Nachtgedanken

Mittwoch, der 09.11.
Mein Gatte und ich marschieren am Abend mal zum Nachbarn Nummer eins. Dort setzen wir uns an seinen den großen Holztisch und überlegen was wir von der ganzen Sache mit der alten Baumschule Heidenholz halten sollen, und ob wir etwas tun können. Eines ist keine Frage für uns. Wir finden, dass es doch wirklich eine Schande sei, den vorhandenen Baumbestand abzuholzen und dort eine Monokultur anzupflanzen. Irgendwie können wir diese Idee nicht nachvollziehen. Das ist doch ein Teil unseres Naherholungsgebietes. Wieso sollten die Stadtverordneten so einem Handel zustimmen? Warum außerdem sollte man Wald verkaufen, der für alle da ist? Das kommt uns alles recht spanisch vor. Der Nachbar meint,  dass die Leute auf der letzten Versammlung vom Stadtentwicklungsausschuss,  wohl nicht mal eine Ahnung gehabt hätten, um welches Gebiet es sich denn eigentlich handeln würde. Auch darüber wundern wir uns, kommen aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Auf die eine oder andere Weise ist es sehr komisch. So beschließen wir, wachsam zu bleiben. Aber am Ende vertrauen wir doch auf den gesunden Menschenverstand. Heute kann ich nur den Kopf über so viel Blauäugigkeit schütteln.

In der Nacht kann ich nicht schlafen. Vielleicht liegt es daran, dass in den Medien gerade der größte „Supermond“ seit 70 Jahren angekündigt wird. Er wird zwar erst  am Montag am Himmel erwartet, aber ich bin sowas von mondfühlig, dass ich schon immer einige Tage vor dem Vollmond kaum schlafen kann. Sonst habe ich mich noch nicht mal richtig zugedeckt, schon schlafe ich wie ein Murmeltier.
Also entweder ist das der erwartete Supermond oder die Geschichte mit dem Wald. Irgendwas lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Also stehe ich in der Nacht auf und verfasse ein Schreiben an die Stadtverordneten. Schließlich sollen die doch erfahren, worum es hier wirklich geht, wenn sie, so wie wir vermuten, schon keine Ahnung von dem ganzen Deal haben.

Mein Text ist fertig und ich will ihn nun an alle gewählten Vertreter des Volkes schicken. Dabei stoße ich auf ein unerwartetes Hindernis. Es gibt auf der offiziellen Internetseite unsere schönen Stadt Wulfenfort zwar eine Liste mit allen Namen, die man sogar anklicken kann. Aber wer dann ein Bild und eine Mail-Adresse erwartet, der wird schwer enttäuscht. Kein Foto, eventuell die Postadresse, manchmal eine Telefonnummer aber keine Möglichkeit eine Mail zu schicken.

Zum Glück, weiß ich ja, was der Eine oder die Andere für einen Job hat. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Kleinstadt lebt. Also mach ich mir die Mühe und suche einzeln nach den Mailadressen. So erreiche ich zwar nicht alle,  wie ich es ursprünglich vorgehabt habe, aber immerhin kann ich mindestens sieben Leute direkt anschreiben und noch einige weitere per Formular auf deren Internetseiten informieren. Dann schicke ich das Ganze noch ans Umweltamt in die Kreisstadt, an meine Nachbarin Nummer zwei  und einige Bekannte und Freunde aus der Gegend.
Außerdem maile ich meinen Aufruf zur Rettung des Baumbestandes auch noch an den BUND. Wer, wenn nicht der Bund für Umwelt und Naturschutz, sollte hierzu eine Meinung haben. Schließlich fordern sie mich ständig auf, für irgendwas zu spenden. Was ich auch ab und zu tue. Jetzt brauche ich sie mal. Wäre doch toll wenn sie mir helfen könnten.

Mein nächtlich verfasstes Schreiben liest sich übrigens so:
Wie ich erfahren habe, soll demnächst über den Verkauf der ehemaligen Fläche der Baumschule Heidenholz in Wulfenfort durch die Stadtverordneten abgestimmt werden. Ich möchte Sie bitten bei Ihrer Entscheidung folgendes zu bedenken.
Eine einmal verkaufte Fläche ist für die Stadt Wulfenfort unwiederbringlich verloren. Damit steht auch den Bewohnern der Stadt ein Gelände mit bedeutendem Erholungswert nicht mehr zur Verfügung.
Durch die jahrzehntelange extensive Nutzung der ehemaligen Baumschulflächen konnte sich dort eine einmalige Flora und Fauna entwickeln, die ihresgleichen sucht. Die vormals als Schattenspender für die Jungpflanzen im Baumschulbetrieb angepflanzten Quartiere von verschiedenen Gehölzen sind inzwischen zu Refugien geworden, die unzählige Vögel, Insekten und andere Tiere beherbergen. Damit entstanden ökologische Rückzugsorte der besonderen Art.
Laut unbestimmter Informationen soll auf diesem Gelände eine Erdbeerplantage errichtet werden. Damit würde eine einmalige Naturlandschaft vernichtet werden, die in der Gegend ihresgleichen sucht. Außerdem befindet sich das Gebiet im Trinkwassereinzugsgebiet. Der hohe Düngebedarf einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung, wie es bei einer Erdbeerplantage nötig ist, hätte sicher auch Einfluss auf die Trinkwasserqualität.
Der Erholungswert des Areals würde, über das Jahr gesehen, gegen null sinken und das Heidenholz als Naherholungsgebiet wäre um einige Hektar ärmer. Viele Spaziergänger nutzen die jetzt noch teilweise frei zugänglichen Flächen zu Erholung und Entspannung. Das lässt sich sicher nicht mit einigen Wochen Erdebeerpflücken und einer eventuellen Festveranstaltung aufwiegen.
Ich habe vor einigen Wochen einmal einen Antrag die Stadt Pritzwalk gestellt, weil ich einen Teil der Flächen pachten wollte. Das geschah nicht ganz uneigennützig. Wie sicher bekannt ist, betreibe ich eine kleine Weihnachtsbaumplantage. Als mich die Gerüchte erreichten, dass sich der Verein Pusteblume aus dem besagten Gelände zurückziehen würde, hatte ich Sorge, dass ich ein anderer Weihnachtsbaum-Produzent vor meine Nase setzen könne. (Ich habe übrigens mehr als 4 Wochen auf eine Antwort warten müssen und bin erst in dieser Woche zu einem Gespräch eingeladen worden)
Inzwischen erscheint die Sachlage aber ganz anders. Ich brauche wohl keine Konkurrenz mehr aus dieser Richtung zu befürchten. Stattdessen sieht es so, aus als würde das vorhandene relativ naturbelassene Kleinod einer reizlosen Monokultur weichen müssen.
Damit entsteht der Umwelt, dem Erholungsort Heidenholz und auch der Stadt Wulfenfort wahrscheinlich ein unwiederbringlicher Schaden.
Um diesen abzuwenden, halte ich mein Angebot die gegenwärtige Fläche zu pachten aufrecht. Sie könnte auf verschiedene Weise genutzt werden. Einerseits würde ich versuchen eine Übereinkunft mit dem derzeitigen Nutzer zu treffen, damit dieser Verein weiter seine Aufgaben ausführen kann. (Der Verein Pusteblume baut derzeit Gemüse für die Tafel an.) Anderseits könnte ich einige der bestehenden Freiflächen nutzen, um Schafe für die Landschaftspflege zu züchten. Zudem ist eine Zusammenarbeit mit dem örtlichen Sportverein angedacht, um Präventionskurse für die Gesundheitsförderung auch im Freien abhalten zu können.  Weitere Kooperationen mit anderen Ideengebern sind selbstverständlich willkommen.
Möglichkeiten, die sich dadurch für die Stadt und ihre Bewohner ergeben sind vielfältig und werden gerade in einem Ideenpool zusammengetragen.
Bitte sorgen Sie dafür, dass das einzigartige Refugium der ehemaligen Baumschule als ökologische Nische erhalten wird und nicht einer Monokultur zum Opfer fällt.
Mit freundlichen Grüßen
Mara Schreiber

Zum Glück gibt es ja Google und ich schicke noch zwei Draufsichten auf das Gelände mit, damit sich niemand herausreden kann, dass er nicht weiß um welches Gebiet es sich handelt.
Nach diesem Mail-Marathon bin ich nun allerdings rechtschaffend müde. Ich gehe, sehr mit mir zufrieden, endlich ins Bett. Es ist 2:00 Uhr in der Nacht und schon Donnerstag.

Mond

Bildquellenangabe: Lydia W.  / pixelio.de
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