mutes an die Arbeit mache, wenigstens die anderen angefangenen Pläne zum Jahresabschluss zu bringen. Dabei fällt mir der Ausspruch „Noch ist Polen nicht verloren!“ ein. Wo kommt das bloß her? Klingt irgendwie sehr nach Nazi-Zeit. Ich google und entdecke entzückt, dass es sich um den Titel einer Komödie und auch um Auftakt der polnischen Nationalhymne handelt. Na dann können wir das doch erst einmal so stehen lassen, denke ich mir.

Allerdings wird meine leichte Hochstimmung nicht lange anhalten.

Freitag, 2. Dezember
Ich habe lange nichts von irgendwelchen offiziellen Stellen und Seiten gehört. Im Gegensatz dazu sprechen mich die Leute inzwischen auf der Straße an, um sich nach der Baumschule Heidenholz zu erkundigen. Alle mit denen ich rede, sind der Meinung, dass es so nicht geht und der Wald in seiner Gesamtheit erhalten bleiben sollte. Das tut mir echt gut und bestärkt mich natürlich. Trotz aller Zustimmung bleibt da immer noch ein ungutes Gefühl. Was nützt es, wenn die Menschen in der Stadt nur mir ihre Meinung sagen. Die Entscheidung über den Verkauf wird woanders getroffen. Wie viel Einfluss haben wir als Bürger auf solche Vorgänge?  Immerhin regiert Geld ja bekanntermaßen die Welt. Aber es muss doch noch was anderes geben! Was nützen die großen Gefühle in meinen Romanen, wenn das Leben ganz anders aussieht!  Daher werde nicht ich den Kopf in den Sand stecken und  einfach aufgeben. Schließlich bekommt man von allen Seiten durch Coaches und Trainer gesagt, dass man positiv denken soll und negative Gedanken auch dieserart Ergebnisse anziehen. Das sind schöne Worte, aber daran zu glauben, fällt mir nicht ganz leicht. Auf keinen Fall, wenn ich eine Mail wie diese bekomme.

Da kann ich unter der Überschrift: „ Stellungnahme der Unteren Wasserbehörde zu Ihren Bedenken zum Verkauf der Fläche -ehemalige Baumschule Heidenholz“ folgendes lesen:
„Der Antrag zur Erweiterung des Gartenbaubetriebes wurde von der UWB sorgfältig geprüft. Es wurde festgestellt, dass eine Beeinträchtigung des Wasserschutzgebietes Wulfenfort ausgeschlossen werden kann. Weiterhin wird die UWB wiederkehrende Kontrollen durchführen und überprüfen, ob die Wasserschutzgebietsverordnung und die Auflagen zur Erweiterung des Gartenbaubetriebes eingehalten werden.“

Na prima! Ein konventioneller Gartenbaubetreib im Trinkwasserschutzgebiet III und die Untere Wasserbehörde hat nichts weiter dazu zu sagen, als dass sie Kontrollen durchführen werden. Hallo? Haben die denn keinen Garten und wissen nicht, wieviel Dünger Erdbeeren brauchen? Ich fasse es nicht! Und kein Wort von dem vorhandenen Biotop. Wahrscheinlich existiert es für die Leute, die Entscheidungen am Schreibtisch treffen, gar nicht. Mein kleines bisschen Hoffnung hat mich gerade verlassen. Stattdessen sehe ich vor meinem inneren Auge, wie der waldfressende Harvester die Bäume fällt und alle Tiere voller Panik um ihr Leben flüchten. Was machen eigentlich die, die nicht oder nicht so schnell wegkönnen? Das will ich mir lieber nicht vorstellen.

Samstag, der 3.Dezember
Faktisch bin ich echt sauer, dass sich die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald so ganz und gar aus dem Geschehen heraushält. Wer, wenn nicht die, ist dafür zuständig, dass der Wald erhalten bleibt? Aber wann immer ich da nachfrage, da winden sich die Angesprochenen wie die Aale. Wahrscheinlich sind da wieder irgendwelche Abhängigkeiten vorhanden, von denen keine Ahnung habe. Man betreibt hier ja schließlich so eine Art Naturschutzstation mit ABM-Kräften und ist wohl auf das Wohlwollen der Stadt angewiesen. Und da haben wir zu DDR-Zeiten gedacht: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.“ Ich finde, in die Gegenwart passt das noch viel besser.

Zurück zur Schutzgemeinschaft. Die veranstaltet einen kleinen Weihnachtsmarkt. Weil ich auch einige Märchen geschrieben habe, bin ich vor Jahren einmal auf die Idee gekommen, die als Hexe verkleidet vorzulesen. Das mache ich auch jetzt noch mal ab und zu, denn ich habe echt Spaß daran. Als man mich fragt, ob ich auch diesmal wieder zum Weihnachtstreiben die Märchenhexe gebe, willige ich freudig ein. Ich erhalte natürlich keinen Cent dafür, aber es ist witzig und ich denke mir, dass es nun vielleicht für etwas anderes gut sein könnte.

Also mische ich mich in meiner Verkleidung unter die Menschen und erzähle Unfug. Selbstverständlich lese ich Märchen vor und gebe kluge Sachen über die Bäume und den Wald von mir. Ehrlich gesagt, ärgert es mich schon, dass fast jedes Kind weiß wie ein Leopard aussieht, aber keine Ahnung von der hiesigen Tierwelt hat. Dank der unseligen Bambi-Geschichte glauben die meisten der Kids ja, dass das Reh ein Kind vom Hirsch ist. Ich finde diese Story so dermaßen daneben! Ein Reh ist ein Reh und ein Hirsch ist ein Hirsch. Basta!

Nach dem Vorlesen wusele ich zwischen den Menschen umher, erschrecke die Kinder und bewundere die anwesenden Hunde. Dabei komme ich natürlich auch mit einigen Leuten ins Gespräch. Selbstredend bleibt das Thema Baumschule nicht unerwähnt. Ich erhalte Zustimmung für mein Anliegen und oft wird auch über die Klüngelei in der Stadtverwaltung gemeckert. Allerdings weiß ich ja nur zu gut, dass solche Sympathiebekundungen letztendlich nichts bewirken. Eines ist jedoch interessant: Jemand flüstert mir zu, dass mir die Stadt ein Ausgleichsangebot als Pachtfläche machen will.

Haben die denn gar nichts verstanden? Ich will doch nicht auf Teufel komm raus irgendwas pachten. Ich will doch nur den Wald retten! Kann sich denn keiner vorstellen, dass man etwas aus Überzeugung und Leidenschaft macht und nicht um des Geldes willen? Schließlich bin ich ja heute auch „nur so“ hier und erhalte kein Honorar. Da kommt mir der Bürgermeister mit seiner Frau gerade recht. Ich hüpfe um die zwei herum, schenke ihnen eine Walnuss und drohe ihnen mit dem krummen Hexenfinger. Dabei flüstere ich mit krächzender Altweiberstimme: „Seid vorsichtig im Wald.“
Sie schauen beide etwas irritiert. Das hebt meine Stimmung, die gerade auf dem Nullpunkt war, doch wieder etwas an.

Und weil mir in diesem Moment jemand einen Flyer über die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in die Hand drückt, denke ich nun doch darüber nach, bei diesem Verein Mitglied zu werden. Vielleicht kann ich dann erkennen, warum die sich so vehement aus der ganzen Sache heraushalten. Wer soll denn den Wald retten, wenn nicht Leute, die sich unter diesem Namen zusammenfinden? Na gut, ich bin mal lieber ehrlich, weshalb ich bisher um diese Truppe einen großen Bogen gemacht habe. Der Vorsitzende und ich hatten in früheren Zeiten einige Differenzen, charmant ausgedrückt. Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass wir mal an einem Strang ziehen. Zwei Gründe sprechen nunmehr dafür, dass ich meine Ressentiments beiseitelege. Ich brauche dringen Verbündete und bin inzwischen bereit fast nach jedem Strohhalm zu greifen. Und, was bald noch wichtiger für mein Ego ist: Man hat vor kurzem einen neuen Vorstand gewählt. Auf die Versicherung hin, jetzt würde alles anderes werden, gebe ich am Montag meinen Mitgliedsantrag ab.

Ich kann ja nicht wissen, dass die Aktion ziemlich umsonst ist.

Winterbaum

Bildquellenangabe:        ds  / pixelio.de

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