Wie ich den Wald retten wollte – fiktives Tagebuch aus einer brandenburgischen Kleinstadt

Prolog:

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Von Schildbürgerstreichen und Konrad Adenauer

Zusammenfassung Ende April/Mai

Wenn mir die Sache nicht so an die Nieren gehen würde, dann fände ich manche Auswüchse des Dilemmas ziemlich witzig. Da wollen Abgeordnete der SPD in einem offenen Brief wissen, ob der Bürgermeister irgendwelche Auswirkungen für den Verkaufsbeschluss der Heidenholz-Fläche sieht, weil es ja jetzt den Brief vom Ministerium gibt, der das Gelände als Wald bezeichnet. Es dauert tatsächlich zwei Wochen, bis Herr Felsentramp antwortet und meint, dass er keinen Brief vom Ministerium bekommen hat. Darum hat das auch keine Auswirkungen für ihn.
Ja was soll man denn dazu sagen? Natürlich ist das Schreiben vom Ministerium an mich gegangen. Und ich habe es an die Presse weitergeleitet. Damit war es öffentlich. Und für mich schien die Sache erst einmal erledigt. Die Spitzfindigkeit liegt wieder einmal im Detail. Einer der letzten Sätze des Ministerumbriefes lautet, dass die Untere Forstbehörde die Stadt Wulfenfort über den neuen Sachstand informieren werde. Aha! Der Bürgermeister hat wohl tatsächlich keinen Brief vom Ministerium bekommen. Er hat, so finden wir heraus, jedoch ein Schreiben von der Forstbehörde bekommen, das ihn über den veränderten Sachverhalt informiert. Da man bei der SPD-Anfrage aber nach dem Ministeriumsschreiben gefragt hatte, darf der Bürgermeister mit guten Gewissen sagen, dass er keines bekommen hat und sich darum nicht dazu äußern kann. Vollkommen korrekt – und doch nicht zu verstehen. Schilda lässt grüßen.

Eigentlich habe ich mit Konrad Adenauer nix am Hut. Aber ich stolpere über einen seiner Aussprüche und halte mich recht verzweifelt daran fest. „Man darf niemals ‘zu spät’ sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“ Wie krass ist das denn? Ich muss den alten CDU-Fritzen Konrad Hermann Joseph Adenauer zu Hilfe nehmen, um seelisch und moralisch bei der Stange zu bleiben. Wenn mir das mal jemand prophezeit hätte, dem hätte ich glatt einen Vogel gezeigt.

Hätte, hätte. Das ist sowieso das Thema der Stunde. Hätte man das oder dies anders machen können, sollen, müssen? Die Zeit vergeht und sie arbeitet scheinbar gegen uns. Ich führe immer noch zig Telefonate, erhalte Briefe und Mails. Der Grundtenor ist immer gleich. Menschlich ist die Sache nicht zu verstehen, aber rechtlich ist alles scheinbar in Ordnung. Selbst die Vertreter von den verschiedenen Behörden lassen das ziemlich unverblümt am Telefon durchklingen. Wenn ich das so richtig interpretiere, dann fühlen sich die einzelnen Ämter getäuscht und über den Tisch gezogen. Niemand ist aber bereit, seine getroffenen Zusagen zurückzunehmen oder gar der Stadt mal zu sagen, dass es so nicht geht. Die Krönung von allem ist die Kommunalaufsichtsbehörde. Die hat die einzelnen Beschwerden an die Stadtverordneten übergeben und die sollten entscheiden, ob die Vorwürfe rechtens waren. Man muss schon eine sehr aufrechte Haltung haben, um sich selbst eines Fehlers zu bezichtigen. Also geht auch dieses Vorhaben in die Leere.

Bei der nächsten Stadtverordnetenversammlung rechtfertigt sich dann Bürgermeister Felsentramp auch ausgiebig. Unsere Wulfenforter Stadtzeitung kommentierte das dann so: „Dass sich Herr Felsentramp gegen die in verschiedenen Dienstaufsichtsbeschwerden geäußerten Vorwürfe zur Wehr setzt, ist sein gutes Recht. Dass der von der Verwaltung angeblich aus Gründen der Wirtschaftsförderung forcierte Verkauf an die Erdbeerfirma von den Stadtverordneten nun mal beschlossen wurde, kann man dem Bürgermeister nicht zum Vorwurf machen. Diese Entscheidung war durch die Enthaltung einiger Abgeordneter wegen mangelnder Information zur Sachlage erfolgt. Ein Fehler, wie die meisten der „Enthalter“ heute wissen. Das der Bürgermeister dabei eben nicht auf den ihm mehrfach bekannt gemachten mangelnden Kenntnisstand der Abgeordneten einging bleibt sein Vergehen. Er hat mit nun nachweislich unzutreffenden Fakten argumentiert. Angebliche Altlasten auf dem Gelände, die den Grundstückspreis gesenkt hätten sind ebenso unsinnig gewesen. Keine der betroffenen Flächen ist von den kreislichen Behörden als altlastenbehaftet geführt – nicht einmal als altlastenverdächtig.“

Liest sich wieder einmal gut – bringt aber keinerlei Bewegung in die Sache.
Zu guter Letzt schiebt Felsentramp der Unteren Forstbehörde noch den schwarzen Peter zu. Schließlich sei sie es gewesen, die die Fläche als Brache eingestuft hätte. Gut, dass der Oberförster nicht anwesend ist, mit dem hatte ich auch ein langes Telefongespräch. Aber, wie schon erwähnt, das alles hat immer noch keinen Einfluss auf die einmal getroffene Entscheidung. Der Verkauf ist nicht vom Tisch. Und die Sommerpause naht. Uns läuft die Zeit davon.

Von geduldigem Papier und erfundenen Wortmonstern

8. April und Folgetage

Der von mir heimlich erwartete, nein erhoffte, „Sturm der Empörung“ bleibt also aus. Na ja, was hatte ich mir denn da wieder eingebildet? In der Stadtverwaltung tut man so, als hätte es nie einen Brief vom Ministerium gegeben. Die Presse berichtet zwar ausführlich, aber es gibt keine Reaktion von offizieller Seite darauf. Wenigsten ein Trostpflaster gibt es. In der Wulfenforter Stadtzeitung kann man folgendes Lesen: „Der Widerstand von Bürgerinnen und Bürgern gegen die Umwandlung der ehemaligen Baumschule im Heidenholz zieht immer weitere Kreise. An immer mehr Stellen in der Stadt sind die Plakate „ProHeidenholz“ zu finden.“

Trotzdem, aus dem Rathaus kommt kein Ton. Nichts, reineweg gar nix. Wie kann man nur so ignorant sein? Die sitzen die ganze Sache einfach aus! Stattdessen beschäftigt man sich mit dem INSEK und versucht so den Eindruck zu schaffen, dass man die Bürger mit bei den Entscheidungen rund um Wulfenfort einbeziehen will. Insek hat nichts mit Insekten zu tun. In der offiziellen Beschreibung des Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung wird es so erläutert: „Integrierte Stadtentwicklungskonzepte (INSEK), sind in vielen brandenburgischen Kommunen zentrale, die formelle Bauleitplanung ergänzende, Planwerke. Integrierte Stadtentwicklungskonzepte dienen bei der Zielfindung der Stadtentwicklung und sollen auf kommunaler Ebene vorhandene Planungsvorstellungen und (sektorale) Konzepte bündeln, ggf. punktuell ergänzen und damit einen Beitrag leisten zur Vereinfachung und Transparenz der derzeit in den Brandenburger Städten vorzufindenden Planungsgrundlagen.“

Auf einer öffentlichen Versammlung zu diesem Thema wird eine Untersuchung vorgestellt. Es dauert eine Weile, bis wir begreifen was uns da erzählt wird. Man hat 100, in Worten einhundert Fragebögen an ausgewählte Bürger Wulfenforts verschickt. Davon haben 30, ebenfalls in Worten dreißig, geantwortet und dieses wurde ausgewertet. Das Ergebnis präsentiert man uns in einem Vortrag. Zum Glück können wir rechnen und wissen auch wie viel Einwohner unser Städtchen hat. Als sich einer meiner Mitstreiter mit dem Einwand meldet, dass die ausgewerteten Angaben doch wohl nicht maßgebend für die Masse der Bevölkerung sein können, bekommt er eine Antwort, die uns alle verblüfft. Die Auswertung sei nicht relevant. Wir schauen uns entgeistert an – warum macht man denn so eine Studie? Und bezahlt auch noch einen Haufen Geld dafür?

Je mehr ich mich mit den Problematiken, die unser kleines Städtchen betreffen, befasse, desto verwunderter bin ich. Für meine Begriffe sind manche Sachen ziemlich unlogisch. In einem Buch würde man sagen, die Handlung ist an den Haaren herbeigezogen. Dummerweise ist das Leben kein Roman. Wenn ich die Geschichte über das Heidenholz schreiben würde, dann würde ich auf alle Fälle die Handlung beschleunigen. Es zieht sich einfach zu lange hin! Der Handlungsstrang lässt mehr als zu wünschen übrig. Als Leser hätte ich gemault, dass nichts passiert und mich fürchterlich gelangweilt. Da ich aber Teil der Story bin, kann ich gar nichts tun, um Dynamik in den Ablauf zu bringen.

Es ist immer das gleiche Spiel. Irgendwo in der Stadt ist eine öffentliche Veranstaltung und wir tauchen dort mit unserem Tisch, einem Plakat und Informationsmaterial auf. Die Leute stimmen uns im Allgemeinen zu und fragen gleichzeitig, ob das nun doch nicht schon längst erledigt wäre. In der Zeitung hätte doch gestanden, dass das Gelände Wald sein würde. Papier ist geduldig. Und unsere Wulfenforter Stadtverwaltung auch.

Inzwischen tagen die verschiedenen Gremien unserer Stadtverordneten zu den vorgeschriebenen Terminen. Einige der Stadtverordneten sind auf unserer Seite und versuchen irgendwie das Beste aus der Situation zu machen. So kommt es bei einer Hauptausschusssitzung, die vor der großen Stadtverordnetenversammlung abgehalten wird zu heißen Diskussionen. Die Zeitung schreibt dazu: „Mehr Auseinandersetzungen gab es um einen von Linken und SPD eingebrachten und schon zuvor vom Stadtentwicklungsausschuss angenommen Antrag, der den Bürgermeister beauftragt bis November 2017 ein Gesamtkonzept für das Heidenholz der SVV als Beschluss vorzulegen. Dabei sollen interessierte Bürger, Bürgerinnen und Vereine ausdrücklich beteiligt werden.“ Damit sind ja wohl wir gemeint. Die Gegenfraktion interveniert natürlich, kommt aber damit nicht durch. So kann man dann einige Abschnitte darunter lesen: „Dieser Antrag ist vom Stadtentwicklungsausschuss beschlossen worden, ohne Gegenstimme. Was für einen Sinn macht denn die Arbeit in den Ausschüssen, wenn dort gefasste Beschlüsse hier im Hauptausschuss abgewürgt werden?“ Also muss man in den sauren Apfel beißen und eine entsprechende Beschlussvorlage für die kommende Stadtverordnetenversammlung erarbeiten.

Ich muss das noch mal durchdenken. Die Leute vom Stadtentwicklungsausschuss wollen, dass die Bürger in Zukunft mit bestimmen können, was mit dem Naherholungsgebiet Heidenholz passiert. Darüber haben sie abgestimmt. Dieses Ergebnis geht dann zum Hauptausschuss, der die Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung erarbeiten soll. Und dort soll dann endgültig darüber abgestimmt werden, ob das wirklich so gemacht werden soll.

Es gibt bei uns über das Jahr verteilt fünf Stadtverordnetenversammlungen. Davor tagen die Ausschüsse, welche die Themen vorbereiten. Wenn ein Ausschuss irgendetwas verpasst, dann dauert es mindestens zwei Monate, bis er darüber wieder beraten kann. Kein Wunder, dass ich das Gefühl habe, dass sich nichts bewegt. Anderseits sind die Stadtverordneten ehrenamtlich tätig. Da will man auch nicht dreimal in der Woche zur Versammlung rennen. Reich werden sie dabei sicher nicht. Auf der Seite der Kommunalverfassung des Landes Brandenburg, meiner neuen Lieblingsseite im Internet, steht: „Gemeindevertreter haben Anspruch auf Ersatz ihrer Auslagen und ihres Verdienstausfalls. Sie können eine angemessene Aufwandsentschädigung erhalten. Der ehrenamtliche Bürgermeister, der Vorsitzende der Gemeindevertretung und ihre Stellvertreter sowie die Vorsitzenden von Ausschüssen und Fraktionen können eine zusätzliche Aufwandsentschädigung erhalten. Das Nähere regelt eine Entschädigungssatzung.“ Ich kann auf der Seite unseres Ortes Wulfenfort keine derartige Satzung finden. Da ist sonst allerhand aufgelistet, was man in einer Satzung festlegen kann. Mein neues Lieblingswort könnte Regenwassergrundstücksanschlusssatzung werden. Das sind immerhin 38 Buchstaben. Davon siebenmal ein S. Man könnte natürlich auch einmal einen Regenwassergrundstücksanschlusssatzungsüberprüfungsantrag stellen. Damit kommen wir auf 57 Buchstaben in einem Wort. Die Anzahl des Lautes S erhöht sich dadurch auf 9.

Ich glaube, ich schweife ab. Immerhin kann man auch noch direkt zu Beginn der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag über die Erweiterung der Tagesordnung stellen. Das lese ich zumindest aus deren Geschäftsordnung heraus. So ein Antrag ist schriftlich zu stellen und darüber muss abgestimmt werden. Interessant. Hält man diese Schritte nicht ein, hat man wohl keine Chance noch was gebacken zu bekommen. Hoffentlich wissen das alle Abgeordneten.

Ich wollte ja ursprünglich etwas über die Diäten der Stadtverordneten herausfinden. Aber das gehört sicher in den nichtöffentlichen Teil, denke ich mir grinsend. Warum aber eigentlich? Ich glaube nicht, dass sich einer von ihnen mit seiner ehrenamtlichen Arbeit eine goldene Nase verdient. Ich entdecke etwas anderes. Die Entschädigungssatzung für unseren Kreis besagt: „Die Mitglieder des Kreistages erhalten eine monatliche Pauschale von 195,00 €.“ Rein theoretisch müsste es für Stadtverordnete etwas weniger sein. Aber das ist wirklich nicht mein Problem. Es kam nur manchmal in der Diskussion mit den Bürgern das Argument, dass »die da« ihr Schäfchen im Trockenen haben. Mit etwas mehr Transparenz würden solche Gedanken gar nicht erst entstehen. Das ist, wie erwähnt, jedoch nicht mein Bier.

Ich lese mir stattdessen die Hauptsatzung der Stadt Wulfenfort durch. Es fällt mir allerdings schon ein bisschen schwer, nicht darüber nachzugrübeln, ob es auch eine Nebensatzung gibt. Doch ich rufe mich zur Ordnung und lese: „(1)Neben Einwohneranträgen, Bürgerbegehren und Bürgerentscheiden beteiligt die Stadt ihre betroffenen Einwohner in wichtigen Gemeindeangelegenheiten förmlich mit folgenden Mitteln: 1. Einwohnerfragestunden der Stadtverordnetenversammlung. 2. Einwohnerversammlungen. (2) Die Einzelheiten der in Abs. 1 Nr. 1 bis 2 genannten Formen der Einwohnerbeteiligungen werden in einer Satzung über die Einzelheiten der förmlichen Einwohnerbeteiligung in der Stadt Wulfenfort geregelt.“

Ich recherchiere und finde eine Einwohnerbeteiligungssatzung unter der Rubrik Satzungen. Schade! Da hätte mehr kommen können. Zum Beispiel: Einwohnerbeteiligungsformwahrungseinzelheitensatzung. Das sind 52 Buchstaben. Das wäre doch mal was! Falls jemanden daran etwas nicht gefällt, dann könnte man ja einen Einwohnerbeteiligungsformwahrungseinzelheitensatzungänderungsantrag stellen. Mein Schreiberherz lacht: 67 Buchstaben.

Noch habe ich mir einen Rest Humor erhalten, auch wenn es nur Galgenhumor ist.

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Licht am Horizont

Freitag, 7. April
In meinem Briefkasten steckt ein Brief vom Ministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft. Ich bin ganz aufgeregt und stelle fest, dass meine Hände zittern, als ich den Umschlag aufreiße. Drei Seiten entdecke ich. Zwei davon mit Text und eine mit einer Luftaufnahme.

Was dann kommt, muss ich zweimal lesen. Da steht doch tatsächlich „ergibt sich nunmehr ein differenzierteres Bild“. Ich will kurz nachdenken, bevor ich mich weiter in den Text vertiefe. Das heißt dann doch wohl, dass die Sache irgendwie anders aussieht als vorher.

Und tatsächlich, im Originaltext geht es so weiter. „Auf dem anderen Teil der ehemaligen Baumschule sind die Pflanzen aufgrund der aufgegebenen Nutzung in einen Waldbestand übergegangen (durchgewachsen). Für diesen Teil wird durch die untere Forstbehörde nunmehr die Waldeigenschaft festgestellt. Die untere Forstbehörde wird den Eigentümer, die Stadt Wulfenfort, über die bestehende Waldeigenschaft für einen Teil der ehemaligen Baumschule informieren.
In beigefügter Anlage sind die Waldflächen rot und die Nichtwaldflächen blau umrandet dargestellt.
Die ehemalige Baumschule Heidenholz befindet sich in der Schutzzone III des Wasserschutzgebietes Wulfenfort (Verordnung zur Festsetzung des Wasserschutzgebietes). Zur rechtlichen Einordnung habe ich die oberste Wasserbehörde im Haus beteiligt. Zuständig für den Vollzug der o. g. Verordnung ist der Landkreis als untere Wasserbehörde. Bei diesem wurde im Mai 2016 eine Befreiung von den Verboten des Errichtens oder Erweiterns von Gartenbaubetrieben und des gewerblichen Gemüse- und Obstanbaus sowie die Errichtung eines Brunnens beantragt. Der Landkreis erteilte eine Befreiung, welche u. a. Nebenbestimmungen zur Düngung und zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln enthält. Der Landkreis (als untere Wasserbehörde und untere Naturschutzbehörde) ist bei dieser Entscheidung davon ausgegangen, dass es sich bei der beantragten Fläche zum Zeitpunkt der Antragstellung nicht um Wald handelt.
Da für Teile der ehemaligen Baumschule die Waldeigenschaft festgestellt wurde, ist der Antrag durch den Landkreis zu prüfen, denn die Umwandlung von Wald in eine andere Nutzungsart ist im Wasserschutzgebiet verboten.“

Ja! Klasse! Spitze! Wenn das neudeutsche Wort geil zu meinem Sprachgebrauch gehören würde, dann fände das hier ebenfalls Anwendung. Hier steht es schwarz auf weiß: Der Wald ist Wald und kann nicht einfach so abgeholzt werden! Ich bin hin und weg und könnte vor Freude laut singen. Sofort informiere ich die anderen Mitstreiter. Das sieht doch echt nach einem Sieg aus!

Ich kann in meiner Euphorie nicht ahnen, dass es nun zwar einen Lichtstreif am Horizont gibt, aber die Sache noch lange nicht in trockenen Tüchern ist. Der alte Goethe hatte wieder einmal Recht, als er sagte: „Glaube nur, du hast viel getan, wenn du dir Geduld gewöhnest an.“

Einige Tage später telefoniere ich mit jemand aus dem Ministerium, weil ich inzwischen von Haus aus misstrauisch geworden bin. Ich will noch einmal ganz sicher gehen, dass ich alles richtig verstanden habe. Man weiß ja nie bei dem Amtsdeutsch, denke ich mir. Und ja, ich gebe es, zu mein Glaube an das Gute im Menschen ist doch ziemlich erschüttert. Noch schlimmer sieht es aus, wenn ich über Vernunft und Verantwortung der Natur gegenüber nachdenke. Der Ministeriumsmitarbeiter sagt mir, ohne es zu beschönigen: „Frau Schreiber, ruhen sie sich auf diesem Brief nicht aus. Ich kann ihnen aus Erfahrung berichten, dass es für fast alle Sachen irgendwo noch eine Möglichkeit gibt, sie schlussendlich durchzudrücken. Seien sie wachsam!“

Na toll! Hat das denn niemals ein Ende?

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Trübe Gedanken

Freitag, 31.03.
Wenn ich so meine Tagebuchaufzeichnungen durchblättere, dann mag ich mich selber nicht leiden. Meist jammere ich rum. So bin ich doch eigentlich gar nicht! Oder doch?

Zumindest sind alle Bemühungen den Wald zu retten bisher ins Leere gegangen. Ich habe unzählige Mails von Leuten, die mich glauben machen wollen, dass alle Vorgänge rechtens gewesen wären. Ich kann das nicht nachvollzeihen. Es macht mich wütend und traurig. Dann gibt es dann noch die Post von verschiedenen Organisationen und Verbänden, die sagen, dass sie keine Möglichkeit zur Hilfe sehen und alles Gute wünschen. Wünsche bekomme ich viele. Für Kraft, fürs Durchhalten, für einen langen Atem. Einmal wird in einem Schreiben der Vorschlag gemacht, dass wir eine Menschenkette um den Wald bilden könnten. Das fand ich sehr süß. So eine Aktion schafft natürlich Aufsehen, aber leider nur für den Moment. Die Zeit ist es selbst, die gegen den Wald spielt. Schon jetzt sprechen mich die Leute an und denken, dass alles entschieden ist und man nichts mehr ändern kann. Wenn sie sich an den Gedanken gewöhnen, das Interesse verlieren und sich nur noch um ihren Kleinkram kümmern, dann stehen wir hier auf ziemlich verlorenen Posten.

Am Schlimmsten finde ich die Diskussionen, die damit Beginnen oder Enden, dass man ja sowieso nichts ändern kann. „Die da oben“, machen ja sowieso was sie wollen. Da könnte ich vor Wut platzen. Wer sind denn „die da oben“ bei unseren Stadtverordneten? Die haben wir doch erst gewählt! In der Hoffnung, dass sie unsere Interessen vertreten.
Hin wie her, meine Laune wird nicht besser. Ich fühle mich gestresst, unausgeglichen und habe zu nichts Lust. Der ewige Kampf gegen die Windmühlen schlaucht mich echt.

Dazu kommt noch, dass auf einmal die Gerüchteküche wieder zu brodeln beginnt. In der Stadt heißt es, dass der Erdbeermensch aufgeben wolle. Das ist leider nur ein kurzer Hoffnungsschimmer. Hier war möglicherweise der Wunsch der Vater des Gedanken. Meine kurze Euphorie verschwindet und weicht wieder diesem dumpfen Bekümmertsein.

Montag, 3. April
Ich muss mich schon selber loben, weil ich nicht die Beherrschung verliere als ich einige Tage später einen kleinen Artikel in der Zeitung entdecke, in dem steht, dass jetzt ein Beirat für das Heidenholz unter Leitung von Herrn Dr. Freundlich gebildet werden soll. Mitwirken sollen: der Tourismusverband, die Naturschutzstation, der Anglerverband, der Jagdverband, die Wasserbehörde und weitere. Alles Leute, die keinen Finger dafür krumm gemacht haben, dass unser Wald als Ganzes erhalten bleibt. Ich kann mich da nur noch in Sarkasmus retten: Wollen sie den Rest verwalten oder auch noch verscheuern?

Mittwoch, 5. April
Gestern hat der Stadtentwicklungsausschuss getagt. Leider konnte ich diesmal nicht an der öffentlichen Sitzung teilnehmen, weil ich bereits einen anderen Termin hatte, der nicht zu verschieben war. Daher kann ich mir nur erzählen lassen, was da passiert ist. Das Thema des Tages drehte sich um den Bau von Straßen und Wegen. Es wurde unter anderem die Frage gestellt, wie denn die Besucher zur Erdbeerpflückplantage kommen sollen. Auf denselben Wegen wie die Kinder, wenn sie im Sommer ins Schwimmbad fahren? Womöglich ist es kleinlich, auf solchen Sachen herumzureiten, aber man muss nach jedem Strohhalm greifen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Im Moment sieht es ganz so aus, als ob die Kommunalaufsicht nicht die geringste Lust hat, das Abstimmungsverfahren über den Verkauf irgendwie in Zweifel zu ziehen. Wahrscheinlich lachen die sich hinter unserem Rücken ins Fäustchen, weil so ein paar Bürger glauben, sie könnten erreichen, dass die ganze Sache aufgrund der fehlenden Informationen nochmals auf den Tisch kommt.

Ansonsten war wohl alles wie immer. Herr Fersenbein hat versucht, alle Fragen abzuwiegeln, Dr. Freundlich hat viel geredet und nichts gesagt und wenn Familie Reiter auf einer konkreten Antwort bestand, dann hat man sie informiert, dass sie eine schriftliche Antwort bekämen. Aber immerhin haben die uns wohlgesonnen Stadtverordneten durchgedrückt, dass in dem ominösen Beirat, der sich um die Entwicklung des Heidenholzes kümmern soll, auch Vertreter unserer Initiative aufgenommen werden sollen.

In der Wulfenforter Stadtzeitung heißt es dazu: „Den Antragstellern ist es besonders wichtig, auch die einfachen Bürgerinnen und Bürger, die ja schließlich die Hauptnutzer des Heidenholzes als Naherholungsgebiet sind, sowie Vereine und Initiativen an der Konzepterstellung und deren späteren Umsetzung zu beteiligen. Die Einwohner und Einwohnerinnen der Stadt sind ja auch die eigentlichen Eigentümer des Stadtwaldes.“

Na immerhin etwas, denke ich deprimiert. Ich kann ja noch nicht wissen, was ich am nächsten Tag in meinem Briefkasten finden werde.

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Bildquellenangabe: Wilhelmine Wulff  / pixelio.de

Konfuzius sagte …

Donnerstag, 30. März
Für eine Auftragsarbeit recherchiere ich nach asiatischen Weisheiten. Ich stolpere über so viele Aussprüche, die zur aktuellen Situation passen, dass es schon kein Zufall mehr sein kann. Konfuzius sagte beispielsweise: „Ein weiser Mann vertraut einem Menschen nicht nur aufgrund seiner Worte.“ Dumm ist nur, dass man dem, was in der Zeitung steht, oft großes Gewicht beimisst.

Da ich außerhalb des Stadtgebietes von Wulfenfort wohne, erhalte ich leider keine Druck-Exemplare unseres kostenlosen Wochenblattes. Irgendwie haben die Zusteller wohl keine Lust, sich auf den weiten Weg zu machen, um bei mir die regionalen Neuigkeiten in Papierform abzuliefern. So kommt es, dass ich erst einige Tage nach dem Erscheinen auf einen Online-Artikel stoße, der sich mit unserem innerstädtischen Zerwürfnis, wenn man es mal so nennen kann, beschäftig. Dort steht als fette Überschrift „Einige handeln rechtswidrig.“ Aus der Zwischenüberschrift kann der geneigte Leser erfahren, dass sich Wulfenforts Bürgermeister Felsentramp nun gegen Vorwürfe bezüglich des Verkaufs der früheren Baumschule Heidenholz wehrt.

Beim Lesen platzt mir wieder einmal der Kragen. Wenn man das so liest, dann ist der arme Mann ja völlig zu Unrecht unter Beschuss geraten. Da steht: „Es wird suggeriert, dass Waldflächen des Naherholungsgebietes im Stadtwald durch Abholzung den Bürgern entzogen werden. Dem ist nicht so, da die zum Verkauf stehende Fläche bisher der Öffentlichkeit aufgrund der wirtschaftlichen Nutzung nicht zugänglich war.“ Hallo? Wussten unser Bürgermeister und die Stadtverordneten nicht, dass ein Teil der Fläche öffentlich zugänglich ist? Davon konnten sich vor Kurzem die Teilnehmer unserer Wanderung mit eigenen Augen überzeugen. Wollen die echt etwas veräußern und wissen nicht, was sie tun? Auch hier kann Konfuzius etwas dazu sagen: „Die Vorbedingung für alles wirkliche Wissen ist ein präzises Unterscheidungsvermögen für die Grenze zwischen dem, was man wirklich weiß, und dem, was man bloß meint.“

Was mich aber noch viel mehr ärgert, ist eine andere Formulierung in dem besagten Zeitungsartikel: „Deshalb ist dem konkurrierenden Antragsteller eine benachbarte Fläche angeboten worden, um beiden Interessenten eine Realisierung ihrer Projekte zu ermöglichen. Dies ist jedoch mit der Begründung abgelehnt worden, dass es den Interessenten lediglich um die Verhinderung einer wirtschaftlichen Nachnutzung der ehemaligen Baumschulfläche geht.“

Mit dem Begriff konkurrierender Antragsteller bin dann ja wohl ich gemeint. Was für eine hässliche Wortkombination! Klingt irgendwie böse und ich muss mich beim Lesen regelrecht schütteln. Soll er doch, seine Erdbeeren pflanzen wo er will – nur nicht an die Stelle wo seit fast dreißig Jahren Bäume stehen! Als ob es mir darum geht ihm sein Geschäft zu verderben. Ich will doch einfach nur den Wald retten. Das Konzept, welches ich zur Unterstützung für meinen Pachtantrag eingereicht habe, braucht allerdings auch wirklich Sozialgebäude. Wenn dort so etwas wie eine Akademie entstehen sollte, dann benötigt man Räume, Toiletten, Wasser und Ähnliches. Was man mir als Ausgleichsfläche angeboten hat, ist einfach ein Stück Wald. „Was soll ich denn damit?“, habe ich damals gefragt. Und nun bin ich die Böse, die dem armen Investor nicht die Butter auf dem Brot gönnt. Konfuzius kann mich da auch nicht trösten: „Indem man über andere schlecht redet, macht man sich selber nicht besser.“ Ich lasse den Kopf hängen und bin ziemlich niedergeschmettert. Sehen mich die Leute so? Als einen Neidhammel, der scheel auf die Erfolge anderer blickt?

Irgendwie kann ich den Versuch unseres Bürgermeisters, die Sache aus seiner Sicht darzustellen, schon verstehen. Und wie ich das so denke, ärgere ich mich auch gleich darüber. Woher kommt nur dieses blöde Verständnis für Leute, die sich nicht einen Deut darum scheren, was sie unserem Wald antun werden? Fakt ist, ich darf jetzt nicht weich werden und einknicken. Wenn das alles nicht so an den Nerven zerren würde! Am liebsten würde ich allen Stadtverordneten mal per Mail ein weiteres Konfuzius-Zitat schicken: „Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.“

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Bildquellenangabe: marctwo  / pixelio.de

Ohne Wasser merkt euch das, wär ..

Dienstag, 28. März

In unserer Stadtzeitung erscheint ein Artikel, der die Überschrift „Links-Fraktion nahm Akteneinsicht“ trägt. Darin wird berichtet, dass die Wulfenforter Linken sich alle relevanten Unterlagen zum strittigen Verkauf der Baumschule Heidenholz angesehen haben. Weiterhin wird von der Klärung offener Fragen und auch von Meinungsunterschieden zum Gesamtvorgang gesprochen. Und dann taucht natürlich mein Lieblingssatzfragment auf: „Nicht öffentlich darüber reden.“ Toll, denke ich mir und bin sauer. Wir brauchen hier wohl einen örtlichen Whistleblower. Aber da kann ich sicher lange darauf warten. Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, was da hinter geschlossenen Türen so abgeht. Als Krimiautor würde ich vielleicht eine Idee haben, wie man trotz allem an die gewünschten Informationen kommt. Hätte ich mal bloß früher das Genre gewechselt.

Am gleichen Tag taucht im Internet noch ein langer Kommentar zur Stellungnahme unseres Bürgermeisters Felsentramp auf. Der hatte sich ja öffentlich gegen die Vorwürfe, die man ihm so gemacht hat, gewehrt und mit dem Staatsanwalt gedroht, weil doch irgendwer irgendwas verraten hatte. Keine Ahnung, was das gewesen sein sollte, es hat jedenfalls nicht genügt um die Abstimmung über den Verkauf platzen zu lassen. In dem Schreiben wird noch einmal alles aufgezählt, was wir schon so lange bemängeln. Und natürlich stellt man auch hier die Frage: „Was hat Felsentramp davon, wenn er so vehement den Verkauf befürwortet?“

Genau diese Gedanken haben wir schon zig Mal hin und her gewendet. Wir haben uns sogar Rat von einem Anwalt holen wollen. Der hatte aber wohl die Absicht uns in einen langen und nicht so wirklich aussichtsreichen Rechtsstreit zu verwickeln. Wer soll denn das bezahlen? Und mit langfristigen Verfahren ist uns nicht gedient. Bäume sind schnell gefällt. Daher haben wir diese Idee auch ziemlich schnell fallen gelassen. Vielleicht hatten wir auch den falschen Rechtsanwalt angesprochen. Oder wir haben unsere Sache nicht so rübergebracht, wie es der Sache dienlich war. Möglicherweise waren es mehrere Faktoren – es hat halt nicht gepasst.

Dann entdecke ich noch einen weiteren Artikel in der Regionalpresse, der mir beim Lesen glattweg einen Schlag in die Magengrube verpasst. Schon allein die Überschrift spricht all unseren Bedenken Hohn: „Kein Einwand aus Umwelt-Sicht“. Es wird berichtet, dass der geplante Verkauf der ehemaligen Baumschule Heidenholz schon vor der Abstimmung die Untere Naturschutzbehörde und die Untere Wasserbehörde beschäftigt hätte. Es gäbe zwar kein Umweltgutachten, aber grundsätzlich auch keine Bedenken. Man hat nur darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Gelände um ein Trinkwasserschutzgebiet handele. Daher musste sich der Investor vor seinem Kaufantrag auch mit der Unteren Wasserbehörde in Verbindung setzen. Punkt. Aus. Ende.

Ja sind die denn von allen guten Geistern verlassen? Eine konventionelle Obstplantage im Trinkwasserschutzgebiet und dafür sind „keine umweltrelevante, genehmigungsbedürftige Sachverhalte erkennbar“, wie die Zeitung zudem berichtet.

Wie gerechtfertigt meine Empörung ist, kann ich einige Tage später im Internet nachlesen. Da steht mit fetten Buchstaben: „EU verklagt Deutschland wegen mangelnden Grundwasserschutzes“. Weiter heißt es: „Wegen steigender Nitratwerte im Grundwasser muss sich Deutschland dem Europäischen Gerichtshof stellen. Bei einer Verurteilung drohen Geldstrafen in sechsstelliger Höhe.“ Und später folgt dann noch: „Als eine Ursache für die hohen Nitratwerte in Deutschland gelten zu lasche Regeln für den Umgang mit Gülle und Kunstdünger. Nitrat ist für das Pflanzenwachstum von entscheidender Bedeutung“. Man beachte die Formulierung: “ Zu lasche Regeln“. Schöne Grüße an unsere untere Wasserbehörde!

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Bildquellenangabe: Grace Winter  / pixelio.de

Nicht mehr allein im Wald

Mittwoch 22.03.
Weil keiner von uns an der offiziellen Försterwanderung teilnehmen konnte, beschließen wir kurzentschlossen, eine eigene Wanderung zu machen. Damit sollen die Bewohner unserer Stadt für das Thema sensibilisiert werde, wie man das heute so schön ausdrückt. Außerdem wollen wir im Gespräch bleiben, denn unsere Angst ist es, dass man die Sache mit dem Heidenholz einfach vergisst. Schließlich hat man in Wulfenfort auch noch andere Probleme als den Wald zu retten. Daher blasen wir wieder einmal zum Angriff und nutzen die sozialen Medien, um unser Anliegen zu verbreiten. Zum Glück können wir auch die Stadtzeitung und die Lokalpresse dafür gewinnen, unsere Einladung bekanntzumachen.

Im Vorfeld haben wir ganz schön zu tun und zu überlegen. Wer übernimmt die Führung und erzählt den Leuten etwas? Schließt uns jemand die derzeit eingezäunte Fläche der alten Baumschule auf? Darf man da eigentlich langlaufen? Welche Wege wählen wir im frei zugänglichen Areal? Und auch ganz profane Sachen kommen zur Sprache. Wer backt Kuchen? Tee oder Kaffee? Plastegeschirr? Das wird gleich abgewählt. Bloß keinen Müll im Wald machen. Jeder von uns stellt einige Tassen bereit, es wird schon reichen. Wir sind voller Aktionismus und haben doch etwas Sorge, ob überhaupt jemand kommt.
Das Ergebnis ist überwältigend.

Samstag 25.03.
Ganz egal, welche Zeitung Recht hat, die Meldungen im Nachhinein lauten 90 beziehungsweise über 100 Teilnehmer. Wir sind begeistert, dass so viele Leute unserer Einladung gefolgt sind. Darunter findet man auch etliche Stadtverordnete. Einige von ihnen sehen das Areal, über dessen Verkauf sie vor einiger Zeit abgestimmt haben, zu ersten Mal. Ich enthalte mich sicherheitshalber jeden Kommentars, als man mir das erzählt. Sogar Dr. Freundlich hat sich aufgemacht um sich unter die Menge zu mischen. Das muss man ihm wohl hoch anrechnen. Schließlich ist er der Stellvertreter des Bürgermeisters, der unsere Aktion sicher nicht toll findet. Vielleicht will er aber auch nur wissen, was wir weiter vorhaben. Ich weiß, dass ich inzwischen irgendwie unter Paranoia leide, aber die ganze Sache hat mich so misstrauisch gemacht, dass ich schon überall Spitzbüberei wittere. Die meisten der Anwesenden stehen unserem Anliegen, die alte Baumschule Heidenholz für Wulfenfort zu erhalten, positiv gegenüber. Immer wieder taucht die Frage auf, wo man denn unterschreiben könne. Also machen wir eine Unterschriftenliste, für Leute, die sich da eintragen wollen. Da kommen doch viele Unterstützer zusammen. Das ist ein gutes Gefühl.

Einige Tage später wird allerdings in der Lokalpresse ein Satz stehen, der sich mir schwer auf die Seele legt. Hier wird das Motto unserer Aktion wie folgt beschrieben: Ansehen, was beim schon beschlossenen Verkauf der Fläche verlorengeht. Genau das trifft voll ins Schwarze. Da nützen die vielen Unterschriften, die zustimmenden Worte, wütende Leserbriefe und etliche Unterstützer nicht viel. Wenn nicht ein Wunder geschieht, können wir hier auf und nieder hüpfen, wie wir wollen. Fakt ist, die Stadtverordneten haben aus Unkenntnis oder warum-auch-immer beschlossen, das Areal zu veräußern. Der Käufer hat vor aus dem Gelände eine Erdbeerplantage zu machen. Nun kann man nicht einfach hingehen und sagen, dass uns dieser Beschluss nicht passt und sie sollen doch noch einmal zu unseren Gunsten abstimmen. Dummerweise geht das mit der Demokratie nicht so. Das sieht man ja eindeutig am Brexit. Wahrscheinlich würden die Engländer jetzt auch anders abstimmen und doch in der EU bleiben.

Die Zeitung schreibt noch etwas, was meine kurzzeitigen Sympathiegefühle für Dr. Freundlich weiter dämpft. Er nimmt zum Verkauf selbst grundsätzlich keine Stellung, weil das ja nicht in seine Zuständigkeit falle. Aber er lässt verlauten, dass die Vorgänge rund um den Verkauf aufgearbeitet werden müssten. Na da bin ich ja mal gespannt (und warte ein halbes Jahr später immer noch darauf). Außerdem würde er an einem Gesamtkonzept für die Nutzung des vollständigen Waldgebietes der Stadt Wulfenfort arbeiten. Dieses würde alles umfassen und nicht nur den kleinen Teil der ehemaligen Baumschule Heidenholz. Grundsätzlich ist da ja nichts dagegen zu sagen. Aber warum redet er nicht mit uns darüber?

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Bildquellenangabe:        Bettina Stolze  / pixelio.de