Ein Wochenende im November

Samstag, 12.11.

Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs und werde von verschiedenen Leuten auf meine Mail an die Stadtverordneten angesprochen. Die Sache hat sich relativ schnell in der Stadt verbreitet.  Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das allgemeine Interesse darin besteht, verwandtschaftliche Verflechtungen bei dem anstehenden Verkauf des Areals für die Erdbeerplantage aufzudecken. Der Käufer soll ja der Schwager des Chefs vom Liegenschaftsamt sein. Ehrlich gesagt ist mit das ziemlich egal. Nachdem ich vor einigen Tagen mit dem Hund über die besagte Fläche gestromert bin, habe ich nur eines im Sinn: Ich will den Wald retten und verhindern, dass Bäume und Sträucher, die dort schon seit etwa 30 Jahren stehen, abgeholzt werden. Vergessen ist die Sorge um einen eventuellen Konkurrenten beim Weihnachtsbaumverkauf. Ich wäre doch nicht mal im Schlaf auf die Idee gekommen, dass man im städtischen Naherholungswald etliche Hektar abholzen könne. Ich hatte mit irgend so einem Typen gerechnet, der sich hier vor meine Nase setzt und auf der freiwerdenden Fläche des Vereins Pusteblume ein paar Nordmanntannen anbaut. Das hätte mir ehrlich gesagt nicht wirklich gefallen. Schließlich geht unser Weihnachtsbaumgeschäft seit der Tannen-Meyer seine konventionelle Plantage vor der Stadt errichtet hat, nicht besonders gut. Wir haben zu wenige Bäume im Vergleich zu so einem Großproduzenten. Und unsere Exemplare wachsen auch noch zu langsam. Ohne Chemie dauert eben alles seine Zeit. Aber wir lieben den vorweihnachtlichen Trubel und nehmen es sportlich. Zum Glück müssen wir nicht davon leben, sondern betrachten es als willkommene Jahresendprämie für die Weihnachtsgeschenke. Was uns die ganze Sache an Geld und Arbeit übers Jahr kostet, das ignorieren wir beflissentlich.

Inzwischen ist aber alles ganz anders. Wir brauchen keine Konkurrenz beim Tannenbaumverkauf zu fürchten. Dafür müssen sich die Tiere des Waldes gewaltig Sorgen machen, wo sie demnächst unterkommen können. Alles was da kreucht und fleucht wird seinen Lebensraum verlieren, wenn der Kahlschlag kommt. Ich mag mir das gar nicht weiter vorstellen. Natürlich beschimpfe ich mich bei diesen Gedanken gleichwohl als sentimental. Mein Vater war Förster und mein Mann ist Holzfäller. Ich müsste doch mit solchen Sachen umgehen können. Oder fällt es mir gerade deswegen so schwer?

Je länger ich über dieses ganze Thema nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich das irgendwie nicht auf sich beruhen lassen will. Einmal in seinem Leben muss man wohl etwas tun, was vollkommen irrational ist. Genau genommen habe ich nichts davon, wenn ich mich jetzt hier engagiere. Ich habe zwar tausendundeine Idee, was man alles auf der Fläche der alten Baumschule machen könnte. Es wäre auch schön, das alles in die Tat umzusetzen. Aber wenn das nicht klappen sollte, dann wäre ich auch nicht am Boden zerstört. Was mir allerdings wirklich an die Nieren gehen würde, das wären zehn Hektar Monokultur an Stelle vieler verschiedener Bäume und Sträucher. Also bleibt mir nichts anderes übrig als den Wald zu retten. Ich habe keine Ahnung wie ich das anfangen soll. Ehrlich gesagt, mag ich mich nicht streiten. Aber mir bleibt wohl nicht viel anderes übrig. Das ist mir irgendwie unangenehm.

Und ich will die ganze Sache auch nicht auf Facebook ausbreiten, wie mir geraten wird. Und ich will auch keine Bürgerinitiative für mehr Transparenz in der Stadtverwaltung ins Leben rufen. Komisch, die Leute interessieren sich viel mehr für eine scheinbare oder echte Vetternwirtschaft, als für den Erhalt der Natur. Mir ist das alles suspekt. Und es ist mir überhaupt nicht klar, welche Wege ich noch beschreiten werde, weil ich mir tatsächlich in den Kopf setze, dass ich den Wald retten will.

Am Abend fahre ich einkaufen. Es ist schon dunkel und die Straße ist schmal. So ist das nun mal hier in unserer Gegend. Ich habe mir keinen Zettel geschrieben und überlege, was ich alles mitbringen soll. Da kommt mir ein Auto entgegen. Irgendwas ist komisch, denke ich noch.
Im letzten Moment reiße ich das Steuer herum und fahre auf den Randstreifen. Beinahe hätte es einen Crash gegeben. Zumindest wäre ich meinen Spiegel losgeworden. Meine Hände zittern. Wollte der mich rammen?
Quatsch, sage ich mir. Sowas passiert hier immer mal, dass jemand nicht ausweicht. Warum sollte man mit Absicht einen Zusammenstoß riskieren?
Unwillkürlich fällt mir meine Aktion mit den Mails an die Stadtverordneten ein. Habe ich einen anderen Menschen so verärgert, dass er…
Ich rufe meine Gedanken zur Ordnung. Da habe ich wohl definitiv zu viele Mafia-Filme gesehen. Trotzdem mache ich mir irgendwie Sorgen. Was könnte man mir antun? Meine Fenster einwerfen? Meinen Hund vergiften? Meine Katzen überfahren? Ich sage mir, dass es albern ist, solche grusligen Überlegungen anzustellen. Aber ein komisches Gefühl bleibt.

Sonntag, 13.11.

Ich habe ein Treffen mit einem Herrn, der sich per Mail als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und des Ausschuss für Umwelt und Naturschutz vorgestellt hatte. Der will sich gern einmal vor Ort über die Sachlage informieren. Was für eine seltsame Wortwahl. Aber wahrscheinlich werde ich mich in der nächsten Zeit an solche Ausdrücke gewöhnen müssen. Nix mehr mit Romantik, Herzschmerz und ähnlichen Formulierungen wie in meinen Liebesromanen. Egal, ich finde es zumindest klasse, dass jemand seinen Sonntag opfert und ziehe mit Mann und Hund zum vereinbarten Treffpunkt. Es ist schon ziemlich kalt, aber die Luft ist angenehm und voller Gerüche. Der Abgesang des Herbstes ist allgegenwärtig. Und ich hoffe im Stillen, dass damit nicht gleichzeitig der Abschied von diesem Teil des Waldes eingeläutet wird.

Unser Gegenüber ist freundlich, aufgeschlossen und meinen Argumenten nicht abgeneigt. So streifen wir mehr als eine Stunde durch den öffentlich zugänglichen Teil der ehemaligen Baumschule und ich schwärme vom Qigong, Waldbaden und den Blüten der Sträucher, die als Bienenfutter dienen können.

Das ganze Heidenholz ist etwa 200 Hektar groß. Es wurde stets als das tolle Naherholungsgebiet für unsere Stadt angepriesen. Wenn jetzt 10 Hektar verkauft und geschreddert werden, dann sind das 5 Prozent. Das klingt vielleicht nicht viel. Aber man sollte mal versuchen bei seiner Bank 5 Prozent Zinsen zu bekommen. Die würden sich kaputt lachen.

Unserem Begleiter scheint es hier draußen jedenfalls auch zu gefallen und wir sind uns einig, dass es schade wäre das alles abzuholzen. Wir haken etwas nach und fragen, wie in der Stadt eigentlich solche wichtigen Entscheidungen wie der Verkauf von Eigentum getroffen werden und wie entscheidend die Rolle der Stadtverordneten ist. Die Antwort ist diplomatisch, aber ich höre zwischen den Sätzen noch genug heraus, dass meine Hoffnung schwinden lässt.

Und dann habe ich noch ein weiteres Problem. Auch wenn es nur ganz sachte anklingt, keimt wieder der Verdacht auf, dass man eher daran interessiert ist, der Verwaltung ein Versäumnis nachzuweisen, als die Abholzung zu verhindern. Vielleicht irre ich mich und ich tue dem armen Mann bitter Unrecht. Aber irgendwie werde ich langsam misstrauisch. Mir ist es momentan total egal, was die da in der Stadtverwaltung klüngeln. Auch wenn ich das später einmal anders sehen werde. An diesem Sonntag im November habe ich nur eines im Sinn: Ich will doch nur den Wald retten.

rauhreif

Bildquellenangabe: Jürgen Nießen  / pixelio.de
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