Wie ich den Wald retten wollte – fiktives Tagebuch aus einer brandenburgischen Kleinstadt

Prolog:

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Trübe Gedanken

Freitag, 31.03.
Wenn ich so meine Tagebuchaufzeichnungen durchblättere, dann mag ich mich selber nicht leiden. Meist jammere ich rum. So bin ich doch eigentlich gar nicht! Oder doch?

Zumindest sind alle Bemühungen den Wald zu retten bisher ins Leere gegangen. Ich habe unzählige Mails von Leuten, die mich glauben machen wollen, dass alle Vorgänge rechtens gewesen wären. Ich kann das nicht nachvollzeihen. Es macht mich wütend und traurig. Dann gibt es dann noch die Post von verschiedenen Organisationen und Verbänden, die sagen, dass sie keine Möglichkeit zur Hilfe sehen und alles Gute wünschen. Wünsche bekomme ich viele. Für Kraft, fürs Durchhalten, für einen langen Atem. Einmal wird in einem Schreiben der Vorschlag gemacht, dass wir eine Menschenkette um den Wald bilden könnten. Das fand ich sehr süß. So eine Aktion schafft natürlich Aufsehen, aber leider nur für den Moment. Die Zeit ist es selbst, die gegen den Wald spielt. Schon jetzt sprechen mich die Leute an und denken, dass alles entschieden ist und man nichts mehr ändern kann. Wenn sie sich an den Gedanken gewöhnen, das Interesse verlieren und sich nur noch um ihren Kleinkram kümmern, dann stehen wir hier auf ziemlich verlorenen Posten.

Am Schlimmsten finde ich die Diskussionen, die damit Beginnen oder Enden, dass man ja sowieso nichts ändern kann. „Die da oben“, machen ja sowieso was sie wollen. Da könnte ich vor Wut platzen. Wer sind denn „die da oben“ bei unseren Stadtverordneten? Die haben wir doch erst gewählt! In der Hoffnung, dass sie unsere Interessen vertreten.
Hin wie her, meine Laune wird nicht besser. Ich fühle mich gestresst, unausgeglichen und habe zu nichts Lust. Der ewige Kampf gegen die Windmühlen schlaucht mich echt.

Dazu kommt noch, dass auf einmal die Gerüchteküche wieder zu brodeln beginnt. In der Stadt heißt es, dass der Erdbeermensch aufgeben wolle. Das ist leider nur ein kurzer Hoffnungsschimmer. Hier war möglicherweise der Wunsch der Vater des Gedanken. Meine kurze Euphorie verschwindet und weicht wieder diesem dumpfen Bekümmertsein.

Montag, 3. April
Ich muss mich schon selber loben, weil ich nicht die Beherrschung verliere als ich einige Tage später einen kleinen Artikel in der Zeitung entdecke, in dem steht, dass jetzt ein Beirat für das Heidenholz unter Leitung von Herrn Dr. Freundlich gebildet werden soll. Mitwirken sollen: der Tourismusverband, die Naturschutzstation, der Anglerverband, der Jagdverband, die Wasserbehörde und weitere. Alles Leute, die keinen Finger dafür krumm gemacht haben, dass unser Wald als Ganzes erhalten bleibt. Ich kann mich da nur noch in Sarkasmus retten: Wollen sie den Rest verwalten oder auch noch verscheuern?

Mittwoch, 5. April
Gestern hat der Stadtentwicklungsausschuss getagt. Leider konnte ich diesmal nicht an der öffentlichen Sitzung teilnehmen, weil ich bereits einen anderen Termin hatte, der nicht zu verschieben war. Daher kann ich mir nur erzählen lassen, was da passiert ist. Das Thema des Tages drehte sich um den Bau von Straßen und Wegen. Es wurde unter anderem die Frage gestellt, wie denn die Besucher zur Erdbeerpflückplantage kommen sollen. Auf denselben Wegen wie die Kinder, wenn sie im Sommer ins Schwimmbad fahren? Womöglich ist es kleinlich, auf solchen Sachen herumzureiten, aber man muss nach jedem Strohhalm greifen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Im Moment sieht es ganz so aus, als ob die Kommunalaufsicht nicht die geringste Lust hat, das Abstimmungsverfahren über den Verkauf irgendwie in Zweifel zu ziehen. Wahrscheinlich lachen die sich hinter unserem Rücken ins Fäustchen, weil so ein paar Bürger glauben, sie könnten erreichen, dass die ganze Sache aufgrund der fehlenden Informationen nochmals auf den Tisch kommt.

Ansonsten war wohl alles wie immer. Herr Fersenbein hat versucht, alle Fragen abzuwiegeln, Dr. Freundlich hat viel geredet und nichts gesagt und wenn Familie Reiter auf einer konkreten Antwort bestand, dann hat man sie informiert, dass sie eine schriftliche Antwort bekämen. Aber immerhin haben die uns wohlgesonnen Stadtverordneten durchgedrückt, dass in dem ominösen Beirat, der sich um die Entwicklung des Heidenholzes kümmern soll, auch Vertreter unserer Initiative aufgenommen werden sollen.

In der Wulfenforter Stadtzeitung heißt es dazu: „Den Antragstellern ist es besonders wichtig, auch die einfachen Bürgerinnen und Bürger, die ja schließlich die Hauptnutzer des Heidenholzes als Naherholungsgebiet sind, sowie Vereine und Initiativen an der Konzepterstellung und deren späteren Umsetzung zu beteiligen. Die Einwohner und Einwohnerinnen der Stadt sind ja auch die eigentlichen Eigentümer des Stadtwaldes.“

Na immerhin etwas, denke ich deprimiert. Ich kann ja noch nicht wissen, was ich am nächsten Tag in meinem Briefkasten finden werde.

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Bildquellenangabe: Wilhelmine Wulff  / pixelio.de

Konfuzius sagte …

Donnerstag, 30. März
Für eine Auftragsarbeit recherchiere ich nach asiatischen Weisheiten. Ich stolpere über so viele Aussprüche, die zur aktuellen Situation passen, dass es schon kein Zufall mehr sein kann. Konfuzius sagte beispielsweise: „Ein weiser Mann vertraut einem Menschen nicht nur aufgrund seiner Worte.“ Dumm ist nur, dass man dem, was in der Zeitung steht, oft großes Gewicht beimisst.

Da ich außerhalb des Stadtgebietes von Wulfenfort wohne, erhalte ich leider keine Druck-Exemplare unseres kostenlosen Wochenblattes. Irgendwie haben die Zusteller wohl keine Lust, sich auf den weiten Weg zu machen, um bei mir die regionalen Neuigkeiten in Papierform abzuliefern. So kommt es, dass ich erst einige Tage nach dem Erscheinen auf einen Online-Artikel stoße, der sich mit unserem innerstädtischen Zerwürfnis, wenn man es mal so nennen kann, beschäftig. Dort steht als fette Überschrift „Einige handeln rechtswidrig.“ Aus der Zwischenüberschrift kann der geneigte Leser erfahren, dass sich Wulfenforts Bürgermeister Felsentramp nun gegen Vorwürfe bezüglich des Verkaufs der früheren Baumschule Heidenholz wehrt.

Beim Lesen platzt mir wieder einmal der Kragen. Wenn man das so liest, dann ist der arme Mann ja völlig zu Unrecht unter Beschuss geraten. Da steht: „Es wird suggeriert, dass Waldflächen des Naherholungsgebietes im Stadtwald durch Abholzung den Bürgern entzogen werden. Dem ist nicht so, da die zum Verkauf stehende Fläche bisher der Öffentlichkeit aufgrund der wirtschaftlichen Nutzung nicht zugänglich war.“ Hallo? Wussten unser Bürgermeister und die Stadtverordneten nicht, dass ein Teil der Fläche öffentlich zugänglich ist? Davon konnten sich vor Kurzem die Teilnehmer unserer Wanderung mit eigenen Augen überzeugen. Wollen die echt etwas veräußern und wissen nicht, was sie tun? Auch hier kann Konfuzius etwas dazu sagen: „Die Vorbedingung für alles wirkliche Wissen ist ein präzises Unterscheidungsvermögen für die Grenze zwischen dem, was man wirklich weiß, und dem, was man bloß meint.“

Was mich aber noch viel mehr ärgert, ist eine andere Formulierung in dem besagten Zeitungsartikel: „Deshalb ist dem konkurrierenden Antragsteller eine benachbarte Fläche angeboten worden, um beiden Interessenten eine Realisierung ihrer Projekte zu ermöglichen. Dies ist jedoch mit der Begründung abgelehnt worden, dass es den Interessenten lediglich um die Verhinderung einer wirtschaftlichen Nachnutzung der ehemaligen Baumschulfläche geht.“

Mit dem Begriff konkurrierender Antragsteller bin dann ja wohl ich gemeint. Was für eine hässliche Wortkombination! Klingt irgendwie böse und ich muss mich beim Lesen regelrecht schütteln. Soll er doch, seine Erdbeeren pflanzen wo er will – nur nicht an die Stelle wo seit fast dreißig Jahren Bäume stehen! Als ob es mir darum geht ihm sein Geschäft zu verderben. Ich will doch einfach nur den Wald retten. Das Konzept, welches ich zur Unterstützung für meinen Pachtantrag eingereicht habe, braucht allerdings auch wirklich Sozialgebäude. Wenn dort so etwas wie eine Akademie entstehen sollte, dann benötigt man Räume, Toiletten, Wasser und Ähnliches. Was man mir als Ausgleichsfläche angeboten hat, ist einfach ein Stück Wald. „Was soll ich denn damit?“, habe ich damals gefragt. Und nun bin ich die Böse, die dem armen Investor nicht die Butter auf dem Brot gönnt. Konfuzius kann mich da auch nicht trösten: „Indem man über andere schlecht redet, macht man sich selber nicht besser.“ Ich lasse den Kopf hängen und bin ziemlich niedergeschmettert. Sehen mich die Leute so? Als einen Neidhammel, der scheel auf die Erfolge anderer blickt?

Irgendwie kann ich den Versuch unseres Bürgermeisters, die Sache aus seiner Sicht darzustellen, schon verstehen. Und wie ich das so denke, ärgere ich mich auch gleich darüber. Woher kommt nur dieses blöde Verständnis für Leute, die sich nicht einen Deut darum scheren, was sie unserem Wald antun werden? Fakt ist, ich darf jetzt nicht weich werden und einknicken. Wenn das alles nicht so an den Nerven zerren würde! Am liebsten würde ich allen Stadtverordneten mal per Mail ein weiteres Konfuzius-Zitat schicken: „Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.“

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Bildquellenangabe: marctwo  / pixelio.de

Ohne Wasser merkt euch das, wär ..

Dienstag, 28. März

In unserer Stadtzeitung erscheint ein Artikel, der die Überschrift „Links-Fraktion nahm Akteneinsicht“ trägt. Darin wird berichtet, dass die Wulfenforter Linken sich alle relevanten Unterlagen zum strittigen Verkauf der Baumschule Heidenholz angesehen haben. Weiterhin wird von der Klärung offener Fragen und auch von Meinungsunterschieden zum Gesamtvorgang gesprochen. Und dann taucht natürlich mein Lieblingssatzfragment auf: „Nicht öffentlich darüber reden.“ Toll, denke ich mir und bin sauer. Wir brauchen hier wohl einen örtlichen Whistleblower. Aber da kann ich sicher lange darauf warten. Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, was da hinter geschlossenen Türen so abgeht. Als Krimiautor würde ich vielleicht eine Idee haben, wie man trotz allem an die gewünschten Informationen kommt. Hätte ich mal bloß früher das Genre gewechselt.

Am gleichen Tag taucht im Internet noch ein langer Kommentar zur Stellungnahme unseres Bürgermeisters Felsentramp auf. Der hatte sich ja öffentlich gegen die Vorwürfe, die man ihm so gemacht hat, gewehrt und mit dem Staatsanwalt gedroht, weil doch irgendwer irgendwas verraten hatte. Keine Ahnung, was das gewesen sein sollte, es hat jedenfalls nicht genügt um die Abstimmung über den Verkauf platzen zu lassen. In dem Schreiben wird noch einmal alles aufgezählt, was wir schon so lange bemängeln. Und natürlich stellt man auch hier die Frage: „Was hat Felsentramp davon, wenn er so vehement den Verkauf befürwortet?“

Genau diese Gedanken haben wir schon zig Mal hin und her gewendet. Wir haben uns sogar Rat von einem Anwalt holen wollen. Der hatte aber wohl die Absicht uns in einen langen und nicht so wirklich aussichtsreichen Rechtsstreit zu verwickeln. Wer soll denn das bezahlen? Und mit langfristigen Verfahren ist uns nicht gedient. Bäume sind schnell gefällt. Daher haben wir diese Idee auch ziemlich schnell fallen gelassen. Vielleicht hatten wir auch den falschen Rechtsanwalt angesprochen. Oder wir haben unsere Sache nicht so rübergebracht, wie es der Sache dienlich war. Möglicherweise waren es mehrere Faktoren – es hat halt nicht gepasst.

Dann entdecke ich noch einen weiteren Artikel in der Regionalpresse, der mir beim Lesen glattweg einen Schlag in die Magengrube verpasst. Schon allein die Überschrift spricht all unseren Bedenken Hohn: „Kein Einwand aus Umwelt-Sicht“. Es wird berichtet, dass der geplante Verkauf der ehemaligen Baumschule Heidenholz schon vor der Abstimmung die Untere Naturschutzbehörde und die Untere Wasserbehörde beschäftigt hätte. Es gäbe zwar kein Umweltgutachten, aber grundsätzlich auch keine Bedenken. Man hat nur darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Gelände um ein Trinkwasserschutzgebiet handele. Daher musste sich der Investor vor seinem Kaufantrag auch mit der Unteren Wasserbehörde in Verbindung setzen. Punkt. Aus. Ende.

Ja sind die denn von allen guten Geistern verlassen? Eine konventionelle Obstplantage im Trinkwasserschutzgebiet und dafür sind „keine umweltrelevante, genehmigungsbedürftige Sachverhalte erkennbar“, wie die Zeitung zudem berichtet.

Wie gerechtfertigt meine Empörung ist, kann ich einige Tage später im Internet nachlesen. Da steht mit fetten Buchstaben: „EU verklagt Deutschland wegen mangelnden Grundwasserschutzes“. Weiter heißt es: „Wegen steigender Nitratwerte im Grundwasser muss sich Deutschland dem Europäischen Gerichtshof stellen. Bei einer Verurteilung drohen Geldstrafen in sechsstelliger Höhe.“ Und später folgt dann noch: „Als eine Ursache für die hohen Nitratwerte in Deutschland gelten zu lasche Regeln für den Umgang mit Gülle und Kunstdünger. Nitrat ist für das Pflanzenwachstum von entscheidender Bedeutung“. Man beachte die Formulierung: “ Zu lasche Regeln“. Schöne Grüße an unsere untere Wasserbehörde!

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Bildquellenangabe: Grace Winter  / pixelio.de

Nicht mehr allein im Wald

Mittwoch 22.03.
Weil keiner von uns an der offiziellen Försterwanderung teilnehmen konnte, beschließen wir kurzentschlossen, eine eigene Wanderung zu machen. Damit sollen die Bewohner unserer Stadt für das Thema sensibilisiert werde, wie man das heute so schön ausdrückt. Außerdem wollen wir im Gespräch bleiben, denn unsere Angst ist es, dass man die Sache mit dem Heidenholz einfach vergisst. Schließlich hat man in Wulfenfort auch noch andere Probleme als den Wald zu retten. Daher blasen wir wieder einmal zum Angriff und nutzen die sozialen Medien, um unser Anliegen zu verbreiten. Zum Glück können wir auch die Stadtzeitung und die Lokalpresse dafür gewinnen, unsere Einladung bekanntzumachen.

Im Vorfeld haben wir ganz schön zu tun und zu überlegen. Wer übernimmt die Führung und erzählt den Leuten etwas? Schließt uns jemand die derzeit eingezäunte Fläche der alten Baumschule auf? Darf man da eigentlich langlaufen? Welche Wege wählen wir im frei zugänglichen Areal? Und auch ganz profane Sachen kommen zur Sprache. Wer backt Kuchen? Tee oder Kaffee? Plastegeschirr? Das wird gleich abgewählt. Bloß keinen Müll im Wald machen. Jeder von uns stellt einige Tassen bereit, es wird schon reichen. Wir sind voller Aktionismus und haben doch etwas Sorge, ob überhaupt jemand kommt.
Das Ergebnis ist überwältigend.

Samstag 25.03.
Ganz egal, welche Zeitung Recht hat, die Meldungen im Nachhinein lauten 90 beziehungsweise über 100 Teilnehmer. Wir sind begeistert, dass so viele Leute unserer Einladung gefolgt sind. Darunter findet man auch etliche Stadtverordnete. Einige von ihnen sehen das Areal, über dessen Verkauf sie vor einiger Zeit abgestimmt haben, zu ersten Mal. Ich enthalte mich sicherheitshalber jeden Kommentars, als man mir das erzählt. Sogar Dr. Freundlich hat sich aufgemacht um sich unter die Menge zu mischen. Das muss man ihm wohl hoch anrechnen. Schließlich ist er der Stellvertreter des Bürgermeisters, der unsere Aktion sicher nicht toll findet. Vielleicht will er aber auch nur wissen, was wir weiter vorhaben. Ich weiß, dass ich inzwischen irgendwie unter Paranoia leide, aber die ganze Sache hat mich so misstrauisch gemacht, dass ich schon überall Spitzbüberei wittere. Die meisten der Anwesenden stehen unserem Anliegen, die alte Baumschule Heidenholz für Wulfenfort zu erhalten, positiv gegenüber. Immer wieder taucht die Frage auf, wo man denn unterschreiben könne. Also machen wir eine Unterschriftenliste, für Leute, die sich da eintragen wollen. Da kommen doch viele Unterstützer zusammen. Das ist ein gutes Gefühl.

Einige Tage später wird allerdings in der Lokalpresse ein Satz stehen, der sich mir schwer auf die Seele legt. Hier wird das Motto unserer Aktion wie folgt beschrieben: Ansehen, was beim schon beschlossenen Verkauf der Fläche verlorengeht. Genau das trifft voll ins Schwarze. Da nützen die vielen Unterschriften, die zustimmenden Worte, wütende Leserbriefe und etliche Unterstützer nicht viel. Wenn nicht ein Wunder geschieht, können wir hier auf und nieder hüpfen, wie wir wollen. Fakt ist, die Stadtverordneten haben aus Unkenntnis oder warum-auch-immer beschlossen, das Areal zu veräußern. Der Käufer hat vor aus dem Gelände eine Erdbeerplantage zu machen. Nun kann man nicht einfach hingehen und sagen, dass uns dieser Beschluss nicht passt und sie sollen doch noch einmal zu unseren Gunsten abstimmen. Dummerweise geht das mit der Demokratie nicht so. Das sieht man ja eindeutig am Brexit. Wahrscheinlich würden die Engländer jetzt auch anders abstimmen und doch in der EU bleiben.

Die Zeitung schreibt noch etwas, was meine kurzzeitigen Sympathiegefühle für Dr. Freundlich weiter dämpft. Er nimmt zum Verkauf selbst grundsätzlich keine Stellung, weil das ja nicht in seine Zuständigkeit falle. Aber er lässt verlauten, dass die Vorgänge rund um den Verkauf aufgearbeitet werden müssten. Na da bin ich ja mal gespannt (und warte ein halbes Jahr später immer noch darauf). Außerdem würde er an einem Gesamtkonzept für die Nutzung des vollständigen Waldgebietes der Stadt Wulfenfort arbeiten. Dieses würde alles umfassen und nicht nur den kleinen Teil der ehemaligen Baumschule Heidenholz. Grundsätzlich ist da ja nichts dagegen zu sagen. Aber warum redet er nicht mit uns darüber?

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Bildquellenangabe:        Bettina Stolze  / pixelio.de

Von Vögeln und Schokolade

Donnerstag 16.03.
Wir sind immer noch auf der Suche nach einem Grund, den Verkauf des Heidenholzes zu verhindern. Darum haben wir einen befreundeten Ornithologen gebeten mal nachzuschauen, ob sich dort nicht eventuell gefährdete Vögel finden lassen. Zu unserem Pech ergab diese Recherche 18 verschiedene Vogelarten bei nur einer Begehung, allerdings gehörte keine davon in die Rubrik der streng geschützten Arten oder gar der Rote Liste Brandenburg. Man hat zwar einen Rotmilan kreisen sehen, aber der hatte sich leider noch für keinen Brutplatz bei uns entschieden. Mir kommt kurz der Gedanke, so etwas einfach mal zu behaupten, aber der Trick würde uns zweifellos auch nicht wirklich weiterhelfen.

Samstag 18.03.
Die Affäre schlägt weiter Wellen und das ist gut so. Viele Leute finden gerade am Wochenende mehr Zeit als sonst, um mal die Zeitung etwas ausführlicher zu lesen. Daher freut es mich besonders, als ich einen langen Leserbrief zum Thema im Lokalblatt entdecke. Darin werden alle Sachen, die ich mal so salopp als nicht koscher bezeichnen würde, schön hintereinander aufgelistet. Unser Bürgermeister Felsentramp und die ganze Stadtverwaltung kommen bei dieser Aufzählung nicht so gut weg. Der Text hat Feuer und ich bin wieder einmal frohen Mutes. Dummerweise hält das natürlich wie gehabt nicht ewig an. Inzwischen bin ich Großverbraucher für Nussschokolade geworden. Die Begründung, dass ich das für meine Nerven brauche, stimmt zwar, aber meine Hüften sehen das ganz anders.

Montag 20.3.
Im Heidenholz findet heute eine offizielle Försterwanderung statt. Ich ärgere mich. Montags 14:00 Uhr ist ein Termin, den man ja als Nicht-Rentner problemlos wahrnehmen kann. Wer denkt sich sowas aus? Daher muss ich leider auf den entsprechenden Bericht in der Zeitung zurückgreifen. Schade, denn Dr. Freundlich war auch bei dieser Waldwanderung dabei. Als ich lese, was der gegenüber dem Journalisten geäußert hat, bin ich allerdings wieder einmal platt. Er behauptet doch glatt, dass er an einer Strategie für das gesamte Waldgebiet Heidenholz arbeitet. Hat er doch nicht immer versichert, dass das nicht in sein Arbeitsgebiet fällt. Ich habe ihm das zwar nie abgenommen, aber immerhin hat er es mehrmals so verlauten lassen. Und dann lässt er noch die reizende Bemerkung fallen, in und um Wulfenfort gäbe es ja nicht so viel Wald. Der macht mir Spaß! Warum wird dann ein Stück verkauft? Das erfahre ich nicht, denn der letzte Satz im Artikel lautet: “ Zu den jüngsten Diskussionen um den Verkauf der alten Baumschule nahm er keine Stellung.“ Das hätte mich ja auch gewundert, brumme ich vor mich hin.

Natürlich tauschen wir uns auch untereinander über diesen Zeitungsartikel aus. Alle Mitstreiter finden, dass die Wanderung an einem Montagnachmittag zu veranstalten, entweder ein Missgriff oder ein gewollter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit war. Das können wir besser, ist die einhellige Meinung und so blasen wir zur Attacke. Die Idee ist ganz einfach: Wir machen ebenfalls eine Waldwanderung, um die Leute zum Thema Heidenholz aus unserer Sicht zu informieren.

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Bildquellenangabe:        RainerSturm  / pixelio.de

Der Bürgermeister schießt zurück

Dienstag, 14.03.
Gestern noch hatte ich tatsächlich etwas Mitleid mit unserem Bürgermeister. Warum und wieso hat er sich denn nur in diese Situation hineinmanövriert? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er gewusst hat, was er da anrichtet und für eine Lawine lostritt, der Arme.

Ha! Der Arme? Meine philanthropische Neigung verlässt mich sofort am nächsten Tag. Auf der Internetseite unserer Stadt wird ein Artikel veröffentlicht, der die Überschrift trägt: Stellungnahme des Bürgermeisters zu den Vorwürfen aus Veröffentlichungen.
Das Ganze ist als Leserbrief abgefasst, indem sich Herr Felsentramp vehement gegen die öffentlichen Vorwürfe verteidigt. Er hat niemanden hinter das Licht geführt, keine kommunalrechtlichen Bestimmungen ausgehebelt und der Gleichen. Ich kommentiere diese Worte schon beim Lesen mit empörten Bemerkungen. Wenn es heißt, dass alle Unterlagen vorliegen und sie das dann doch nicht tun, dann ist das doch nicht korrekt.
Dann wirft er einigen kritischen Abgeordneten auch noch Lügen vor. Ich brubble vor mich hin, dass ich den, der der lügt wohl kenne. Das Schreiben geht in diesem Ton weiter und auch mein letzter Rest Mitleid mit dem Bürgermeister verfliegt. Er beklagt sich, dass Informationen aus dem nichtöffentlichen Teil nach außen gedrungen sind und die Verschwiegenheitspflicht verletzt wurde.

Arrgh. Da ist es wieder einer meiner neuen Lieblingsbegriffe: nichtöffentlich. Ich kann kaum beschreiben, was dieses Wort in mir auslöst! Unter den Leuten, die sich gegen den Verkauf der Baumschule Heidenholz engagieren, gilt es inzwischen als „Running Gag“, diesen Ausdruck zu verwenden. Wenn der Hintergrund nicht so deprimierend wäre, dann könnte man es glatt echt lustig finden. Aber mir bleibt dabei das Lachen irgendwie im Halse stecken.

Jedoch zurück zur Stellungnahme des Bürgermeisters. Er unterstellt einigen der ehrenamtlichen Stadtverordneten, sie würden mit dem Thema Wahlkampf betreiben. Bei diesem Satz fällt mir doch wahrhaftig erst ein, dass wir im September nicht nur für den Bundestag, sondern auch einen neuen Bürgermeister wählen. Ich bin halt politisch doch ein ziemlicher Blindgänger, muss ich wieder einmal eingestehen. Ist da was dran? Ist das Heidenholz ein potentielles Wahlkampfthema? Und will Felsentramp auch nach 27 Jahren Amtszeit noch einmal antreten? Ich wusste gar nicht, dass er wirklich so lange Bürgermeister war. Irgendwie habe ich gedacht, dass da eher so eine rhetorische Sache war, wenn man über seinen langen Vorsitz sprach. Und wenn er nicht mehr kandidiert, warum verschafft er sich dann so einen Abgang?

Bevor ich weiter darüber nachgrüble, stolpere ich über den nächsten Satz. Mein kurzzeitiges Mitleid war echt fehl am Platz. Da steht doch tatsächlich, dass er diesem Treiben entgegenwirken will und mittels einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Prüfung vornehmen lassen wird. Mir fehlt jetzt echt noch das Wort Geheimnisverrat. Schade, dass hätte die Angelegenheit dramatischer gemacht. Aber immerhin: Ein Bürgermeister der seinen eigenen Abgeordneten den Staatsanwalt auf den Hals hetzt. Sowas brillantes hab ich mir in meinen Romanen noch nie ausgedacht. Das Leben ist halt voller Überraschungen. Aber ist die ganze Sache nicht etwas unklug? Eigentlich ermittelt doch eine solche Behörde immer in alle Richtungen. Ob ihm das nicht irgendwie am Ende auf dem Fuß fallen würde? Wenn er das machen muss, dann ist das so, denke ich mir, zucke mit den Schultern und lese weiter.

Dabei wechsle ich zum Kopfschütteln als Körpersprache. So schreibt er doch tatsächlich, dass er bisher zu allen Vorwürfen in den Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung Stellung bezogen hat. Was hat er denn für ein Selbstbild, frage ich mich erstaunt? Ich kann mich an ganz viele Antworten erinnern die entweder „weiß ich nicht“ lauteten, den Begriff „nichtöffentlich“ enthielten oder auf eine spätere schriftliche Antwort verwiesen. (Manche meiner Mitstreiter warten heute noch drauf.)

Einige Tage später erscheint in einer Regionalzeitung ein Interview mit dem Bürgermeister, welches den gleichen Tenor hat. Da ich weiß, dass der Journalist als Hofberichterstatter aus dem Wulfenforter Rathaus gilt, wundere ich mich nicht darüber. Was mich aber auf die Palme bringt, ist der letzte Absatz dieses Artikels.

Da steht, dass dem konkurrierenden Antragsteller eine benachbarte Fläche angeboten wurde. Also das bin ja in dem Fall ICH. Und das hat man ja auch. Stimmt. Weitergeht es mit der Begründung, dass amn beiden Interessenten eine Realisierung ihrer Projekte zu ermöglichen wolle. Also mir und dem Erdbeerfritzen in freundlicher Nachbarschaft. Soweit so gut. Das Dumme ist nur: Das Projekt, das ich vor Wochen vorgelegt habe, braucht aber zumindest einen Sozialtrakt um Workshops und dergleichen anzubieten. Die Fläche, die ich bekommen sollte, war reiner Wald. Ohne Strom, Wasser und Abwasser. Was soll ich denn damit? Trotzdem verblödet (keine Ahnung wie ich auf diesen Ausdruck komme) man sich nicht, zu schreiben, dass es dem Interessenten daher lediglich um die Verhinderung einer wirtschaftlichen Nachnutzung der Fläche der ehemaligen Baumschule Heidenholz geht.

Das ist ja wohl die Höhe! So kann man die Sache auch darstellen! Ich bin richtig wütend. Meine feministische Ader beschwert sich außerdem, dass ich eine Interessentin und kein Interessent bin. Vor lauter Ärger vergesse ich glatt, mich zu fragen, ob es denn mit den Stadtverordneten abgesprochen war, noch ein Stück vom Wald zu verkaufen.

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Vor und hinter den Kulissen tut sich was

Ohne, dass es mir tatsächlich bewusst wird, beginnen just zu dieser Zeit im Hintergrund die Mühlen zu mahlen, die das Rad vielleicht doch noch zu unseren Gunsten drehen könnten. Ich habe mit meinem Anruf beim Ministerium etwas angeschubst, was der Problematik einen anderen Ansatz verleihen wird.

Aber das weiß ich zu dieser Zeit noch nicht, sondern ich habe indes schon wieder einen neuen Plan. Da ich in meinem sehr abwechslungsreichen Arbeitsleben auch irgendwann gelernt habe wie man Internetseiten programmiert, setze ich mich an den Rechner und bastle eine Informationsseite. Dort trage ich alles Material zusammen, was ich zum Thema finden kann. Ganz egal ob positiv oder negativ für unsere Sache. Ich bemühe mich um relative Objektivität, denn ich will ja informieren und nicht gleich verurteilen. Zugegeben, dass fällt mir schon etwas schwer, aber ich nehme es mir vor.

Inzwischen trudelt auch Post von den Baumfreunden Emmerich ein. An die hatte ich mich, als im Zuge meiner Verzweiflung Hilferufe in alle vier Winde geschickt habe, gewendet. Was sie schreiben, beweist wieder einmal, dass wir hier in unserem Wulfenfort beileibe kein Einzelfall sind.
Dort steht:

Solche Machenschaften, wenn auch nicht so massiv, seitens der Stadtverwaltung mit dem Bürgermeister an der Spitze, kennen wir hier auch.
Unser Rat lautet: Sprechen Sie mit einem Rechtsanwalt, und lassen sich beraten, ob es noch möglich ist, den Ratsbeschluss für den ominösen Verkauf der alten Baumschule mittels eines Bürgerbegehrens / Bürgerentscheides zu Fall zu bringen. Das ist allerdings mit dem Sammeln von Unterschriften verbunden.

……

Bei uns hat diese Methode geholfen, wenn auch erst ein Kompromiss beim Verwaltungsgericht in Düsseldorf gefunden werden konnte. Wir haben übrigens die Adresse unseres Anwaltes ebenfalls von “Mehr Demokratie” erhalten.
Die Dienstaufsichtsbeschwerden müssen Sie persönlich abgeben und sich den Empfang bestätigen lassen oder per Einschreiben mit Rückschein dort hinschicken. Sonst wird einfach behauptet, die Beschwerden nie erhalten zu haben.
Übrigens, das stärkste Argument Ihrerseits ist, wenn es denn stimmt, dass es ein höheres Kaufpreisangebot gegeben hat. Dieses Argument können Sie immer mit Erfolg auf dem Rechtsweg nutzen. Beim Geld anzusetzen, hat leider immer die größten Aussichten auf Erfolg.
Die Presse immer wieder mit einzubeziehen, hat meistens auch eine gewisse Erfolgsaussicht.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bleiben Sie auf jeden Fall hartnäckig.
Solche Worte tun schon erst einmal gut. Nicht jeder, den ich angeschrieben habe, hat auch geantwortet. Leider hat die Sache mit dem Rechtsanwalt und auch der Dienstaufsichtsbeschwerde ja bei uns nichts gebracht. Aber immerhin gibt es Leute, die etwas bewirkt haben. Das macht mir neuen Mut.

Ich entdecke außerdem einen Artikel in der Online-Ausgabe unserer Stadtzeitung, der den Bürgermeister ziemlich unter Beschuss nimmt. Seit einigen Tagen kann man dort solche Sachen lesen wie:
Diesmal hat es der Wulfenforter Bürgermeister Felsentramp wohl übertrieben: Sein selbstherrliches Agieren beim Verkauf der ehemaligen Baumschule im Heidenholz hat zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in Rage versetzt. Anwohner, weitere an einer naturnahen Weiternutzung des betreffenden Geländes interessierte Einwohner und nicht berücksichtigte andere Bieter für das Areal blasen zum Sturm. Die altbekannte Taktik Felsentramps – das Aussitzen von Protesten – wird in diesem Fall wohl kaum funktionieren.

Es folgen noch einige andere saftige, aber durchaus begründete Vorwürfe. So offen kenne ich unsere Medien sonst gar nicht. Fast könnte mir der Bürgermeister ein bisschen leidtun. Aber dieses Gefühl wird schnell verfliegen.

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Bildquellenangabe: Kurt Michel  / pixelio.de