Vom Schweigen im Walde

Dienstag 11. Oktober

Weil ich auch am nächsten Tag absolut keine Lust habe, den Chef vom Liegenschaftsamt so aus dem Kalten heraus anzurufen, entscheide ich mich den modernsten Weg zu gehen. Schließlich ist es heutzutage gang und gebe die elektronischen Medien zu nutzen. Dummerweise vergesse ich es, bei meiner Mail den Haken in dem Feld Lesebestätigung anfordern zu machen. Das soll mir noch auf die Füße fallen. Im Übrigen kann ich inzwischen selbst das nicht mehr als ausreichend ansehen. Mit meinen heutigen Erfahrungen würde ich immer eine Übermittlungsbestätigung anfordern.

Aber was weiß ich denn schon, wie es in so einer Verwaltung abgeht. Ich sitze in meinem kleinen Häuschen und schreibe über gebrochene Herzen, große Gefühle und erfinde stets ein glückliches Ende für meine Protagonisten.

Eben wegen dieser Harmoniesucht habe ich also wirklich keine Lust mir von jenem Liegenamtschef Beyer eine ranzige Abfuhr zu holen.

Ich schicke also an ihn, den stellvertretenden Bürgermeister und eine Sachbearbeiterin, deren Namen ich sympathisch finde, eine Mail mit folgendem Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

laut unbestimmten Informationen soll das Gelände der ehemaligen Baumschule im Heidenholz nicht länger genutzt werden. Falls dieses Gerücht stimmt, hätte ich Interesse daran es zu nutzen. Bitte teilen Sie mir mit, ob diese Möglichkeit besteht und welche Bedingungen daran geknüpft sind.

Mit freundlichen Grüßen Mara Schreiber

Dann warte ich.

Und ich warte.

Und warte.

Tagelang.

Wochenlang.

Es kommt keine Antwort. Dabei habe ich doch an drei Leute geschrieben, damit meine Mail auch ja nicht verloren geht. Irgendeiner muss sich doch mal melden.

Ich will noch mal nachfragen, vergesse es aber immer wieder, weil irgendwelche Sachen wichtiger erscheinen.

Doch plötzlich überschlagen sich die Dinge.

Dabei fängt alles so harmlos an.

Sonntag 6. November

Obwohl wir hier im Wald wohnen, ist es längst nicht so einsam, wie man sich das vielleicht so vorstellt. Es gibt hier noch weitere Häuser, die sich verstreut zwischen die Bäume ducken.

Nachbar Nummer eins kommt also an jenem Sonntag zu meinem Mann, um einen Schwatz über den Gartenzaun zu halten. Ich geselle mich dazu. Wir reden über dieses und jenes. Und tauschen Neuigkeiten aus.

Eine davon haut mich glatt vom Hocker: Auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule, das seit fast 30 Jahren brachliegt, soll nun sogar eine Erdbeerplantage entstehen. Oder irgend so etwas in die Richtung.

Ich bin entsetzt. Das geht doch nicht! Man kann doch nicht einfach ein Stück Wald abholzen und eine landwirtschaftliche Monokultur daraus machen. Die Bäume und Sträucher stehen dort schon länger als ein viertel Jahrhundert. Das ist in meinen Augen ein richtiger Frevel!

Ich wundere mich und bin total empört, dass man mir nicht einmal auf meine Mail geantwortet hat, und nun das ganze Stück  sogar verkaufen will. Das wiederum findet der Nachbar interessant, weil man  den Stadtverordneten wohl nichts von meiner Anfrage erzählt hat. Dafür gibt es noch andere brisante Informationen. Angeblich sei der zukünftige Käufer recht eng mit dem Chef vom Liegenschaftsamt verwandt.

Wenn das so wäre, dann wäre das ja Amtsmissbrauch und Korruption empören wir uns gemeinsam. Aber weil wir nichts Genaues wissen, wollen wir mal lieber nicht so laut schreien. Schließlich kann es sich hier ja auch um irgendwelche böswilliges Geschwätz handeln. In so einer kleinen Stadt, wie in Wulfenfort, kochte die Gerüchteküche ja schnell hoch. Und überhaupt: Die Tatsache, dass lebendiger Wald abgeholzt werden soll um einer Plantage, die voll mit Dünger und Chemie gepumpt werden wird, Platz zu machen, regt mich sowieso viel mehr auf, als interne Machenschaften in der Stadtverwaltung. Nichts desto trotz will der Nachbar morgen Abend zu einer öffentlichen Versammlung gehen und die Sache mal hinterfragen. Ich sage ihm, dann soll er auch gleich mal nachhaken, warum ich denn auf meine Anfrage keine Antwort bekommen habe.

Wir sind alle drei der Meinung, dass das ein guter Ansatz ist, um mal herauszubekommen, was da wirklich so abgeht. Allerdings können wir uns überhaupt nicht vorstellen, wie sich das Geschehen nun noch weiter entwickeln wird.

Immerhin geht die Fantasie mit mir schon wieder mal durch. Vor meinem geistigen Auge sehe ich unzählige Vögel, Kleintiere und andere Lebewesen ihres Lebensraums beraubt. Sie ziehen weinend und wehklagen aus ihrer Heimat, denn sie verlieren durch das Abholzen Haus und Hof. Ich kann mir das echt gut ausmalen, welche Tragödien sich da abspielen. Das Ganze könnte man so wie das Kinderbuch »Der Wind in den Weiden« aufbauen. Wenn es nicht so eine traurige Geschichte wäre, würde vielleicht eine wirklich lehrreiche Erzählung entstehen. Aber ich mag keine Storys ohne Happy End und so lasse ich diese Idee wieder fallen.

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Bildquellenangabe: Annamartha  / pixelio.de

 

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