Die Sache beginnt, Kreise zu ziehen

Donnerstag, der 17. 11.

Ich will am frühen Morgen gerade wie üblich mit dem Hund los, da kommt eine Abordnung des Vereins Pusteblume, der momentan die Flächen der Baumschule Heidenholz bewirtschaftet. Sie  wollen mit mir reden, verkünden sie und auch, dass es ihnen jetzt reicht. Ich schaue ziemliche verdutzt drein, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Meine Augen werden allerdings immer größer, als ich so nach und nach realisiere, was man mir da so erzählt. Eigentlich hatte man die Leute aus dem Verein von Seite der Stadtverwaltung zum Stillschweigen verpflichtet. Sie haben zumindest empfunden, dass man ihnen regelrecht den Mund verboten hat, sich über die Vorgänge rund um das Thema Heidenholz zu äußern. Weil derzeit aber die ganze Sache irgendwie ins Rollen und an die Öffentlichkeit gekommen ist, wollen sie auch nicht mehr schweigen. Bei dieser Vorrede kommen mir zwei recht unterschiedliche Gedanken. Einerseits amüsiere ich mich wieder einmal darüber, dass Wulfenfort eine Kleinstadt ist. Bei uns bleibt halt nichts lange verborgen. Anderseits sage ich mir: Es ist ganz schön mutig von den Dreien, hier bei mir aufzukreuzen und mir zu erzählen, was da inzwischen so alles abgegangen ist.

Und dann fange ich an zu staunen. Manche Geschichten brauchen trotz der sonst üblichen raschen Verbreitungsgeschwindigkeit von Neuigkeiten, wohl doch etwas länger als von mir gedacht, ehe sie ans Tageslicht kommen.

Erste Verhandlungen beziehungsweise Ortsbesichtigungen auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule Heidenholz haben schon am Anfang des Jahres stattgefunden. Den Leuten von der Pusteblume hat man zuerst immer erzählt, dass es nicht mit ihrem Verein zu tun hätte. Als die Sache jedoch dann konkreter wurde, hat man sie angehalten, nichts über eventuelle Begehungen und Besprechungen verlauten zu lassen. Weil es jetzt aber kein Geheimnis mehr ist, da ich irgendwie ziemlichen Wirbel verursacht habe, wollen sie nun auch nicht länger stillhalten. Sie würden gern mit mir gemeinsam an einem Strang zu ziehen und einen endgültigen Verkauf verhindern. Keine Ahnung, woher sie inzwischen genau wissen, dass ein Teil meines Konzeptes drauf beruht, dass sie weiterhin auf der Fläche ihr Gemüse für die Tafel anbauen sollen. Sie versichern mir jedenfalls, wenn sie auf dem Gelände bleiben können, sind sie bereit auch etwas dafür zu tun.

Ich halte das Ganze, wie schon erwähnt,  für recht mutig und freue mich über ihre Unterstützung. Allerdings sage ich ihnen nicht, dass unsere Aussichten gar nicht so rosig sind. Ich deute an, dass wir vielleicht eine Interessengemeinschaft Heidenholz gründen wollen. Das finden sie toll und würden da auch mitmachen. Wir schütteln uns die Hände und verabreden, dass wir uns gegenseitig über wichtige Neuigkeiten informieren wollen.

Wenige Stunden später erzählt mir dann eine Bekannte, die selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb hat, dass der Absatz bei der Erdbeerernte von dem Herrn, der sich in unserem Heidenholz breitmachen will, in diesem Jahr gar nicht so gut gewesen wäre. Inzwischen läuft die Informationsverbreitung in der Stadt doch wohl recht gut, denke ich mir. Und ich komme wieder einmal ins Grübeln. Wenn die Geschäfte nicht so laufen wie gewünscht, warum will man denn dann noch mehr investieren und Wald für Plantage opfern? Aber vielleicht lohnt sich so eine Unternehmung erst im großen Stil? Mir fällt Karls Erdbeerhof, der seinen Sitz in der Nähe von Rostock hat, ein. Will man hier in unserem geruhsamen Städtchen einen ähnlichen Rummel abziehen? Ich weiß es nicht.

Samstag, 26.11.

Unsere regionale Zeitung schreibt einen erstaunlich offenen Artikel über die ganze Sache. Und das in der Samstags-Ausgabe. Die wird hier von den meisten Leuten doch recht ausführlich gelesen. Mittendrin steht sogar ein Zitat aus meiner Mail, die ich an alle versendet habe, die vielleicht irgendeinen Einfluss auf die Angelegenheit haben könnten.

„Bitte sorgen Sie dafür, dass das einzigartige Refugium der ehemaligen Baumschule als ökologische Nische erhalten wird.“ Mara Schreiber in ihrem Appell an die Stadtverordneten.

Wow, ich bin beeindruckt. Kann ich möglicherweise doch mehr, als nur Liebesromane verfassen? Wie nützlich Schreiben in jedweder Form sein kann, werde ich jedenfalls in den nächsten Monaten noch mehrmals erfahren.

Der letzte Satz in besagtem Zeitungsartikel lässt mich wieder einmal hoffen, dass ich nicht auf verlorenem Posten stehe. Er lautet: „„Es ist noch alles offen“, betonte hingegen Beyer. Die Stadtverordneten werden erneut beraten.“

Wenn schon der Chef des Liegenschaftsamtes erklärt, dass noch gar nichts entschieden ist, dann kann man das Biotop auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule sicher doch noch retten. Im Nachhinein weis ich, wie naiv ich war, um solchen Aussagen Glauben zu schenken. Aber wie heißt es so schön: „Die Hoffnung stirbt zum Schluss!“ Warum sollte mein Vorhaben denn nicht gelingen? Jeder der nur ein bisschen Verstand im Kopf hätte, der würde mich verstehen, so dachte ich. Ich wollte doch nur den Wald retten. Natur für alle, hat doch heutzutage Vorrang vor Profit für den Einzelnen. Wir leben ja schließlich in Zeiten, in denen wir uns langsam unsrer Verantwortung der Umwelt gegenüber bewusst werden. Da gab es für mich keine Frage. Und die Reaktionen der Wulfenforter Bürger scheinen mir Recht zu geben.

In den nächsten Tagen sprechen mich die Leute in der Stadt immer wieder auf Sache mit der Baumschule Heidenholz an. In unserem beschaulichen Örtchen scheint es zu brodeln. Ich überlege mir, dass inzwischen keine Zurückhaltung mehr vonnöten ist und veröffentliche den Zeitungsartikel und meinen Brief an die Stadtverordneten auf meinem Blog. Das alles verknüpfe ich dann mit Facebook, wo ich in kurzer Zeit über 160 Leser finde. Ich bin beeindruckt. Doch die neuen Medien können noch mehr. Damit wir Nachbarn, die sich gegen die Verkaufspläne engagieren wollen, immer auf dem neusten Stand sind und uns auch im Falle eines Falles abstimmen können, richte ich eine WhatsApp-Gruppe ein und verknüpfe  uns miteinander. So können wir halbwegs sicher sein, dass wir nichts verpassen und auch nicht von den Ereignissen überrannt werden.

Inzwischen schicke ich auch einen Vortrag über die Wirkung des Waldes auf die Gesundheit, den ich anlässlich einer Veranstaltung halten sollte, an einen Herz-Spezialisten ins Klinikum der Nachbarstadt. Nicht ganz ohne Hintergedanken verweise ich auf meinen Blog, der inzwischen immer mehr Leser erreicht. Leider meldet sich der Professor nie bei mir. Aber auch daran werde ich mich gewöhnen. Viele meiner Aktionen und Bemühungen werden ins Leere laufen. Andere dagegen erzielen erstaunliche Resonanz. Ich habe bis heut noch nicht herausbekommen, ob da eine Gesetzmäßigkeit dahinter steckt.

Als dann zwei Tage später noch in der Online-Ausgabe unserer Stadtzeitung ein Artikel mit der Überschrift „Alte Baumschule im Heidenholz wird vorerst nicht verkauft“ erscheint, habe ich endgültig den Eindruck, dass ich etwas erreichen könnte.

Das mischt sich allerdings mit einem unguten Gefühl. Immerhin kann ich dort schwarz auf weiß folgendes lesen: „Da Wulfenfort sich in keiner Weise in einer finanziellen Notsituation befindet, erscheint die plötzliche Verkaufsabsicht bei solch einer großen öffentlichen Fläche doch recht sonderbar. Da müsste schon eine erhebliche Summe Geldes für den Stadthaushalt herausspringen, wenn man solch eine umfängliche Abgabe öffentlichen Eigentums in private Hand befürworten könnte. Einen Zwang dazu, etwa ein Haushaltssicherungskonzept, besteht allerdings nicht. Was steht also wirklich hinter dem von der Verwaltung angestrebten Deal?“

Habe ich irgendwie in ein Wespennest gestochen?

Zeitung

Bildquellenangabe:   Rainer Sturm  / pixelio.de
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