Besuch beim Amt

Freitag, der 11.11.
Endlich tut sich mal was. Ich habe an diesem Tag den Termin beim (so wie es Amtsdeutsch heißt) Fachgebiet Liegenschaften und zentrales Gebäudemanagement.

Ich grüble, was mich erwartet.
Und ich überlege, was ich anziehen soll. Mache ich einen auf Business und hole das Kostüm für die offiziellen Anlässe aus dem Schrank? Schließlich will ich mich als zukünftige Pächterin darstellen. Oder gebe ich lieber die Waldfrau? Ich entscheide mich für letzteres. Immerhin ist das Thema meines Konzeptes, das ich mehr oder weniger im Kopf habe, die Natur. Aber so ganz unbedarft will ich da auch nicht hingehen. Also schminke ich mich trotzdem etwas.  Dezent, aber immerhin.

Vorsorglich lade ich auch mein Handy auf und suche nach der App für die Sprachmemo. Ob es Sinn macht das Gespräch heimlich mitzuschneiden? Ich komme mir ein bisschen vor, als gehöre ich zum Team Wallraff.  Also probiere ich aus, ob man noch etwas hört, wenn das eingeschaltete Handy in der  Brusttasche meiner Jacke verstecke. Zumindest kann man etwas verstehen.

Wahrscheinlich tue ich dem armen Menschen auf dem Amt Unrecht, wenn ich Ungemach wittere. Ich wundere mich ein bisschen, warum mir gerade dieses antiquierte Wort einfällt. Warum eigentlich hat man immer so ein komisches Gefühl im Bauch, wenn man mit den Behörden zu tun hat?

Meine Bedenken sind unnötig. Der Mann hinter dem Schreibtisch ist ganz nett und höflich. (Das Handy lasse ich aber trotzdem eingeschaltet. Später merke ich: Mich kann man gut verstehen, bei ihm muss man doch ganz schön die Ohren spitzen.)

Allerdings beginnen wir nicht ganz so entspannt, wie es jetzt hier so klingt. Zuerst meinte er, dass wir schon einmal miteinander telefoniert hätten. Es dauert eine Weile, bis ich mich erinnere, dass er derjenige war, der so überhaupt nicht  mit der Sprache rausrücken wollte. Herr Ader weist mich darauf hin, dass er mir damals gesagt hätte, dass ich mich mit meinem Anliegen an den Chef vom Sachgebiet hätte wenden sollen. Das habe ich doch, äußere ich. Ich habe ihm eine Mail geschickt. Für mein Gegenüber scheint das aber nicht zu zählen. An jemanden wenden heißt für ihn wohl anrufen. Ich habe auch jetzt keine Lust ihm zu erklären, warum ich wirklich null Bock hatte, diesen Menschen anzurufen. Wer will schon Negatives über seinen Chef hören? Also bestehe ich darauf, dass eine Mail schreiben auch ein An-jemanden-wenden ist. Wir reden also eine Weile aneinander vorbei, bis ich etwas  verschnupft bemerke, ob er mir denn ein Versäumnis vorwerfen will. Das will er nun auch nicht und wir wenden uns der Sachlage zu, wie es so schön heißt.

Ich erkläre meine Beweggründe und betone, dass ich es unverantwortlich finde, dass man Wald in eine landwirtschaftliche Monokultur verwandeln will.  Sein Argument, dass da gar nicht so viele Bäume stehen würden, entkräfte ich triumphierend. Schließlich war mein Vater der letzte Chef der Baumschule und ich habe selber einige Zeit dort auf dem Gelände gearbeitet. Dann will er mir noch erzählen, dass das ganze Areal eingezäunt wäre, was ich auch wieder vehement bestreite. Ich zeige ihm auf dem Monitor seines Computers, welche Teile frei zugänglich sind.

Es fällt immer wieder der Begriff Investor. Das klingt so bedeutend und gewaltig. Für mich ist es keine Investition und schon gar nicht in die Zukunft, wenn man einen bestehenden Baumbestand abholzt. Aber das behalte ich erst einmal für mich. Ich will mich nicht streiten, will nicht laut werden. Und ich will auch nicht den Verdacht äußern, dass die Vergabe nicht ganz mit rechten Dingen zugehen könnte, weil eben der Investor und der Chef  vom Liegenschaftsamt etwas miteinander verwandt seien. Nein, ich will doch inzwischen nur den Wald retten.

Während ich das so denke, bin ich auf einmal von mir selber irritiert. Wie kann man denn »etwas miteinander verwandt sein«? Manchmal komme ich aber auch auf komische Formulierungen!

Aber im Grunde ist die Stimmung ganz nett und sachlich. Mich beschleicht das Gefühl, das ich ihn, wenn er was zu entscheiden hätte, wohl überzeugen könne. Immerhin fragt er mich, ob ich die ganzen 10 Hektar pachten würde. Und das zu einem Preis von 200 € pro Jahr. Das sind immerhin 2000 € im Jahr. Das ist kein Pappenstiel. Ich mache einen auf Selbstbewusst und hoffe, dass er mir nicht ansieht wie ich mich im Stillen überlege, wo ich denn das Geld eigentlich hernehmen soll. So viel verdiene ich mit meinen Liebesromanen ja auch noch nicht. Immerhin stehe ich erst am Anfang einer, da bin ich ganz sicher, vielversprechenden Karriere.  Aber ich verkünde voller Elan, dass ich eine ganze Menge Ideen hätte. Das stimmt ja auch. Ich habe in meinem A5-Projektbuch zwei Seiten voll mit Nutzungsmöglichkeiten gesammelt. Alles was mir so eingefallen ist. Und das ist so eine Unmenge von Gedankenblitzen, dass ich selber staunen muss.

Mein Gegenüber meint, dass er so schnell und so viel nicht mitschreiben könne und ich erkläre großzügig, dass er sich meine Aufzeichnungen kopieren darf. Ich habe sie extra mit Hand geschrieben, damit niemand auf die Idee kommt, dass ich schon fertig mit meinen Überlegungen bin. Also meine Notizen sind weit entfernt davon, ein vollständiges Konzept zu sein. Ich grinse ein bisschen in mich rein. Wenn der Herr Ader zwei Seiten weiter blättern würde, was er zum Glück nicht tut, würde er den Plott für eine romantische Szene aus meinem jüngsten Roman finden. Ich glaub nicht das er für so etwas, Interesse hat.
Während er den Kopierer bedient, betone ich mehrmals, dass ich nichts gegen eine Erdbeerplantage habe. Dass ich die sehr gerne essen und mich sogar verpflichten würde, jedes Jahr einen ganzen Eimer zu kaufen. Der Investor kann seine Plantage machen, wo immer er will. Nur soll dafür nicht ein Stück Wald geopfert werden.

Ich glaube, ich habe den armen Menschen mit meinen Vorschlägen und Argumenten ganz schön überrumpelt. Mittlerweile hat er kaum noch Einwände, die er vorbringen kann. Plötzlich klingelt das Telefon. Natürlich hebt er den Hörer ab und spricht ohne weitere Erklärung nur folgende Worte: “Ja, die ist gerade hier.“ Und dann legt er wieder auf. Irgendwie warte ich auf eine Erklärung, aber es kommt nix. Oha! Sollte das am anderen Ende etwa der Chef vom Liegenschaftsamt gewesen sein? Ich denke mir meinen Teil und erzähle weiter, wie toll das Gelände der ehemaligen Baumschule ist und was man da alles machen könnte. Meine Vorschläge zielen in die Richtung, was die Bürger der Stadt davon haben, wenn es nicht verkauft wird. Selbst beim Reden fallen mir noch tausend neue Sachen ein.

Wir unterhalten uns noch eine Weile ganz friedlich und dann ist alles gesagt. Natürlich habe ich hier und heute gar  nichts erreicht. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich einen heimlichen Befürworter gefunden habe. Zumindest deute ich seine Körpersprache beim Verabschieden so, als ob er mir sagen würde: Ich würde ja gern, aber ich kann nicht.

Keine Ahnung, ob ich mit dieser Einschätzung richtig liege. In der nächsten Zeit werde ich mehr als einmal, speziell an meinem gesunden Menschenverstand und an der gesamten Menschheit im Allgemeinen, zweifeln oder sogar verzweifeln. Aber das kann ich ja da noch nicht wissen.

buero

Bildquellenangabe: delater  / pixelio.de
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