Amtsdeutsch und andere Erkenntnisse

Montag der 14. 11.
Jeden Morgen mache ich einen ausgiebigen Spaziergang mit meinem Hund. Der besteht darauf und würde mich sonst so nerven, dass ich keine einzige Zeile schreiben könnte. Bei der heutigen Hunderunde treffe ich Elisabeth. Die arbeitet mehr oder weniger ehrenamtlich dem Verein Pusteblume, der zurzeit auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule Heidenholz bewirtschaftet. Die produzieren das Gemüse für die Tafel und sorgen somit dafür, dass auch die ärmeren Leute frische Lebensmittel bekommen können. Eigentlich ist es ja beschämend, wenn wir im reichen Deutschland auf so etwas angewiesen sind, aber daran kann ich im Moment nicht auch noch was ändern. Ich will jetzt erst einmal den Wald retten, denke ich mir. Die Welt muss sozusagen warten. Obwohl schon bezweifle, dass ich dafür noch irgendwann die Kraft aufbringen werde. Ich bin inzwischen schon ganz schön angespannt. Allerdings kann ich mir an diesem Novembermorgen noch nicht vorstellen, wie mich die ganze Sache noch beschäftigen wird.

Ich frage die Elisabeth, zugegeben, etwas scheinheilig, wie denn die Aktien so stehen. Die arme Frau macht ein verzweifeltes Gesicht und klagt mir ihr Leid, dass sie das Objekt verlassen müssen, weil hier alles platt gemacht werden soll. Sie findet das gar nicht gut, denn auf der Ausweichfläche, die man ihnen angeboten hat, kann man in diesem Jahr nichts anbauen. Dort muss erst alles urbar gemacht werden. So weit ist es also mit der Sorge für die Bedürftigen, fällt mir dazu ein.

Ich habe Mitleid mit ihr und denke, was soll es, und erzähle ihr, was ich für Aktionen unternommen habe. Da blitzt doch tatsächlich ein Funken Hoffnung in ihren Augen auf, denn mein Plan ist es ja, dass das Ganze hier trotzdem noch vom Verein Pusteblume weiter bewirtschaftet wird. Elisabeth findet diese Idee natürlich gut, aber leider hat sie keinen Einfluss darauf, was demnächst passieren wird. Das Wenigste (ja, es ist die Steigerung von wenig gemeint – gering ist  noch zu viel), was wir tun können, ist das wir uns gegenseitig über mögliche Neuigkeiten und Veränderungen informieren. Wie wichtig das ist, das werde ich in den kommenden Wochen noch lernen.

Wieder zu Hause, setze ich mich selbstredend an den Computer, um an meinem aktuellen Buchprojekt zu arbeiten. Aber so richtig kann ich mich nicht konzentrieren. Ich befürchte, dass ich meine Zielstellung, den angefangenen Roman bis Weihnachten fertig zu haben, nicht halten kann. Nebenher trudelt auch noch eine Mail vom Umweltamt ein. Die teilen mir mit, dass sie mein Schreiben an den Bürgermeister der Stadt, seinen Stellvertreter, den zuständigen Revierförster und auch dessen Oberförster Weitergeleite haben. Ist das nun gut oder schlecht? Ich beschließe, dass es gut ist. Je mehr davon wissen, desto besser.

Ich habe nicht einmal drei Zeilen getippt, da fahre ich den Rechner auch schon wieder herunter. Jetzt ist halt keine Zeit für Liebesromane, denke ich mir, denn ich muss ja den Wald retten. Langsam wird der Satz in meinem Kopf zum Mantra.

Daher treffe ich mich vormittags mit einer Stadtverordneten von den freien Wählern. Diese Fraktion würde sich der Sache mit der alten Baumschule auch annehmen und wünscht nähere Informationen. Ich erkläre so gut ich kann die Lage. Dabei versuche ich, so wenig emotional zu sein, wie möglich. Wenn ich eines schon gelernt habe, dann ist es das, dass Gefühle nicht unbedingt hilfreich sind. Wie hat der Typ von Focus früher einmal in der Werbung gesagt: „Fakten, Fakten, Fakten!“ Das ist gar nicht so einfach, wenn man nicht genügend Hintergrundwissen hat.

All das bringe ich auch am Abend noch einmal an. Diesmal  wurde ich von der SDP zu deren Fraktionssitzung eingeladen. Die stimmen mir im Allgemeinen auch zu: Wald sollte nicht in Acker umgewandelt werden.

Trotz aller politischen Unterstützung bleibe ich skeptisch. Irgendwie habe ich so das unterschwellige Gefühl, man will sich so ganz nebenbei für irgendwelche Verflechtungen und Klüngeleien rächen. Können sie ja meinetwegen machen. Aber das ist nicht mein Anliegen. Ich will den Wald retten und mache ihnen nicht die Erin Broncowitsch.

Langsam schwant mir aber, dass in unserer Stadt wahrscheinlich nicht alles so ist, wie man sich das vorstellt. Zugegebenermaßen hatte ich bisher von Demokratie ein anderes Verständnis. Allerdings sind die strategischen Querelen zwischen Stadtverwaltung und einzelnen Fraktionen der Stadtverordneten bis dato an mir vorbei gegangen. Naja, ehrlich gesagt, habe ich bislang in meinem „klein Häuschen“ gesessen und mir Geschichten ausgedacht. So richtig gekümmert, was bei uns los ist, habe ich mich nicht. Bis jetzt hat ja auch niemand meine Kreise gestört. Das war wohl ziemlich kurzsichtig, muss ich mir eingestehen.

Morgen tagt erst einmal der Hauptausschuss der Stadtverordneten. Da will man sich zumindest mit dem Thema befassen. Ich habe allerdings keine Ahnung, was so ein Hauptausschuss eigentlich macht. Zum Glück weiß google wieder einmal alles. Denn hier kann ich nachlesen, dass dort neben ausgewählten Stadtverordneten auch der Bürgermeister sitzt. Das ist schon erst einmal weniger schön, denke ich mir, da der Verkauf der alten Baumschule Heidenholz ja sein Baby ist. Im Hauptausschuss darf man auch Beschlüsse fassen, die nicht der Beschlussfassung der Gemeindevertretung bedürfen, erfahre ich. Das ist ja auch ein schöner Satz. Wo bekomme ich denn nun raus, was dieser komische § 54 der Kommunalverfassung sagt. Also suche ich im Internet nach Kommunalverfassung. Zumindest lerne ich, dass diese für alle Orte des Landes Brandenburg gilt. Wulfenfort kann sich also seine Gesetze wenigstens nicht selber machen. Das tröstet mich. Sehr interessant finde ich, dass der Bürgermeister im Amtsdeutsch Hauptverwaltungsbeamter heißt. Allerdings sehe ich nicht so richtig durch, was es denn für die Zuständigkeit bedeutet, wenn es darum geht „die Entscheidungen auf dem Gebiet der Pflichtaufgaben zur Erfüllung nach Weisung und der Auftragsangelegenheiten zu treffen, es sei denn, die Gemeindevertretung ist aufgrund besonderer gesetzlicher Vorschriften zuständig“. Mir kommt kurz der Gedanke, zumindest Teile des Gelesenen auszudrucken. Nichtsdestotrotz lasse ich das. Warum soll ich denn unnötig Papier verschwenden? Wochen später werde ich einen ganzen Ordner voll mit Schriftstücken, Auszügen und Kopien haben. Immerhin kann ich das ja wieder einmal nicht vorhersehen. Wie so vieles was noch geschehen wird.

Also denke ich mir, ich warte doch mal lieber ab, was die da auf der morgigen Hauptausschusssitzung beraten oder beschließen. Leider kann ich selber nicht hingehen, da ich einen Kurs an der Volkshochschule gebe. Irgendwie vertraue ich immer noch auf den gesunden Menschenverstand. Und irgendwer wird mich schon informieren, was da beredet wurde. So hoffe ich wenigstens. Egal, aus welchen Beweggründen die Leute, mit denen ich heute gesprochen habe, handeln, ich fühle mich jedenfalls nicht mehr ganz so allein. Sollen sie doch mit ihrer Stadtverwaltung hadern, wie sie wollen, Hauptsache wir können dabei den Wald retten.

Akte

Bildquellenangabe:        Martin Moritz  / pixelio.de

 

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